Nazi-Panzer und CO2: Dieser Klima-Aktivist macht unfassbaren Holocaust-Vergleich

Hamburg - Hätte dieser Schüler freitags doch mal lieber zum Unterricht gehen sollen? Tom Radtke (18), Kandidat der Linkspartei zur Bürgerschaftswahl in Hamburg, fällt im Internet durch eine geschmacklose Gleichsetzung des Holocaust mit dem Klimawandel auf.

An der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz kamen am Montag zahlreiche Besucher.
An der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz kamen am Montag zahlreiche Besucher.  © Czarek Sokolowski/AP/dpa

Ausgerechnet am Auschwitz-Gedenktag verbreitete der Schüler und Fridays for Future-Anhänger auf Facebook, Instagram und Twitter ein Statement, das es in sich hat.

"Heute vor 75 Jahren wurde Auschwitz befreit. Der Holocaust war eines der größten Verbrechen im 2. Weltkrieg", schrieb Tom Radtke und lag bereits damit falsch.

Zwar wurde das KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee befreit, doch der industrielle Massenmord an den europäischen Juden mit rund 6 Millionen Toten ist eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Das falsche Detail in der Nachricht wird aber durch die folgende Aussage in den Schatten gestellt.

"Die Nazis gehören auch zu den größten Klimasünder*innen, da ihr Vernichtungskrieg und ihre Panzer riesige Mengen an CO2 produziert haben. Viele Politiker sagen, dass sich das nicht wiederholen darf. Aber was tun sie gegen den Klima-Holocaust, der in diesem Moment Millionen Menschen und Tiere tötet?"

Seit Beginn der Fridays for Future-Proteste sei nicht genug gegen den Klimawandel getan worden. "Wir müssen die Klimaerwärmung jetzt stoppen, damit sich ein Holocaust nicht wiederholt."

Damit setzt der 18-Jährige den industriellen Massenmord an den Juden mit dem Klimawandel gleich.

Nach dem Post gibt es Distanzierungen von allen Seiten

Auf seiner Facebookseite verbreitete Tom Radtke seine Aussage zu Holocaust und Klimawandel.
Auf seiner Facebookseite verbreitete Tom Radtke seine Aussage zu Holocaust und Klimawandel.  © Screenshot/Facebook/tomradtke.de

Das bleibt nicht unwidersprochen. Inzwischen ist ein wahrer Shitstorm losgebrochen. Hunderte Kommentare kritisieren die Aussage des geschichtsunkundigen Jungpolitikers.

Auch Fridays for Future Hamburg schrieb auf Twitter: "Wir distanzieren uns von den Äußerungen von Tom Radtke. Diese Person ist kein aktives Mitglied von FFF Hamburg – und wird es auch nie wieder sein."

Der Schüler vertrete weder die Werte der Bewegung noch deren Positionen. "Sein Verhalten ist schockierend und nicht zu entschuldigen."

Luisa Neubauer (23) äußerte sich ebenfalls zu der Aussage. Radtke hat sein Statement mit einem Foto der Klimaaktivisten aus Hamburg bebildert.

"Ich kenne Tom Radtke nicht, stimme seinen Aussagen in keiner Weise zu und frage mich, warum ein solcher Nonsense mit einem Foto von u.a. mir verbreitet wird." Besagtes Bild sorgte bereits zuvor für Empörung, weil die links neben Neubauer stehende Vanessa Nakate (23) aus Uganda abgeschnitten wurde, wie die Welt berichtet.

Dagegen findet sich folgende Aussage auf der Internetseite von Radtke: "Gemeinsam mit meiner Freundin Luisa Neubauer organisierte ich dann Fridays for Future und den Aufbau der Klimabewegung in unserer Stadt."

Dass er der Bewegung sehr nahesteht ist auf seinen Profilen in den Sozialen Netzwerken deutlich zu sehen. Dort hat der 18-Jährige Fotos veröffentlicht, die ihn auf Fridays for Future-Kundgebungen zeigen. Das Logo der Organisation und sogar ein Foto von Greta Thunberg soll er auf Wahlplakaten nutzen.

Mit dem Listenplatz 20 hat Radtke schlechte Chancen auf einen Sitz in der Bürgerschaft. Bei der letzten Wahl im Jahr 2015 gewann die Linke elf Sitze, von ähnlichen Werten gehen aktuelle Umfragen aus.

Die Linkspartei hat inzwischen ebenfalls mit einer Klarstellung reagiert. "Holocaust und Klimawandel gleichzusetzen ist absolut inakzeptabel. Wer das tut, vertritt nicht die Position der LINKEN. Wir sprechen jetzt mit Tom und beraten über Konsequenzen", heißt es darin.

Ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme oder ein Treffen mit Zeitzeugen scheint angesichts der historischen Unkenntnis mindestens angebracht zu sein.

Update, 17.15 Uhr: Linke will Schüler rauswerfen

Wegen der geschmacklosen Gleichsetzung des Holocaust mit dem Klimawandel hat die Linke das Gespräch mit Tom Radtke gesucht. Offenbar erfolglos.

"Nach zahlreichen Kontaktversuchen und ausführlicher Beratung beenden wir an dieser Stelle unsere Zusammenarbeit mit Tom R. und fordern ihn auf, von seiner Kandidatur zur Hamburgischen Bürgerschaft auf unserer Landesliste zurückzutreten", heißt es in einer Mitteilung der Partei.

"Der Landesvorstand wird morgen Abend zusammentreten und ein ordentliches Verfahren bis hin zum Parteiausschluss beraten."

Damit zeigt die Linke klare Kante und zieht drastische Konsequenzen.

Statements zu dem Vorfall

Update, 17.54 Uhr: Kandidat antwortet auf Nachfrage

Auf eine dpa-Anfrage an Radtkes Mailadresse kam unter anderem diese Antwort: "Was habe ich denn Falsches gesagt? Ich bin 18 Jahre alt und aktuell wird Menschen meiner Generation die Zukunft weggenommen."

Telefonisch war er am Dienstag nicht zu erreichen.

Titelfoto: Montage: Czarek Sokolowski/AP/dpa, Screenshot/Face