Wir arbeiten in einem Abriss-Hochhaus!

Von außen wirkt der Bau unscheinbar. Im Innern tummeln sich die kreativen Köpfe.
Von außen wirkt der Bau unscheinbar. Im Innern tummeln sich die kreativen Köpfe.

Von Dirk Hein

Dresden - Der Abriss der beiden DDR-Hochhäuser an der Könneritzstraße ist so gut wie besiegelt. Doch statt die Häuser abzuriegeln, vermieten die Eigentümer für 5 Euro Warmmiete pro Quadratmeter und zu kurzen Kündigungsfristen. So wurde das Haus ohne Zukunft zum neuen Zentrum für Kreative und Startups.

Für 10 Euro am Tag kann jeder, der will, bei „Collab [&] Couch“ seinen Laptop aufklappen und losarbeiten. Strom, Kaffee und WLAN gibt es kostenlos. Ein beliebiger Arbeitsplatz kostet 99 Euro im Monat, ein fester Platz 199 Euro - inklusive kostenfreier Yoga-Sessions.

Nebeneinander tüfteln so junge Leute an Mode für Bodybuilder, an dem Konzept „Schnullertourist“, an Hilfekonzepten für Flüchtlinge (Afeefa) oder an neuen Mantra-Songs.

Zwei Etagen darunter wächst gerade die Firma „reddo“ mit selbst entwickelten Kommunikations- und Interaktionsmaschinen sprichwörtlich durch die Decke.

Die DJ-Schule VibrA um Lehrer Matthias Weigold bildet hier den Szene-Nachwuchs aus.
Die DJ-Schule VibrA um Lehrer Matthias Weigold bildet hier den Szene-Nachwuchs aus.

Für adidas, RedBull oder Karl Lagerfeld entwickelte die Firma bereits werbewirksame High-Tech-Spielereien. Ein 2,50 Meter großer Kugelautomat mit LED-Effekten, via Hashtag (Schlagwort im Internet) aktiviert, spuckt etwa kleine Überraschungen aus. Per Facebook lassen sich Kaffee-oder Popcornautomaten steuern.

Lampenmacher Nino Liebetrau (27) ist mit seiner Firma „Bunter Wohnen“ seit Juli 2015 im Kreativ-Hochhaus. Sein Konzept: Lampen zwischen 50 und 200 Euro, gefertigt nach Kundenwunsch. Der Jungunternehmer: „Gleich zum Start ein Laden in der Neustadt war zu teuer. Für den Anfang ist es hier perfekt.“

Im Keller sind Proberäume untergebracht, eine Ecke des Hochhauses ist für Musiker reserviert, eine DJ-Schule hat sich angesiedelt. Mit David Jach und Jacob Korn arbeiten zwei weltweit bekannte DJs im selben Hochhaus-Komplex.

Die Häuser selbst (Anfang der 1980er-Jahre errichtet) sind trotz allem sichtbar in die Jahre gekommen. Ein Aufzug ist außer Betrieb, es müffelt leicht.

Dennoch gehen die leeren Flächen weg wie warme Semmeln. Das Konzept hat sich rumgesprochen.

„Die kreativen und nicht kreativen Mieter tun dem Gebäude gut, es lebt wieder, und das ist ein positives Signal“, sagt Martin Fiedler (31) vom Branchenverband der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Diese jungen Wilden arbeiten in der Bruch-Platte

Dirk Hoffmann (30) entwickelt mit seiner Firma „reddo“ Hightech-Spielzeug unter anderem für Firmen- Events. Das Startup hat gerade im Haus neue und größere Räume bezogen. „Wir sind bewusst hier geblieben. Die Kosten sind überschaubar, wir konnten uns einrichten, wie wir wollten.“

David Jach (29) ist weltweit als DJ und Produzent unterwegs. Er hat sein Studio seit zwei Jahren im Kreativ-Hochhaus: "Der Mietpreis ist super, die Lage geht kaum besser."

Nino Liebetrau (27) ist seit Sommer 2015 im Haus der Kreativen. Knapp 30 Quadratmeter reichen für die erste Werkstatt des Lampenschirmherstellers. Sein Ziel: „Lampen oberhalb des farblosen IKEA-Standards."

Julian von Gebhardi (27) hat den einstigen Serverraum in der sechsten Etage des DDR-Hochhauses als Coworking Space ausgebaut. „Wir konnten zu einem günstigen Preis unser Konzept einfach einmal probieren.“ Mit Erfolg: Sogar ein Gast aus New York hatte bereits einmal einen Schreibtisch gemietet.

Fotos: Norbert Neumann