Giftschlangen-Alarm: Weltweiter Engpass bei Gegengift

Eine Ägyptische Sandrasselotter, aufgenommen in Kenia. Der Biss einer giftigen Schlange verläuft tödlich - wenn das passende Gegengift fehlt.
Eine Ägyptische Sandrasselotter, aufgenommen in Kenia. Der Biss einer giftigen Schlange verläuft tödlich - wenn das passende Gegengift fehlt.  © David Williams/dpa

Genf - Ein schriller Schrei, ein giftiger Taipan, und innerhalb von Minuten ringt Schlangenexperte David Williams mit Atemnot. Das Tier hat zugebissen. "Beeilt euch, Leute", beschwört er seine Kollegen noch, ehe er ins Koma fällt.

Die Schlange hatte Williams, den Leiter der australischen Schlangengiftforschung, im Jahr 2007 erwischt, vor laufenden Kameras eines Fernsehteams. Eine 1500 Euro teure Spritze mit Gegengift rettet ihm das Leben. "Wenn ich die nicht bekommen hätte, würdet ihr jetzt nicht mit mir reden, sondern meine Grabrede vorbereiten", sagt er nach dem Aufwachen trocken in die Kamera.

Williams hatte Glück, dass die Dosis Gegengift in der Klinik seines Schlangenprojekts in Papua-Neuguinea zur Hand war. Für weltweit mehr als 100.000 Menschen endet ein Schlangenbiss im Jahr dagegen tödlich. Das Fatale: Weltweit fehlt Antiserum.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf hat deshalb Alarm geschlagen. Williams hilft mit seiner Erfahrung dabei, die Produktion von sicheren Gegengiften anzukurbeln. Das Problem: In Afrika wurden die Märkte über Jahre mit kaum wirksamen Gegengiftmedikamenten aus Asien überschwemmt. Also gingen die Menschen zu dubiosen Heilern, die meist auch nichts nichts ausrichten konnten. Der Markt ging kaputt und der einzige Hersteller eines wirksamen Produkts - die französische Firma Sanofi -, das gegen Bisse von Schlangen in Afrika hilft, stellte die Produktion 2014 ein. Vor allem "in Afrika südlich der Sahara gibt es große Engpässe", sagt Micha Nübling, Leiter der zuständigen WHO-Abteilung.

Dabei ist Gegengift nicht gleich Gegengift. Wenn ein asiatischer Taipan zubeißt, hilft nur ein Mittel, das aus den Giftkomponenten der selben Tierart hergestellt wurde. Serum aus dem Gift indischer Nattern bewirkt in Afrika wenig.

Schlangenexperte David Williams beim Melken einer Schwarzotter in Papua-Neuguinea.
Schlangenexperte David Williams beim Melken einer Schwarzotter in Papua-Neuguinea.  © David Williams/dpa

In Afrika ist das Problem besonders groß, weil es kein einziges adäquates Mittel gibt. Bis zu 30.000 Menschen sterben jedes Jahr an Schlangenbissen. Indien ist auch in Nöten, da wird zwar Gegengift hergestellt, aber "viele Produkte sind von zweifelhafter Qualität", sagt Williams. Hier werden rund 50.000 Todesopfer pro Jahr durch Schlangenbisse gezählt.

Eine Lösung wäre, Schlangenbisse auf die Liste der vergessenen tropischen Krankheiten zu setzen, damit hoffentlich mehr Geld in wirksame Gegengifte investiert wird.

Zudem arbeitet die WHO an Richtlinien für die sichere Produktion wirksamer Mittel und lässt auch selbst Mittel testen, die gegen die Bisse möglichst vieler Giftschlangen in Afrika südlich der Sahara wirken.

Um Gegengift herzustellen, werden Giftschlangen gemolken und mit den gewonnenen Giftkomponenten, werden Pferde infiziert. Sie sterben daran nicht, bilden aber Antikörper, die bei der Blutentnahme gewonnen und für das Gegengift für Menschen verwendet werden.

In Deutschland gibt es nur zwei giftige Schlangen, die Kreuzotter und die Aspisviper. Auch hier habe ein langjähriger Lieferant aus Kroatien die Produktion eingestellt, sagt Florian Eyer, Chefarzt für Klinische Toxikologie am Klinikum rechts der Isar und Leiter des Giftnotrufs München. Ein polnisches Produkt sei aber auch recht wirksam. "Bei den deutschen Schlangen ist das Antiserum ohnehin nicht lebensrettend, sondern eher heilungsunterstützend", sagt er. Der Giftnotruf hält auch Seren parat, falls jemand in einem Zoologischen Garten oder von exotischen Giftschlangen im eigenen Terrarium gebissen wird.

Was machen aber Touristen auf Auslandsreisen? "Nicht barfuß im Busch herumlaufen, eine Taschenlampe mitnehmen und bei Dunkelheit Wege beleuchten", sagt Williams. Das Risiko gebissen zu werden, sei für Touristen aber minimal. Es treffe vielmehr Einheimische, die barfuß in Feldern arbeiten, und Kinder, die im Dunkeln zum Toilettengang nach draußen müssten.

Titelfoto: David Williams/dpa


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