Nach Siemens-Schließung: Görlitzer OB zwischen Wut und Advent

Bei Protesten gegen die Umstrukturierungspläne von Bombardier reihte sich OB Deinege im Frühjahr wie selbstverständlich mit ein.
Bei Protesten gegen die Umstrukturierungspläne von Bombardier reihte sich OB Deinege im Frühjahr wie selbstverständlich mit ein.  © Jens Trenkler

Görlitz - In Sachsens östlichster Stadt ist die Advents-Vorfreude getrübt. Die Ankündigung des Siemens-Konzerns, das Turbinenwerk mit rund 900 Beschäftigen zu schließen, hat eine Welle der Wut zurückgelassen. Auch Oberbürgermeister Siegfried Deinege (62) nimmt sich da nicht aus.

Doch er will kämpfen für die Zukunft seiner Stadt. Als ehemaliger Betriebsleiter bei Bombardier, dem anderen großen Arbeitgeber (und Sorgenkind!) der Stadt, kennt er die Schwierigkeiten, aber auch die Bedeutung und die Möglichkeiten der Industrie ganz genau.

Auf dem Obermarkt in Görlitz' historischer Altstadt zimmern Arbeiter dieser Tage eine Eislaufbahn zurecht.

Eine Fichte, noch ungeschmückt, kündigt in Rathausnähe den Weihnachtsmarkt an. Ab Freitag wird hier der Glühwein fließen, doch wenn beim Feiern ein bitterer Nachgeschmack bleibt, ist der sicher nicht schuld.

Alle an einen Tisch: Deinege fordert den Siemens-Konzern und die Politik zu Verhandlungen auf.
Alle an einen Tisch: Deinege fordert den Siemens-Konzern und die Politik zu Verhandlungen auf.  © Eric Münch

Eher die Sorge um die Zukunft der Stadt, die wie Mehltau über dem architektonischen Kleinod an der Neiße liegt.

Siegfried Deinege ist gefragt in diesen Tagen. Ein Kamerateam hat sich breitgemacht in seinem holzgetäfelten Dienstzimmer: Der OB soll einen O-Ton abgeben, während Siemens-Beschäftigte aus ganz Deutschland in Berlin protestieren. Deinege hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg.

Als "eiskalt und brutal" hat er schon vorher das Vorgehen der Siemens-Führung bezeichnet. Aus ihrer Verantwortung will er sie nicht so einfach entlassen.

"In so einer Stadt wie Görlitz sind ja Generationen von Familien in diesen Werken tätig", sagt er denn auch kurz darauf im Gespräch mit TAG24.

Wenn jetzt Siemens dichtmacht, dazu vielleicht noch Bombardier (wie angekündigt) Teile des Waggonbaus aus Görlitz verlagert, dann beträfe das nicht nur die Beschäftigten dort. "Sondern das geht bis in den Mittelstand rein, in Service und Handel." Heißt: An jedem Industriearbeitsplatz, der verloren geht, hängen noch andere dran. Was also tun?

Eine angenehme Pflicht zwischendurch: OB Deinege war natürlich dabei, als Yvonne Catterfeld und Götz Schubert sich am Donnerstag ins Goldene Buch eintrugen.
Eine angenehme Pflicht zwischendurch: OB Deinege war natürlich dabei, als Yvonne Catterfeld und Götz Schubert sich am Donnerstag ins Goldene Buch eintrugen.  © Stadt Görlitz

OB Deinege ist diplomierter Ingenieur, war lange im Waggonbau tätig, auch nach der Übernahme durch Bombardier.

Er akzeptiert nicht, wenn eine Konzernleitung "den Weg des geringsten Widerstandes" gehen will, nur weil der Osten - in diesem Fall Görlitz - keine Lobby hat.

Der 62-Jährige, der trotz SED-Vergangenheit vor fünf Jahren von einem breiten Wahlbündnis (inklusive CDU und FDP!) zur OB-Wahl gedrängt wurde, diese haushoch gewann, will auch jetzt nicht aufgeben. Sondern Gespräche einfordern.

Dass gerade jetzt die Politik im Freistaat und im Bund eher mit sich selbst beschäftigt ist, sei nicht schön, doch ändern kann er es nicht.

"Wir müssen ins Gespräch kommen", sagt er immer wieder, und meint damit vor allem den Siemens-Konzern, auch deren regionale Führungsebene, aber eben auch die Belegschaft und die Politik.

Hier steht er und kann nicht anders: OB Siegfried Deinege (62) gibt sich zurzeit ebenso kämpferisch wie gesprächsbereit.
Hier steht er und kann nicht anders: OB Siegfried Deinege (62) gibt sich zurzeit ebenso kämpferisch wie gesprächsbereit.  © Eric Münch

"Wir haben ein Wahnsinns-Potenzial", betont Deinege, und meint die moderne Ausstattung der Betriebe genauso wie die gute Ausbildung der Arbeitskräfte.

