"Greedfall" im Test: Ein Rollenspiel der alten Schule, endlich!

Paris - Ein Rollenspiel, angelehnt an alte Bioware-Titel wie "Mass Effect" und "Dragon Age" und kombiniert mit dem Grafik-Stil von "The Witcher", wenn dieses im Europa des 17. Jahrhunderts angesetzt sei. "Greedfall" hat bereits vor Release einige Lorbeeren eingeheimst. Fragt sich nur: Kann das Spiel die Erwartungen auch erfüllen?

Mit "Greedfall" veröffentlicht Focus Home Interactive das neueste Rollenspiel des französischen Entwicklerstudios Spiders.
Mit "Greedfall" veröffentlicht Focus Home Interactive das neueste Rollenspiel des französischen Entwicklerstudios Spiders.  © Koch Media/Focus Home Interactive

Der Hauptmann ist wenig begeistert, als er bemerkt, was geschehen ist. Wir haben soeben seine unmenschlichen Machenschaften aufgedeckt, seine Rekruten haben sich von ihm abgewandt und einer seiner zwei Ausbilder ist bereits gefallen. Seinen Kampfgeist scheinen meine Worte jedoch alles andere als gebrochen zu haben. Na gut, dann wollen wir mal sehen, wie du dich gegen mein Team schlägst.

Mit "Greedfall" veröffentlicht Focus Home Interactive den neuesten Titel des französischen Entwicklers Spiders. Das Studio mit Sitz in Paris machte sich laut "Gamestar" bereits in der Vergangenheit einen Namen durch solide Rollenspiel, die allerdings nie ganz bemerkenswert waren. Mit "Greedfall" soll sich dies jedoch ändern. Bereits im Vorfeld war von einem Spiel im Stil alter Bioware-Titel wie "Mass Effect" und "Dragon Age" die Rede, wobei die Grafik eher an CD Projekt Reds letzten "The Witcher"-Teil angelegt sei.

Zwar mag die Messlatte bei letzterem Punkt vielleicht etwas hoch gesetzt gewesen sein. Abgesehen davon, macht "Greedfall" jedoch fast alles richtig.

Das Spiel versetzt Euch in eine fiktive Welt, angelehnt an das Europa des 17. Jahrhunderts, in der eine unheilvolle Seuche namens Malichor droht, euer Volk auszulöschen. Als Gesandte oder Gesandter (rollenspiel-typisch erstellt Ihr zu Beginn Euren eigenen Charakter) der Kongregation, einer von mehreren Fraktionen des Spiels, macht Ihr Euch auf, die geheimnisvolle Insel Teer Fradee zu erkunden und ein Heilmittel zu finden.

Die Suche spielt dabei allerdings nur eine untergeordnete Rolle, denn bereits kurz nach Eurer Ankunft auf der Insel werdet Ihr in die Machenschaften, Ränkespiele und Konflikte auf Teer Fradee verwickelt und müsst fortan die Beziehungen zwischen den verschiedenen Fraktionen managen.

Review zu "Greedfall": Ihr entscheidet, wo es lang geht

Das Spiel versetzt Euch auf die geheimnisvolle Insel Teer Fradee, auf der fantastische Kreaturen und Bestien leben und zahlreiche Fraktionen um die Oberhand kämpfen.
Das Spiel versetzt Euch auf die geheimnisvolle Insel Teer Fradee, auf der fantastische Kreaturen und Bestien leben und zahlreiche Fraktionen um die Oberhand kämpfen.  © Koch Media/Focus Home Interactive

Die zahlreichen Gruppen, ihre Geschichten und Kulturen und die Art und Weise, wie sie zueinander stehen, ist eine der größten Stärken von "Greedfall".

Da wären Teer Fradees indigene Stämme, die allesamt sehr naturverbunden Leben und sich der Magie der Insel bemächtigen können. Die Brückenallianz setzt hingegen auf wissenschaftlichen Fortschritt und Allianz und ist an Kulturen des Nahen Ostens angelehnt. Die Theleme brüsten sich damit, an den einzig wahren Gott zu glauben, religiöse Artefakte einsetzen und deren Inquisitoren jeden verfolgen, der nicht ihren Glauben vertritt. Ihr selbst gehört der bereits erwähnten Kongegration an, die sich selbst als neutral bezeichnet und versucht, zwischen den anderen Gruppen zu vermitteln.

Dazu könnt Ihr Euch einer Vielzahl an Mitteln und Wegen bedienen, vom direkten Kampf über Stealth-Einsätze bis zum Dialog. "Greedfall" überlässt es meist Euch, wie Ihr eine Mission zum Abschluss bringt und bietet dabei eine Fülle an Lösungswegen und Endungen an. Die eingangs beschriebene Szene startete beispielsweise mit einer Quest, die wir für unseren Freund Kurt erledigen. Auf der Suche nach einem seiner Schützlinge stoßen wir auf ein Ausbildungslager der Armee, in dem Rekruten gefoltert und brutal ermordet werden. Nachdem wir unsere Nachforschungen beendet, dabei jedoch einen jungen Soldaten namens Wilhelm in Bedrängnis gebracht haben, können wir diesen noch retten oder gleich den Hauptmann konfrontieren. Bei unserem ersten Durchgang entschieden wir uns für Letzteres, verscherzten es uns mit Kurt, der den Jungen retten wollte und mussten es schließlich mit dem gesamten Lager aufnehmen. Beim zweiten Mal retteten wir zunächst Wilhelm, brachten so die Rekruten auf unsere Seite und kämpften schließlich lediglich gegen den Hauptmann und seine Ausbilder.

