Grünen-Spitzenkandidatin Katja Meier im Interview: "Wir haben vieles richtig gemacht"

Dresden - Am 1. September wählt Sachsen einen neuen Landtag. Der Countdown zum Urnengang läuft. "Wem diesmal die Stimme geben?", fragen sich viele Wähler. In der Reihe "Großes Sommer-Interview" wird die Morgenpost am Sonntag die Spitzenkandidaten der aussichtsreichsten Parteien vorstellen und befragen. Heute im Gespräch: Katja Meier (39), von den GRÜNEN.

Katja Meier im Gespräch mit TAG24-Redakteurin Juliane Weigt.
Katja Meier im Gespräch mit TAG24-Redakteurin Juliane Weigt.  © Thomas Türpe

TAG24: Frau Meier, wir haben uns hier am Elberadweg getroffen. Hat das einen Grund?

Katja Meier: Ja, ich bin gerne in der Natur, fahre gerne Fahrrad. Nur wenn es schneit und stürmt, nehme ich den ÖPNV.

Als Jugendliche haben Sie den Bass in der Punkband Harlekins gespielt. Kann man das noch irgendwo hören?

(Lacht) Ja, auf YouTube. Aber natürlich nur den Ton, in den 90ern konnte noch nicht jeder ein Video drehen. Ich war schon eher in der alternativen Szene unterwegs, hatte zerrissene Jeans an, eine Lederjacke und grün gefärbte Haare. Ich bin 1979 geboren, zur Wende war ich zehn Jahre alt. Nicht nur die Band, sondern die ganze Zeit hat mich beeinflusst und politisch geprägt.

Grünen-Chef Robert Habeck sagte einmal: "Reißt Fenster und Türen auf und meinetwegen auch gleich die ein oder andere Wand". Erleben Sie den Wahlkampf ebenso stürmisch?

Ja, es geht um richtig viel, um Klimaschutz und erneuerbare Energien. Nicht umsonst gibt es gerade eine globale Klimabewegung, angetrieben von jungen Menschen. Wichtig ist außerdem das Thema Demokratie. Hier braucht es eine klare Haltung.

Katja Meier mit Co-Spitzenkandidat Wolfram Günther (46, l.) und Grünen-Parteichef Robert Habeck (49).
Katja Meier mit Co-Spitzenkandidat Wolfram Günther (46, l.) und Grünen-Parteichef Robert Habeck (49).  © imago images/Harry Härtel

Wie stehen Sie denn zu der Haltung des Ministerpräsidenten?

Ich sehe keine. Er sagt zwar, er will nicht mit der AfD regieren – redet ihnen aber viel zu oft das Wort. Ich erwarte von ihm, dass er sich auf die Seite der Zivilgesellschaft stellt und eben nicht rechtspopulistischen Parolen hinterherläuft.

Was sind Ihre Themen?

Neben dem Klimaschutz ist es die Verkehrswende, also mehr ÖPNV-Angebote, Radwege und Fußverkehr. Auch die Gleichstellungspolitik steht bei uns im Fokus.

Mit wem möchten Sie gerne regieren?

Wir wollen gerne mit denen regieren, die das Land weltoffener, gerechter und ökologischer machen wollen. Sachsen braucht eine Frischzellenkur. Über die Möglichkeit von Koalitionen entscheiden die Wählerinnen und Wähler am 1. September.

Wie stehen Sie zu einem Vierer-Bündnis?

Ich finde das abwegig. Schauen Sie sich allein die programmatischen Unterschiede zum Thema Klimaschutz an. Mit Parteien, die an der Kohle festhalten wollen, können wir nicht koalieren.

Meier ist gegen den Wolfsabschuss - sie möchte lieber Schäfer unterstützen.
Meier ist gegen den Wolfsabschuss - sie möchte lieber Schäfer unterstützen.  © dpa/Julian Stratenschulte

Die Grünen sind eine "Großstadtpartei". Was tun Sie für die Bürger im ländlichen Raum?

Bei der Kommunalwahl im Mai haben wir auch jenseits der Großstädte deutlich zugelegt. Wir GRÜNEN engagieren uns im ländlichen Raum für Kitas, Schulen und die Gesundheitsversorgung vor Ort. Der ländliche Raum braucht aber vor allem bessere ÖPNV-Anbindungen – mindestens stündlich von 5 bis 24 Uhr. Wir GRÜNEN nennen das eine Mobilitätsgarantie.

Kann sich Sachsen das auch leisten?

Sachsen gibt wahnsinnig viel Geld aus, angefangen bei irrsinnigen Ortsumgehungen bis hin zum Ausbau von Häfen an der Elbe, die am Ende aufgrund anhaltenden Niedrigwassers ihre Güter letztendlich doch auf die Straße und Schiene verladen.

Ein großes Thema auf dem Land ist der Wolf: Abschuss ja oder nein?

