Nach tränenreicher Vergebung im SS-Prozess: Alles nur Fake?

Hamburg – Nach Zweifeln an einer Zeugenaussage im Hamburger Stutthof-Prozess will das Gericht die Unterlagen des Nebenklägers prüfen.

Der Angeklagte wird im Rollstuhl nach dem Prozess aus dem Gerichtssaal gebracht.
Der Angeklagte wird im Rollstuhl nach dem Prozess aus dem Gerichtssaal gebracht.  © Georg Wendt/dpa

Die Prozessbeteiligten bekämen die vom Anwalt des Zeugen Moshe Peter Loth zur Verfügung gestellten Dokumente zur Ansicht und könnten dazu Stellung nehmen, erklärte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring am Montag.

Ein Vertreter einer anderen Nebenklägerin forderte mit Nachdruck, die Sache aufzuklären.

Der 76 Jahre alte Loth aus Port Charlotte in Florida hatte am 12. November ausgesagt, er sei nach seiner Geburt am 2. September 1943 als Baby mit seiner jüdischstämmigen Mutter in dem Konzentrationslager bei Danzig inhaftiert gewesen.

Nach Recherchen des "Spiegel" gibt es jedoch keine Hinweise auf jüdische Vorfahren Loths. Seine Mutter sei zwar als Schwangere vier Wochen als "Erziehungshäftling" in Stutthof gewesen.

Eine zweite Inhaftierung bei oder nach seiner Geburt habe es aber vermutlich nie gegeben. Sollte diese Darstellung zutreffen, könnte Loth seinen Status als Nebenkläger verlieren.

Große Versöhnung gar nicht echt?

Peter Loth aus Florida (USA) hat seine Nebenklage-Zulassung zurückgezogen.
Peter Loth aus Florida (USA) hat seine Nebenklage-Zulassung zurückgezogen.  © Christian Charisius/dpa pool/dpa

Im November hatte sich zwischen dem Nebenkläger und dem angeklagten Bruno D. eine Szene abgespielt, die für viele Schlagzeilen sorgte.

Loth war auf den im Rollstuhl sitzenden 93-Jährigen zugegangen und hatte ihm mit großer Geste verziehen (TAG24 berichtete).

An die Zuschauer gewandt sagte er: "Passen Sie alle auf! Ich werde ihm vergeben."

Dann umarmten sich die beiden Männer. Nach der Verhandlung sagte Loth, beide hätten geweint.

"Ich bin erleichtert, dass ich mich bei einem entschuldigen konnte", sagte der ehemalige SS-Wachmann im Anschluss. "Es wird mir ewig leid tun, was Herrn Loth geschehen ist."

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 93-Jährigen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vor. Er soll zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben.

Titelfoto: Georg Wendt/dpa

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