Hat der Gutachter im "Horror-Haus"-Prozess das Gericht abgezockt?

Aktuell dreht sich im "Horror-Haus"-Prozess mehr um die Machenschaften des Gutachters Prof. Michael Osterheider (li.), als um die der Angeklagten.
Aktuell dreht sich im "Horror-Haus"-Prozess mehr um die Machenschaften des Gutachters Prof. Michael Osterheider (li.), als um die der Angeklagten.  © DPA

Paderborn - Der Gutachter Prof. Michael Osterheider ist im "Horror-Haus"-Prozess aus Höxter mächtig in die Kritik geraten, weil er sich während des Prozess in Widersprüche gewunden hat. Nun sorgt auch die Abrechnung für sein Gutachten für Entsetzen.

Der Verhandlungstag am Dienstag musste erneut ausfallen, weil sich Osterheider erneut krankgemeldet hat. Eigentlich war für den Verhandlungstag geplant, den Gutachter zu den Vorwürfen zu befragen.

Er hat in seinem schriftlichen Gutachten über den Angeklagten Wilfried W. angegeben, am 5. April 2017 im Gefängnis gewesen zu sein und Wilfried befragt zu haben. Dieses Gespräch soll es jedoch nie gegeben haben, weil Osterheider gar nicht im Knast war.

Sollte er das Treffen dennoch abgerechnet haben, wird das Gericht die Staatsanwaltschaft informieren. Insgesamt hat er 30.000 Euro für ein 73-seitiges Gutachten berechnet.

Zum Vergleich: Die Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh, die die Angeklagte Angelika W. begutachtet hat, hat für ihr 300-seitiges Gutachten lediglich 13.000 Euro abgerechnet. Das heißt, dass Dr. Saimeh pro Seite 43 Euro bekam und Prof. Osterheider fast das zehnfache mit mehr als 410 Euro pro Seite.

Wilfried W. und Angelika W. sind wegen Mordes durch Unterlassen vor Gericht angeklagt.
Wilfried W. und Angelika W. sind wegen Mordes durch Unterlassen vor Gericht angeklagt.

Wie kommt eine solche Differenz zustande? "Die Frage, wieviel Arbeit in einem Gutachten steckt, lässt sich sicher nicht an der Seitenzahl messen", erklärte Dr. Detlev Binder, einer der Verteidiger von Wilfried W., dem Westfalen-Blatt.

"Aber in diesem Fall lässt sich der Aufwand sehr wohl vergleichen: Beide Gutachter hatten nämlich exakt die gleichen Akten zur Auswertung vorliegen. Frau Dr. Saimeh hat darüber hinaus Angelika W. mehrmals in der Untersuchungshaft besucht und lange Gespräche mit ihr geführt. Meiner Meinung nach hätte ihr Gutachten deshalb eigentlich das teurere sein müssen", kritisierte Binder die Abrechnung Osterheiders.

Fakt ist, dass es unterschiedliche Stundensätze gibt. Das Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG) hat für medizinische Expertisen drei Stufen: M1 (65 Euro), M2 (75 Euro) und M3 (100 Euro).

M3 gilt zum Beispiel für ein Gutachten zur Schuldfähigkeit, weshalb beide Gutachter 100 Euro pro Stunde abrechnen dürfen.

Das bedeutet, dass Prof. Michael Osterheider 300 Arbeitsstunden abgerechnet hat und Dr. Nahlah Saimeh nur 130 Stunden, obwohl es das umfangreichste Gutachten sein soll, das Saimeh je geschrieben habe.

Am Ende muss das Gericht nun klären, ob Osterheider wirklich diese Zeit benötigt hat. Denn das Landgericht Paderborn sagte über die Abrechnung: "Das läuft nach Treu und Glauben."

Titelfoto: DPA


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