Hinter diesen Mauern werden jetzt ganz legal Drogen angebaut!

Neumünster - Noch wirkt die Anlage am Rande eines Gewerbegebiets von Neumünster wie der Rohbau einer schlichten Lagerhalle. Nichts deutet darauf hin, was dort künftig verborgen hinter 24 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden wachsen soll.

Seit 2017 können Patienten sich Cannabis zu medizinischen Zwecken regulär beim Arzt verschreiben lassen. Von 2020 an will eine Firma Cannabis im Auftrag des Bundes mitten in Schleswig-Holstein anbauen.
Seit 2017 können Patienten sich Cannabis zu medizinischen Zwecken regulär beim Arzt verschreiben lassen. Von 2020 an will eine Firma Cannabis im Auftrag des Bundes mitten in Schleswig-Holstein anbauen.  © Jens Kalaene/ZB/dpa

Im Auftrag des Bundes will die Aphria Deutschland GmbH aus Bad Bramstedt im Kreis Segeberg dort das erste in Deutschland angebaute medizinische Cannabis ernten (TAG24 berichtete) – unter hohen Sicherheitsvorkehrungen:

"Sie sind ähnlich hoch wie beim Tresorraum einer Bank", sagt Geschäftsführer Hendrik Knopp.

Seit März 2017 können sich deutsche Patienten medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben lassen. Wie Cannabis wirkt, ist lange bekannt.

Es kann etwa Spastiken bei Multipler Sklerose oder chronische Schmerzen lindern. Teils aber ist die medizinische Wirkung nur gering belegt, so bei Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapien oder beim Tourette-Syndrom, wie die Bundesärztekammer betont.

Bislang werden Cannabis-Blüten für medizinische Zwecke aus dem Ausland importiert, unter anderem vom kanadischen Mutterunternehmen der Firma aus Schleswig-Holstein.

Im Herbst soll der Rohbau des Gewächshauses in Neumünster fertiggestellt sein. Das Investitionsvolumen liegt nach Unternehmensangaben im zweistelligen Millionenbereich. Die erste Ernte soll hier Ende 2020 eingefahren werden.

Sicherheitsvorgaben für den Cannabis-Anbau sind enorm

Hendrik Knopp (r), Geschäftsführer des Betreibers Aphria Deutschland GmbH und Thorsten Kolisch, Baustellenleiter, stehen vor dem Rohbau einer Halle.
Hendrik Knopp (r), Geschäftsführer des Betreibers Aphria Deutschland GmbH und Thorsten Kolisch, Baustellenleiter, stehen vor dem Rohbau einer Halle.  © Carsten Rehder/dpa

Mitte April hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bekannt gegeben, dass Aphria und ein Berliner Unternehmen in Deutschland zusammen künftig mehrere Tonnen Cannabis für medizinische Zwecke anbauen dürfen.

In Schleswig-Holstein ist vier Jahre lang zunächst der Anbau von jährlich 800 Kilogramm erlaubt. Weitere 200 Kilogramm könnten nach einer gerichtlichen Klärung noch hinzukommen.

Und die Sicherheitsvorgaben für den Cannabis-Anbau sind groß! Aphria muss wegen möglicher genetischer Veränderungen der Pflanzen und strenger Vorgaben des Bundesamts sowieso jede Charge überprüfen.

Um und auch unter der Anlage registrieren Detektoren und Sensoren, wenn sich Unbefugte nähern. "Drinnen gilt das Vier-Augen-Prinzip", sagt Knopp."Niemand darf alleine in einem der Räume sein." Fast überall seien Kameras.

"Es geht nichts aus dieser Anlage raus", sagt Knopp. Nicht verarbeitetes Material wird in einem speziellen Brennofen landen.

Politiker begrüßen neue Arbeitsplätze und mehr Wirtschaftskraft

Neumünsters Oberbürgermeister Olaf Tauras (CDU) freut sich über die Ansiedlung des Unternehmens und die wichtige Schaffung von Arbeitsplätzen in der Stadt.

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) spricht gar von einem "großen Glücksfall für den Wirtschafts- und Gesundheitsstandort Schleswig-Holstein". Aphria gebe der Pharma-Branche mit knapp 6000 Beschäftigten im Land weiteren Auftrieb.

Parallel zum Cannabis-Anbau in Neumünster soll in Bad Bramstedt im Kreis Segeberg ein sogenannter Tresor entstehen. Dort will das Unternehmen medizinisches Cannabis aus Kanada importieren und zwischenlagern. Die Mutterfirma baut nicht nur drei verschiedene Sorten an wie in Neumünster geplant, sondern mehr als zwei Dutzend. Auch sie kommen bei Therapien zum Einsatz.

Die medizinische Freigabe von Cannabis ist also seit 2017 deutschlandweit in vollem Gange. Nun stellen sich viele die Frage, ob damit der Debatte, Cannabis bald auch als Genussmittel zu entkriminalisieren oder gar zu legalisieren, der Weg geebnet wird.

Das Trend-Thema aus den USA und Kanada fasst jedenfalls zunehmend auch in Deutschland Fuß – und zwar nicht nur in medizinischer, politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht (TAG24 berichtete).

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