Hausbesuch im SOS-Kinderdorf: "Ich bin Mutti von Beruf"

Cornelia Riedel (53) ist seit 19 Jahren Pflegemutti.
Cornelia Riedel (53) ist seit 19 Jahren Pflegemutti.

Von Uwe Blümel

Zwickau - Sie ist fünffache Mutti, doch hat selbst gar keine Kinder geboren: Die ledige Cornelia Riedel (53) lebt als dienstälteste Pflegemutti seit 19 Jahren im SOS-Kinderdorf.

Sie kommt aus Breitenbrunn (bei Schwarzenberg), lernte Kinderkrankenschwester und wollte nach der Wende noch einmal neu durchstarten. „Ich hatte eine tolle Kindheit gehabt, wollte das auch anderen Kindern ermöglichen.“

Sie ging ein Jahr lang auf die Mütterschule und bezog 1996 im brandneuen SOS-Kinderdorf ein eigenes Familienhaus.
Das füllte sich bald mit Leben. Sechsjährige Zwillinge aus einem Heim waren ihre ersten Kinder, die das Jugendamt schickte.

„Erst kam das Mädchen, später folgte ihr Bruder. Ihre leibliche Mutti war einfach überfordert.“

Sie kümmert sich rührend um ihre Pflegekinder.
Sie kümmert sich rührend um ihre Pflegekinder.

Weitere Kinder kamen hinzu, kämpften mit dem ADHS-Zappelphilipp-Syndrom, waren Bettnässer oder wuchsen in zerrütteten Familienverhältnissen ohne viel Liebe auf.

„Anfangs muss man immer viel Vertrauen zurückgewinnen, das bei den Kleinen irgendwann abhanden gekommen ist“, erzählt Cornelia. „Mein Dreijähriger ließ mich Monate lang nicht für einen Gute-Nacht-Gruß ans Bett.

Erst nach fünf Wochen und mit Hilfe von zwei Kuscheltieren war das Eis gebrochen.“ Familie festigt. So wurde der unsichere Simon (12) in der Familie selbstbewusster.

Ist Kinderdorf-Mutti Beruf oder Berufung? Als Fünffach-Mutti macht Cornelia mit ihren Schützlingen Hausaufgaben, geht baden, in den Zoo („wir haben eine Jahreskarte“), fährt mit ihnen in den Urlaub („unsere Wanderferien waren herrlich“) und sorgt für Streicheleinheiten wie andere Muttis auch.

Und natürlich stehen auch waschen, kochen und putzen auf dem Haushaltsplan. Sechs Tage in der Woche ist sie Vollzeitmutti, einen Tag lang hat sie frei. Dann kümmert sich ein Erzieher um die Kleinen.

Ihre ersten Kinder sind inzwischen aus dem Haus. Jetzt kümmert sich Cornelia als Kinderdorf-Mutter bereits um ihre zweite Generation Nachwuchs. Wenn sie von ihren Schützlingen erzählt, spricht sie wie selbstverständlich von „Töchtern und Söhnen“.

Die haben oft auch noch leibliche Eltern, sagen aber nicht ohne Stolz: „Wer hat schon zwei Mamas?“ Cornelias Pflegetochter Sarah, die sie mit knapp drei Jahren im Dorf als Pflegemutti übernahm, ist inzwischen 20 Jahre alt und selbst Mutter des zweijährigen Leon.

„Für sie bin ich ‚die Mutti‘, für Leon ‚die Omi‘ - etwas Schöneres konnte mir nicht passieren“, erzählt Cornelia und ihre Augen beginnen zu leuchten. Der Rest ist wie in jeder anderen Familie auch: einmal Mutti, immer Mutti.

Natürlich hilft sie auch bei den Hausaufgaben.
Natürlich hilft sie auch bei den Hausaufgaben.
Die Kinder fühlen sich bei ihr sehr wohl.
Die Kinder fühlen sich bei ihr sehr wohl.

Fotos: Ralph Köhler


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