Hanau, der Lübcke-Mord und mehr: Ist Hessen ein Hotspot für rechtsextremen Terror?

Hessen - Im Juni 2019 wurde der Regierungspräsident der nordhessischen Stadt Kassel, Walter Lübcke, erschossen – ein bekannter Neonazi gilt als der mutmaßliche Täter. Nun die rassistische Blutnacht in Hanau – ist Hessen ein Hotspot für rechtsextremen Terror?

Blutnacht in Hanau: Polizisten und Rettungskräfte waren im Stadtteil Heumarkt im Einsatz.
Blutnacht in Hanau: Polizisten und Rettungskräfte waren im Stadtteil Heumarkt im Einsatz.  © Boris Rössler/dpa

Auf den Mord an Walter Lübcke folgte kurz darauf eine rassistische Attacke in der Kleinstadt Wächtersbach östlich von Frankfurt am Main.

Im Juli 2019 wurde dort auf einen jungen Afrikaner geschossen, der Mann aus Eritrea wurde dabei schwer verletzt (TAG24 berichtete).

Auch die mit "NSU 2.0" unterzeichneten Drohbriefe an die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden, die Spuren führten in das Frankfurter Polizeipräsidium.

Die Terror-Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) mordete übrigens ebenfalls in Hessen: 2006 erschossen die Terroristen in Kassel Halit Yozgat, den Betreiber eines Internetcafés.

Immer wieder Hessen – ist das nur Zufall, oder hat das Bundesland ein besonderes Problem mit Rechtsextremismus und Terror?

Experte Reiner Becker zu Rechtsextremismus in Hessen

Juli 2019: Stephan E., Tatverdächtiger im Mordfall Walter Lübcke, wird nach einem Termin beim Bundesgerichtshof zu einem Hubschrauber gebracht.
Juli 2019: Stephan E., Tatverdächtiger im Mordfall Walter Lübcke, wird nach einem Termin beim Bundesgerichtshof zu einem Hubschrauber gebracht.  © Uli Deck/dpa

Der Extremismus-Experte Reiner Becker von der Uni-Marburg sieht das nicht so. Hessen ist nach seiner Einschätzung nicht rechtsextremer als andere Bundesländer – trotz mehrerer Gewalttaten seit vergangenem Sommer.

"Man kann zwar sagen 'schon wieder Hessen', aber das ist jetzt nicht unbedingt etwas strukturell Spezifisches", sagte der Wissenschaftler. Aber: Es könne selbstverständlich ein subjektives Empfinden geben, dass Hessen ein größeres Problem mit Rechtsextremismus hat als anderswo.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz listet in seinem Bericht für das Jahr 2018 Hessen mit 25 rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten auf. Im Bundesländervergleich bedeutet dies mit Blick auf die absoluten Zahlen den 13. Rang. Bei den Bevölkerungszahlen liegt Hessen im Bundesländer-Ranking auf Platz 5.

"Was wir leider im Moment erleben ist, dass die Hemmschwelle von der angekündigten Tat, von der verbalen Aggression hin zu solch schrecklichen Gewalttaten anscheinend immer niedriger wird. Mit den bitteren Konsequenzen", mahnte Becker.

In Hessen gebe es nicht mehr die harte sichtbare rechtsextreme Szene wie früher, "wo es Kameradschaften gab, wo die NPD ganz anders aktiv war als heute", erklärte der Experte. "Das bedeutet aber nicht, dass wir es nicht mehr mit dem Thema Rechtsextremismus zu tun haben." Die Tat in Hanau zeige, dass die Motivation der Täter sehr unterschiedlich sein könne.

Rechtsextremismus bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitet

Becker warnte davor, sich Rechtsextremismus nur als das geschlossene ideologische Weltbild vorzustellen, mit nach außen zur Schau getragenen Radikalisierung. "Das war er noch nie." Die ideologischen Versatzstücke des Rechtsextremismus seien bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitet.

Es darf nach den Worten des Experten zwar nicht darum gehen, bei jeder Äußerung im Netz in einen Alarmismus zu verfallen. Aber man müsse es ernst nehmen, dass es seit Sommer 2015 eine Stimmungslage bei vielen Menschen gebe, die man zwar nicht per se als rechtsextrem bezeichnen könne, aber die ihre rassistischen Einstellungen hätten.

Laut Becker ist es "dringend notwendig" den Blick stärker auf dieses Phänomen zu lenken.

Nach der rassistischen Attacke in Wächtersbach im Sommer 2019 kam es zu einer Demonstration gegen rechten Terror in der Kleinstadt.
Nach der rassistischen Attacke in Wächtersbach im Sommer 2019 kam es zu einer Demonstration gegen rechten Terror in der Kleinstadt.  © Arne Dedert/dpa

Titelfoto: Boris Rössler/dpa

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