Gemeinsam müsse man nun überlegen, was zukünftig geht auf dem Markt, was man besser machen könne.

Eine Wirtschaftsförderung der Region sei außerdem nötig, solange die Grenzlage noch Nachteile mit sich brächte.

Seit wenigen Jahren erst ist die Bevölkerungsentwicklung in Görlitz nicht mehr rückläufig, siedelten sich auch junge Familien wieder an.

"Wenn man denen jetzt Abfindungen anbietet, dann gehen die", befürchtet Deinege. Eine halbwegs gute Nachricht kommt rein.

Es könne sein, dass es nächste Woche zu ersten Gesprächen auf Arbeitsebene komme, wurde ihm vom Rande der Siemens-Proteste in Berlin gesteckt. Das wäre ein Anfang. Dann muss Deinege los, eine Filmpremiere (wir sind in Görliwood!) wartet auf ihn. Titel des Kinderstreifens: "Der Zauberlehrling". Einen solchen könnte Görlitz in diesen Tagen gut gebrauchen.

Vom Obermarkt (Foto) zum Untermarkt zur Neiße: Die Görlitzer Altstadt ist eine der schönsten in ganz Deutschland.
Vom Obermarkt (Foto) zum Untermarkt zur Neiße: Die Görlitzer Altstadt ist eine der schönsten in ganz Deutschland.

Schmucke Stadt mit reicher Geschichte

Görlitz ist keine typische Stadt. Rund 950 Jahre alt, wechselte die Neiße-Gemeinde oft die Herrscher, war mal bei Böhmen, dann bei Preußen, ist nun wieder sächsisch. Jedenfalls der deutsche Teil: Mit Ende des Zweiten Weltkriegs ging der Ostteil an Polen über. Seit 1998 begreifen sich Görlitz/Zgorzelec offiziell als Europastadt.

Im 19. Jahrhundert war Görlitz mal reichste Stadt Deutschlands, woran auch die Industrialisierung und das Tuchmacher-Gewerbe ihren Anteil hatten. Heute zeugen weniger die aktuellen Wirtschaftsdaten, dafür aber die prächtigen, denkmalgeschützten Häuser der Altstadt davon.

Nach deren Sanierung in den 90er- und nuller Jahren wurde auch Hollywood auf die Neißestadt aufmerksam. Immer neue Produktionen (z.B. "Budapest Hotel") wurden und werden hier gedreht.

Nach einer großen Abwanderungswelle (von 72 000 Einwohnern in 1990 auf nur noch 54 000 im Jahr 2013) erholte sich die Stadt zuletzt ein wenig. Dieser Trend ist nun in Gefahr.

TAG24-Redakteur Markus Griese (inks) im Gespräch mit dem Görlitzer OB Siegfried Deinege.
TAG24-Redakteur Markus Griese (inks) im Gespräch mit dem Görlitzer OB Siegfried Deinege.  © Eric Münch

Ein Ingenieur im Rathaus

Der Lebenslauf von OB Siegfried Deinege liest sich eher ungewöhnlich. Geboren wurde er 1955 in Polen, gelernt hat er zunächst Facharbeiter für Metallurgie.

Mehrere Studien schlossen sich an. Seit 1979 war Deinige beim Waggonbau Görlitz tätig, seit 1990 als Fertigungsleiter.

1995 wurde er Produktionsdirektor, ab 2010 (mittlerweile gehört der Betrieb zu Bombardier) als General Manager in Berlin. 2012 wählten ihn fast 70 Prozent der Görlitzer zum OB.

Im März waren es Pläne von Bombardier, die die Görlitzer Bürger auf die Straße brachten. Nun setzte es mit den Siemens-Plänen zur Werksschließung den zweiten Tiefschlag.
Im März waren es Pläne von Bombardier, die die Görlitzer Bürger auf die Straße brachten. Nun setzte es mit den Siemens-Plänen zur Werksschließung den zweiten Tiefschlag.  © Jens Trenkler
Auch das Filmgeschäft gehört zu Görlitz. Die Hauptdarsteller der ARD-Krimireihe Wolfsland, Yvonne Catterfeld (37) und Götz Schubert (54) sind gerade zu Dreharbeiten in der Region.
Auch das Filmgeschäft gehört zu Görlitz. Die Hauptdarsteller der ARD-Krimireihe Wolfsland, Yvonne Catterfeld (37) und Götz Schubert (54) sind gerade zu Dreharbeiten in der Region.  © Stadt Görlitz

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