Nein, nur wenn er eine Gefahr für die Menschen wird. Wir sollten die Schäfer unterstützen. Die Zäune müssen so gebaut werden, dass ein Wolfsangriff auf Weidetiere möglichst erfolglos bleibt.

Ein Dorn im Auge: Die Grünen wollen den Braunkohleabbau in der Lausitz so schnell wie möglich stoppen.
Ein Dorn im Auge: Die Grünen wollen den Braunkohleabbau in der Lausitz so schnell wie möglich stoppen.  © dpa/Monika Skolimowska

Das Thema Klimaschutz ist ja "en vogue" – spielt Ihnen das in die Karten?

Das zeigt ja nur, dass wir in den letzten Jahren richtig gelegen haben. Es gibt so viele Leute in Sachsen, die einen Politikwechsel wollen. Wir müssen massiv in erneuerbare Energien investieren. Zwei Drittel des CO2-Ausstoßes in Sachsen gehen derzeit auf das Konto der Braunkohleverstromung.

Sie wollen den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Braunkohle. Wie soll es danach in der Lausitz weitergehen?

Wir GRÜNEN wollen aus der Lausitz eine ÖPNV-Vorzeige-Region machen. Wir müssen Know-how in die Lausitz bringen, Forschungsinstitute ansiedeln, den Mittelstand nachhaltig stärken. Kein Unternehmen investiert, wenn es nicht weiß, wie es in der Region weitergeht.

Die SPD konnte es in ihrer Legislaturperiode nicht mehr durchsetzen: Wie stellen Sie sich ein modernes Gleichstellungsgesetz vor?

Im öffentlichen Dienst in Sachsen arbeiten zu etwa 65 Prozent Frauen. Doch in den Führungsetagen beträgt ihr Anteil nur 25 Prozent. Wer auch morgen noch qualifiziertes Personal in der Verwaltung haben will, muss für bessere Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen sorgen. Zudem geht es um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch Männer wollen heute mehr Verantwortung für die Familie übernehmen. Wir wollen ein Gesetz, das Teilzeitmöglichkeiten für alle im Blick hat. Auch dann, wenn es um pflegebedürftige Eltern geht.

Stattdessen haben wir nun das Sächsische Polizeigesetz. Wie stehen Sie zur Inneren Sicherheit?

Wir brauchen mehr Polizei vor Ort. Sie muss sichtbar und erlebbar sein. Das erhöht das subjektive Sicherheitsgefühl – besonders im ländlichen Raum. Von mehr Überwachung halten wir gar nichts. Darum klagen wir gegen das neue Polizeigesetz.

Täglich mit dem Rad unterwegs: Ginge es nach Meier, hätten Radwege einen höheren Stellenwert.
Täglich mit dem Rad unterwegs: Ginge es nach Meier, hätten Radwege einen höheren Stellenwert.  © Thomas Türpe

Was halten Sie von "Strategie-Wählern"? Solche, die lieber CDU wählen, damit die AfD nicht die Mehrheit der Stimmen bekommt …

Wer die CDU stark macht, weiß nicht, ob er am Ende nicht doch schwarz-blau bekommt… Und eine Minderheitsregierung wäre eine AfD-Beteiligung durch die Hintertür. Dafür stehen wir nicht zur Verfügung.

2015 sind Sie für Eva Jähnigen im Landtag nachgerückt. Jetzt, vier Jahre später, sind Sie Spitzenkandidatin. Haben Sie auch Interesse an einem Ministeramt?

Erst einmal geht es darum, ein gutes Ergebnis einzufahren. Alles andere sehen wir nach der Wahl. Aber natürlich wollen wir Verantwortung übernehmen.

Die Grünen erleben derzeit einen wahren Höhenflug. Glauben Sie weiterhin an den Erfolg?

Der seit 2017 kontinuierliche Mitgliederzuwachs ebbt nicht ab. Unsere Wahlveranstaltungen sind rappelvoll. Deswegen bin ich sehr optimistisch.

Interview: Juliane Weigt

Geboren wurde sie in Zwickau

Katja Meier wurde 1979 in Zwickau geboren, aufgewachsen ist sie im Plattenbaugebiet Eckersbach. Nach ihrem Abitur 1998 zog es Katja Meier raus in die Welt, sie studierte in Jena, Erfurt und Tartu (Estland) Politikwissenschaften, Geschichte und Soziologie, arbeitete später in Berlin und Wiesbaden.

Seit 2005 ist sie Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, seit 2015 sitzt sie im Landtag. In ihrer Fraktion bearbeitet sie Themen wie Verkehrs- und Rechtspolitik, Gleichstellung und Demokratie. Katja Meier ist Mitglied im Verfassungs- und Rechtsausschuss. Gemeinsam mit Wolfram Günther bildet sie die Doppelspitze für die Grünen bei der Landtagswahl 2019.

Meier wohnt Dresden.

Katja Meier (39) ist Spitzenkandidatin für die Grünen bei der Landtagswahl.
Katja Meier (39) ist Spitzenkandidatin für die Grünen bei der Landtagswahl.  © Thomas Türpe

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