Gefesselt auf dem Friedhof: Täuschte der Ex-Schulleiter seine Entführung nur vor?

Lübeck - Ein als vermisst gemeldeter Mann liegt verletzt und gefesselt auf dem Waldfriedhof in Timmendorfer Strand. Im Oktober 2018 hatte die vermeintliche Entführung noch für großes Aufsehen gesorgt (TAG24 berichtete). Von den Tätern fehlte jede Spur. Doch jetzt soll alles ganz anders sein, als es bislang schien.

Der Angeklagte (rechts) steht in einem Gerichtssaal des Landgerichts neben seinem Anwalt Christian Schumacher.
Der Angeklagte (rechts) steht in einem Gerichtssaal des Landgerichts neben seinem Anwalt Christian Schumacher.  © DPA

Denn vor dem Lübecker Landgericht muss sich von Mittwoch an das 38-jährige vermeintliche Opfer vor Gericht verantworten. Unter anderem soll der Mann die eigene Entführung nur vorgetäuscht habe (TAG24 berichtete).

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten daher Vortäuschen einer Straftat aber auch Betrug und Urkundenfälschung vor. Denn darüber hinaus müsse sich der 38-Jährige auch wegen schweren Raubes verantworten, weil er im Sommer 2018 einen Discounter überfallen und mehrere Tausend Euro erbeutet haben soll.

Rund ein Jahr zuvor soll er sich zudem mit gefälschten Ausbildungszeugnissen eine Stelle als Leiter einer Privatschule in Lübeck erschlichen haben.

Erst als er im Oktober 2018 behauptete, er sei überfallen und tagelang gefangen gehalten worden, flog der inzwischen 39-Jährige auf. Zwei Geocacherinnen hatten den Mann während einer GPS-Schnitzeljagd verletzt und gefesselt auf dem Waldfriedhof im Ostseebad Timmendorfer Strand gefunden (TAG24 berichtete).

Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals wegen Verdachts des erpresserischen Menschenraubs. Der Mann aus Lübeck hatte ausgesagt, aus seiner Wohnung gekidnappt und mehrere Tage an einem ihm unbekannten Ort festgehalten worden zu sein.

Zum Prozess sind 15 Zeugen und eine Sachverständige geladen. Ein Urteil soll voraussichtlich Anfang Februar verkündet werden.

Update, 17.06 Uhr: Angeklagter gesteht

Jetzt kommt der kuriose Fall in Lübeck vor Gericht.
Jetzt kommt der kuriose Fall in Lübeck vor Gericht.

Falsche Selbstwahrnehmung, Geltungssucht oder blühende Phantasie: Ein 39 Jahre alter Mann hat Jahre lang in einer Scheinwelt gelebt und dabei Straftaten begangen.

Die Anklage wirft ihm unter anderem schwere räuberische Erpressung, Urkundenfälschung, Betrug und Vortäuschen einer Straftat vor.

Gleich zu Prozessbeginn am Mittwoch hat der Angeklagte vor dem Landgericht Lübeck ein umfassendes Geständnis abgelegt. "Sämtliche Vorwürfe der Anklage sind zutreffend. Ich bereue, was ich getan habe", sagte er.

Das schwerste Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird, ist ein Raubüberfall auf einen Discounter in Lübeck im Juli 2018. Er bedrohte zwei Mitarbeiterinnen des Marktes mit einer Softairwaffe und raubte die Tageseinnahmen in Höhe von mehr als 4000 Euro.

Eine der Angestellten sagte vor Gericht, sie leide noch heute unter dem damals Erlebten. Voller Wut rief sie in Richtung Anklagebank: "Wenn man Geld braucht, geht man arbeiten und macht nicht anderer Leute Leben kaputt." Eine Entschuldigung des Mannes nahm sie nicht an.

Im Oktober 2018 behauptete der Angeklagte, Opfer einer Entführung geworden zu sein. Zwei Joggerinnen hatten ihn damals verletzt und gefesselt auf einem Friedhof im Ostseebad Timmendorfer Strand gefunden.

Der Polizei sagte er, er sei in seiner Wohnung überfallen und verschleppt worden. Die Kidnapper hätten ihn mehrere Tage gefangen gehalten und ihn schließlich auf dem Friedhof an eine Bank gefesselt zurückgelassen.

"Ich habe mich selbst mit einem Skalpell verletzt und mich mit Kabelbindern gefesselt", sage der Angeklagte vor Gericht. Zuvor sei er fast zwei Wochen kreuz und quer durch Europa bis nach Schottland gereist. "Dort wollte ich mich eigentlich umbringen, aber das hat nicht geklappt, deshalb bin ich zurück nach Deutschland."

Suizidgedanken hatte die psychiatrische Gutachterin allerdings bei dem Angeklagten nicht ausmachen können. "Er hat einen Hang zum Geschichtenerzählen und herausragende manipulative Fähigkeiten. Wunsch und Wirklichkeit in seinem Leben klafften weit auseinander", lautete ihr Urteil.

Bereits im Sommer 2017 hatte er sich mit gefälschten Zeugnissen eine Stelle als Leiter einer Betreuungseinrichtung des Kinderschutzbundes erschlichen. "Ich wollte gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeiten", sagte der Vater eines Sohnes.

Da er jedoch mit seinem Hauptschulabschluss keine Chance dafür gesehen habe, habe er eine Urkunde gefälscht, die ihn als Doktor der Psychologie auswies. Der als Zeuge geladene Geschäftsführer des Kinderschutzbunds sagte: "Er machte einen sehr sympathischen Eindruck und war hoch engagiert."

Der Prozess wird am 30. Januar mit einer Zeugenvernehmung fortgesetzt. Danach sollen voraussichtlich die Plädoyers gehalten werden.

Titelfoto: DPA


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0