Was machte ein Glauchauer Bürgermeister in Brasilien?

Glauchau/Joinville - Der ehemalige Glauchauer Bürgermeister Ottokar Dörffel (1818-1906) gilt in der brasilianischen Großstadt Joinville bis heute als einer der einflussreichsten Persönlichkeiten. Jetzt sind Briefe des Auswanderers veröffentlicht worden, die er nach Sachsen schrieb.

Von Sachsen in die Neue Welt: Ottokar Dörffel (1818-1906) wanderte nach Brasilien aus und erwarb sich dort Verdienste, die bis heute Würdigung erfahren.
Von Sachsen in die Neue Welt: Ottokar Dörffel (1818-1906) wanderte nach Brasilien aus und erwarb sich dort Verdienste, die bis heute Würdigung erfahren.  © wikipedia

In den revolutionären Wirren 1848/49 war der Rechtsanwalt wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt worden. Trotz späteren Freispruchs war die Lage so schwierig, dass er auswanderte.

Er ließ sich mit Ehefrau Ida in der Siedlung Dona Francisca nieder - dem heutigen Joinville, wo die meisten Einwohner deutsche Wurzeln haben. In der 570.000-Einwohner-Stadt im Süden Brasiliens ist heute noch eine der bekanntesten Straßen nach dem gebürtigen Waldenburger benannt.

Umtriebig blieb er: Landwirtschaft reichte ihm bald nicht mehr, so das Sächsische Staatsarchiv: "Recht schnell überwogen bei ihm wieder politisches Engagement und Tätigkeit in der Verwaltung, dessen Höhepunkte die Wahl zum Bürgermeister des Ortes und die Ernennung zum dortigen Konsul des Deutschen Reiches in den 1870er-Jahren waren."

Dörffel gab zudem die "Kolonie-Zeitung" als erste deutsche Zeitung Südbrasiliens raus - sie hatte 80 Jahre Bestand.

Auch ein Straßenname ehrt den deutschen Einwanderer.
Auch ein Straßenname ehrt den deutschen Einwanderer.  © Imago

Zurück nach Sachsen kam das Ehepaar nie, hielt aber per Brief Kontakt. Es gibt fast 100 Briefe über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahre, die nun das Sächsische Staatsarchiv veröffentlicht hat - für intensive und auch amüsante Einblicke ins Auswandererleben.

Nach der Ankunft schrieb Dörffel: "Der Zustand, in welchem wir die Colonie Dona Francisca angetroffen haben, war selbst den im Allgemeinen geringen Erwartungen, die ich mir von derselben gemacht hatte, keineswegs entsprechend."

Interessant aus heutiger Sicht: "Eine Notwendigkeit der deutschen Einwanderer zu umfassender Akkulturation oder gar Assimilation in dem von deutschen Strukturen geprägten Ort bestand nicht", so die Forscher des Staatsarchives.

Austausch zwischen Joinville und Glauchau gibt es bis heute. Auch Dörffels 200. Geburtstag wurde in Joinville groß gefeiert...

In Glauchau erinnert diese Tafel am früheren Haus des Politikers an ihn.
In Glauchau erinnert diese Tafel am früheren Haus des Politikers an ihn.  © Andreas Kretschel
Die Stadt Joinville. Heute leben hier rund 570.000 Menschen.
Die Stadt Joinville. Heute leben hier rund 570.000 Menschen.  © Imago

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