Wir hätten aber auch im ersten Durchgang einiges an Blutvergießen vermeiden können, hätten wir vorher mehr Erfahrungspunkte im Punkt "Charme" gesammelt. Auch hier zeigt sich wieder: "Greedfall" ist ein Rollenspiel, durch und durch. Ihr verbessert kontinuierlich Euren Charakter, schaltet dadurch neue Lösungswege frei und erschließt Euch so mehr und mehr die Welt.

Kritik an "Greedfall": Man muss eben etwas Zeit mitbringen

Als Teil eines Dreierteams - eine von vielen Anleihen an alte Bioware-Hits - ist es an Euch, die Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen auszuloten und ein Heilmittel für die unheilvolle Seuche zu finden, die Euer Volk bedroht.
Als Teil eines Dreierteams - eine von vielen Anleihen an alte Bioware-Hits - ist es an Euch, die Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen auszuloten und ein Heilmittel für die unheilvolle Seuche zu finden, die Euer Volk bedroht.  © Koch Media/Focus Home Interactive

Gerade zu Beginn hätten wir uns jedoch gewünscht, dass das Leveln etwas schneller vonstatten geht.

Der Schwierigkeitsgrad von "Greedfall" ist bereits auf der mittleren Stufe anspruchsvoll und lässt Euch zumindest in den ersten Spielstunden regelmäßig den "Game Over"-Screen erblicken. Dadurch seid Ihr häufig gezwungen, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, lernt jedoch auch, dass es auf Teer Fradee wichtiger ist, auf Diplomatie zu setzen, statt Eure Klinge zu wetzen, die Pistole zu ziehen oder schon mal den nächsten Zauberspruch bereitzuhalten.

Zwar konnten wir während unseres Tests ein paar kleinere Performance-Problemchen feststellen. Blätter hingen in der Luft fest oder NPCs standen plötzlich in der Gegend herum, statt ihren Aufgaben nachzugehen. Größere Ausfälle, wie sie beispielsweise zum Start von Skyrim auftraten, gab es allerdings nicht - und das sogar vor dem Day-One-Patch.

Tatsächlich machte "Greedfall" für uns eine ziemlich gute Figur. Die Grafik mag nicht ganz auf dem aktuellen Stand sein und Gesichter hier und da etwas befremdlich wirken. Gemessen an Rollenspiel-Standards, würden wir sie jedoch noch immer über dem Durchschnitt einschätzen. Die Soundkulisse spiegelt die Spielwelt wunderbar wieder, Waffen fühlen sich angenehm wuchtig an und auch die Synchronstimmen sind gut gewählt.

Einen Kritikpunkt hätten wir da allerdings noch: Das Bachtracking. Zwar erschließt Ihr Euch mit zunehmender Spieldauer immer weiter die Insel und schaltet dabei auch Schnellreisepunkte frei. Gerade zu Beginn müsst Ihr jedoch immer wieder langwierige Fußmärsche hinnehmen. Ohnehin hat "Greedfall" jedoch - solltet Ihr wirklich jede Nebenmission absolvieren wollen - ein langsameres Erzähltempo, als man es vielleicht von anderen Titeln gewöhnt ist. Wer das Spiel wirklich genießen möchte, muss eben einfach etwas Zeit mitbringen.

Fazit:

"Greedfall" ist ein Rollenspiel der alten Schule, das den Geist klassischer Bioware-Titel atmet, sich jedoch keineswegs hinter diesen verstecken muss. Grafik und Sound machen eine gute Figur und gerade die Spielwelt lädt durch ihre einzigartige Kombination aus Fantasy und historischen Elementen immer wieder zum Erkunden ein. Performance-Probleme oder ähnliches gibt es kaum, dafür überzeugt "Greedfall" mit viel Liebe zum Detail. Wer mal wieder Lust auf ein wirklich gutes Rollenspiel hat und sich die Zeit nimmt, in dessen Welt einzutauchen, wird definitiv seinen Spaß haben.

Facts:

  • Spiel: "Greedfall"
  • Publisher: Focus Home Interactive
  • Genre: Rollenspiel
  • Erschienen am: 10. September 2019
  • Plattformen: PC, PS4, XBoxOne
  • Preis: Etwa 50 Euro (Amazon)
Begleitet werdet Ihr dabei unter anderem von Siora, einem Mitglied der indigenen Stämme Teer Fradees, die Euch mit ihrer Magie zur Seite steht.
Begleitet werdet Ihr dabei unter anderem von Siora, einem Mitglied der indigenen Stämme Teer Fradees, die Euch mit ihrer Magie zur Seite steht.  © Koch Media/Focus Home Interactive

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