Jugendliche neben Weihnachtsbaum erhängt: Überlebender berichtet vom KZ-Horror

Hamburg – Im Hamburger Prozess gegen einen früheren Wachmann im KZ Stutthof ist am Freitag eine Erklärung eines norwegischen Überlebenden verlesen worden.

Gunnar Solberg (l), Sohn des norwegischen KZ-Überlebenden Johan Solberg, kommt mit seinem Anwalt Patrick Lundevall-Unger in den Gerichtssaal.
Gunnar Solberg (l), Sohn des norwegischen KZ-Überlebenden Johan Solberg, kommt mit seinem Anwalt Patrick Lundevall-Unger in den Gerichtssaal.  © Daniel Reinhardt/dpa Pool/dpa

Der heute 97 Jahre alte Johan Solberg war demnach als Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung im Frühjahr 1944 gefangen genommen worden.

Am 13. August 1944 kam er mit rund 50 Gefangenen aus Norwegen in das Lager bei Danzig. "Meine erste Begegnung mit dem Lager war ein Schockerlebnis", hieß es in der Erklärung. Er habe gesehen, wie Wagen mit Leichen zum Krematorium geschoben worden seien. Ein Mann habe den Toten die Goldzähne herausgezogen.

Er habe elf Hinrichtungen beobachtet, ließ Solberg von seinem Sohn in der Erklärung protokollieren. "Am stärksten beeindruckt hat mich die Hinrichtung von zwei russischen Jungen am vierten Weihnachtstag (28. Dezember)." Die beiden Jugendlichen seien neben einem Weihnachtsbaum erhängt worden.

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Angeklagter in dem Prozess ist ein 93-Jähriger, der von August 1944 bis April 1945 in Stutthof als Wachmann im Einsatz war. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Er soll "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben.

Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Gefangenen zu verhindern.

Der Angeklagte wird in einer Pause in einem Rollstuhl aus dem Gerichtssaal gebracht.
Der Angeklagte wird in einer Pause in einem Rollstuhl aus dem Gerichtssaal gebracht.  © Daniel Reinhardt/dpa

Update, 16.23 Uhr: Das warfen die Nazis dem Norweger vor

Bruno D. (rechts) sitzt vor Beginn des Prozesses im Gerichtssaal neben seinem Anwalt Stefan Waterkamp.
Bruno D. (rechts) sitzt vor Beginn des Prozesses im Gerichtssaal neben seinem Anwalt Stefan Waterkamp.  © Daniel Reinhardt/dpa Pool/dpa

Solberg war als Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung im Frühjahr 1944 gefangen genommen worden.

Nach Angaben eines Rechtsbeistandes der Familie hatte Solberg geheime Aufzeichnungen mit Zahlen aus einer großen Waffenfabrik weiterleiten wollen.

Die Informationen sollten an die Engländer gehen. Mit rund 50 weiteren Gefangenen aus Norwegen war Solberg über die Ostsee in das Lager bei Danzig gebracht worden.

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Nach Verlesung der Erklärung beantwortete der Sohn des Zeugen Fragen. Er sagte, dass er die Erklärung in Gegenwart seines Vaters geschrieben habe. Dieser sei krank, aber völlig klar im Kopf. Nach einem Radio-Interview 1995 habe der Vater auf 90 Seiten seine Erinnerungen aufgeschrieben.

Auf diesen Aufzeichnungen basiere die Erklärung. Ihm und seiner Schwester habe der Vater von seinen Erlebnissen erst erzählt, als sie erwachsen waren, sagte der 66 Jahre alte Sohn.

Der Vater habe jahrzehntelang geschwiegen, weil er seine Kinder schonen wollte und weil er sich an eine Schweigeverpflichtung aus dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung gebunden fühlte.

Zeuge berichtet von Todesmarsch

Solberg wurde der Erklärung zufolge in Stutthof vergleichsweise gut behandelt. Ihm seien nicht die Haare abgeschnitten und er sei nicht geschlagen worden. Die norwegischen Gefangenen hätten kleine Pakete mit Lebensmitteln empfangen dürfen, die ihnen das Überleben ermöglichten.

Am schlimmsten hätten es die Juden im Lager gehabt. Über mehrere Wochen habe er gesehen, wie täglich etwa 100 von ihnen zur Gaskammer gehen mussten. Alle hätten gewusst, wohin es ging, viele hätten geweint. "Ich sah nicht direkt, dass sie in die Gaskammer gingen, aber es kam nie jemand zurück", erklärte Solberg.

Am 25. Januar 1945 habe er sich mit rund 1300 Häftlingen aus seinem Block auf einen Todesmarsch begeben müssen, den nur die Hälfte überlebte. Nach der Befreiung habe er mehrere Monate im Krankenhaus gelegen, bis er im August 1945 nach Norwegen zurückkehren konnte.

Dort habe er sich entschlossen, keine Rache zu wünschen, berichtete der Sohn. So habe es der Vater geschafft, ein gutes Leben mit seiner Familie zu führen. In der Erklärung betonte Solberg: "Ich hasse das Naziregime, aber ich hasse keine einzelnen Menschen."

Beim Verlassen des Gerichtssaals gingen der Sohn, der Rechtsbeistand und eine Dolmetscherin auf den Angeklagten Bruno D. zu und gaben ihm die Hand.

Anwalt Patrick Lundevall-Unger sagte in der folgenden Verhandlungspause, der 93-Jährige habe "Vielen, vielen Dank!" gesagt.

Weil es dem Angeklagten nach der Pause nach Angaben von Ärzten nicht gut ging, verzichtete das Gericht auf die eigentlich geplante weitere Anhörung des Historikers Stefan Hördler.

Titelfoto: Daniel Reinhardt/dpa

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