Nach Überfall auf ihren Dessous-Laden muss eine Unternehmerin von Hartz IV leben

Schöne Dessous sind kostspielig. Das ist aber kein Grund, ein Leben dafür zu ruinieren.
Schöne Dessous sind kostspielig. Das ist aber kein Grund, ein Leben dafür zu ruinieren.  ©  EPA/Narong Sangnak +++(c) dpa

Hamburg - Ein 26-Jähriger ließ sich in einem Hamburger Dessous-Geschäft beraten. Als er gefunden hatte, was er wollte, bezahlte er die Ware nicht - sondern sprühte der Verkäuferin Pfefferspray ins Gesicht.

Die Frau kann den Vorfall bis heute nicht verarbeiten - und lebt inzwischen von Hartz IV, berichtet Die Welt.

Der Überfall am 14. Juli 2016 hat das Leben der Inhaberin des Dessous-Geschäftes verändert.

Dabei ist die ganze Geschichte bizarr und grausam: Der 26-jährige Abdul M. - in Afghanistan geboren, in Brunsbüttel lebend - und sein Bekannter Jhonatan (24, aus Kolumbien - zum Tatzeitpunkt ohne festen Wohnsitz) aus Hamburg kauften sich ein bisschen Cannabis.

Danach fuhren sie nach Lüneburg in die Gartenlaube eines Freundes. Weil ihnen nach weiblicher Gesellschaft zumute war, riefen sie Julia (Name geändert, Anfang 20) an. Zusammen feierte das Trio bis in die Morgenstunden. Sie tranken Alkohol, rauchten Drogen. Irgendwann schliefen sie ein.

Als Abdul verkatert wieder aufwachte, dämmerte ihm: Sie haben keine Drogen mehr, und leider auch kein Geld. Und so kam es, dass sie einen Plan ausheckten ... Julias Idee: Sie könnte im Bordell arbeiten. Das hatte sie schon mehrfach gemacht, erzählt Abdul später vor Gericht. Sie bräuchte nur die entsprechende Kleidung ...

Und die gibt's im Erotikgeschäft. Wie gesagt, Geld hatten sie keins. Sie müssen die Reizwäsche klauen.

Die Beschaffung im Laden wollte Abdul selbst übernehmen, Jhonatan sollte den "Fluchtwagen" fahren. Und Julia die Teile später im Bordell verticken.

Das Trio stieg also in den Wagen. Vor dem Dessous-Laden ließ Jhonatan den Motor laufen. Abdul ging mit einer Dose Pfefferspray rein ...

"Er fragte mich, wo er die Größe erkennen könne. Ich beugte mich zu ihm hinüber, da sprühte er mir das Pfefferspray direkt ins Gesicht", erzählt die Inhaberin vor Gericht. Abdul habe bis dahin wie ein ganz normaler Kunde gewirkt.

Abdul rannte zum Auto zurück. Er hielt Reizwäsche im Wert von 120 Euro in seinen Händen. Jhonatan gab Gas.

Angeblich seien sie dann in ein Bordell nach Hamburg-Wansbek gefahren. Hier sollte Julia erst anschaffen und die Wäsche am besten auch noch verkaufen. Die Männer ließen die junge Frau im Puff zurück und fuhren nach Harburg.

Doch ab jetzt änderte Julia ihre Pläne: Sie schickte Abdul eine Nachricht, dass sie nicht mehr mitmacht, blockiert ihn in ihrem Handy und verschwand.

Ob die Geschichte, so wie Abdul sie vor Gericht erzählt, tatsächlich abgelaufen ist, war bei Prozessbeginn Anfang August nicht herauszufinden.

Pech für Abdul: Wegen der genauen "Arbeitsteilung" zur Beschaffung der Unterwäsche handelt es sich für die Staatsanwaltschaft um besonders schweren Raub mit gefährlicher Körperverletzung. Dafür droht den beiden Angeklagten jeweils eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Immerhin zeigten beide vor Gericht Reue.

Julia ist als Zeugin vor Gericht nicht erschienen.

Die 29-jährige Verkäuferin hatte das Erotikgeschäft erst wenige Wochen vor dem Überfall als Franchise-Betrieb eröffnet.

Weil sie das Erlebte kaum verarbeiten kann, musste sie das Geschäft wieder abgeben. Heute lebt sie von Hartz IV.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Titelfoto: EPA/Narong Sangnak +++(c) dpa


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