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"Horror-Haus"-Prozess geht in die Schlussphase

Im Mordprozess um das Horror-Haus haben jetzt die Psychiater das Wort.
Wilfried W. (l., 47) und Angelika W. (r., 48) sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.
Wilfried W. (l., 47) und Angelika W. (r., 48) sind wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Paderborn - Es geht um Psycho-Druck, um exzessive Gewalt und um zwei tote Frauen: Seit mehr als einem Jahr arbeitet das Landgericht Paderborn das grausige Geschehen im sogenannten "Horror-Haus" von Höxter auf.

Die Frage taucht auf: Wer hat bei den Morden welche Rolle gespielt? Wer trägt welche Schuld? Mit den Aussagen der Psychiater, die für das Gericht Gutachten zu den Angeklagten geschrieben haben, geht der Prozess gegen 47-jährige Wilfried W. und die 48-Jährige Angelika W. am Dienstag in die entscheidende Phase. Sie sind des Mordes durch Unterlassen angeklagt.

Im ersten Schritt wird Michael Osterheider zu Wilfried W. aussagen. Er ist Professor für Forensische Psychiatrie in Regensburg. "Ob wir für seine Aussage und die Einführung seines Gutachtens noch weitere Verhandlungstage benötigen, ist noch offen", erklärte der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus im Vorfeld.

Das Gutachten zu Angelika W. liefert Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin in einer Gerichtspsychiatrie in NRW.

Die Experten halten beide Angeklagten für voll schuldfähig. TAG24 berichtet vom 34. Prozesstag wie immer per Live-Ticker.

14.30 Uhr: Die Mittagspause ist beendet, die Verhandlung wird fortgesetzt. Der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus wird zu dem Antrag von Detlev Binder, Strafverteidiger von Wilfried W., Stellung nehmen, den Gutachter von seinen Aufgaben zu entbinden.

Detlev Binder: Es wird beantragt, einen neuen Sachverständigen zu beauftragen. Es fehlt Osterheider erkennbar an Kompetenz. Begründung: Osterheider berichtete von seinen Erkenntnissen durch Gespräche mit Wilfried W. Auf Nachfrage gab er anderslautende Sachverhalte von sich. Es gab Widersprüche zwischen Aktenlage und Aussagen von Osterheide. Er widerspricht sich in einem fort. Willkürlich werden widersprechende Sachverhalte zugrunde gelegt.

Bernd Emminghaus: "Wir werden über den Antrag nicht heute entscheiden."

Emminghaus verliest jetzt ein Schreiben von Wilfried W..

In dem Schreiben von Wilfried an das Gericht heißt es: "Dass ich verärgert bin, über eine Erregung, habe ich nie gesagt. Und wegen Deckenalte habe ich noch nie gesagt oder gemacht. Ich habe die Frau mit Decken zugedeckt. Fragen Sie die Frauen, die hier waren. Was Osterheider sagt, stimmt nicht. Ich weiß genau, was ich gesagt habe. Osterheider hat bei unserem Gespräch wenig gefragt. Es ist traurig, dass Dinge gesagt werden, die ich nie gesagt habe.

Damit ist der 34. Verhandlungstag im Bosseborn-Prozess beendet. Als eine Erkenntnis bleibt, dass Wilfried behauptet, Angelika habe das erste Opfer Anika erwürgt, er wäre nicht dabei gewesen. Angelika hatte in ihren Aussagen vor Gericht gesagt, dass Wilfried sehr wohl im Hause war, als Anika in der Badewanne verstarb.

Weiter stand der Gutachter Professor Osterheide im Fokus. Er hatte sicherlich nicht seinen besten Tag bei seiner Aussage zur Exploration von Wilfried W.. Nun muss er befürchten, dass er von seinem Amt entbunden wird und ein Nachfolger seine Geschäfte übernimmt. Doch noch ist der Antrag der Verteidigung von Wilfried W. nicht entschieden.

In der nächsten Woche soll Osterheider zu den medizinischen Aspekten aus seiner Untersuchung und Befragung von Wilfried W. gehört werden.

Für Januar 2018 sind inzwischen vier weitere Sitzungstermine bekanntgegeben worden. Noch steht nicht fest, ob das Gericht dem Antrag von Detlev Binder statt gibt, weitere rund 11.000 Ton- und Filmdateien von Wilfried Handys zu begutachten.

Der Prozess ist noch lange nicht auf der Zielgerade. Der nächste Verhandlungstag ist der 21. November 2017.

13 Uhr: Detlev Binder wirft Gutachter Osterheider "grob schlampiges Arbeiten" vor. Er erwarte, dass wichtige Erkenntnisse hier vor Gericht auf den Tisch müssten. Mal stehe Angelika nicht darauf, gewürgt zu werden, dann hätte sie wieder die sexuellen Wünsche gehabt, dass man ihr Luftnot verschafft, zum Beispiel auch durch "Deckenalte".

So einen Sachverständigen, so Binder, kann man nicht gebrauchen. Binder wird jetzt schriftlich einen Antrag formulieren, der vermutlich zum Inhalt hat, ein neues psychiatrisches Gutachten von einem andern Gutachter fertigen zu lassen. Dann würde sich der Prozess noch weiter hinschleppen.

12.45 Uhr: Saimeh: "Haben Sie ihn nach der Anzahl der Partnerinnen gefragt, mit denen er Geschlechtsverkehr hatte?" Osterheider: "Wilfried hat seine eigene Sexualität zurückgefahren, weil die eskalierende Stimmung im Haus ihn auch "abgeturnt" hätte."

Saimeh: "Wilfried sei bei der Beseitigung der Leiche nicht dabei gewesen. Angelika W. hatte hier erzählt, dass Wilfried zwar nicht an der Arbeit beteiligt war, aber einmal auch körperlich mitgeholfen hat, die Leiche umzulagern. Einmal soll er mit angepackt haben." Osterheider: "Wilfried wollte hierzu nicht sprechen."

Saimeh: "Ist Wilfried von Angelika misshandelt worden?" Osterheider: "Konkret nannte er Schubsen und Schlagen. Wilfried ärgerte es, wenn Regeln im Haus nicht eingehalten wurden."

Unter Regeln verstand Wilfried regelmäßiges Kochen, sauber gefaltete Decken. Frauen durften nachts nicht zum WC, da Wilfried nur einen leichten Schlaf hatte. Wilfried war leicht irritiert, als ich ihn darauf ansprach, dass es schon eigentümlich sei, einem Menschen nächtliches Urinieren zu verbieten.

Saimeh: "Es sind mehrere Hunde getötet worden. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?" Osterheider: "Einmal habe ich mit ihm darüber gesprochen. Er hat sich aber nicht dazu eingelassen."

Saimeh: "Hat sich Wilfried, der früher einmal Kinder haben wollte, eingelassen zu der Tatsache, dass seine erste Freundin schwanger war, er aber das Kind nicht haben wollte?" Osterheider: "Er begründete es damit, dass er sich zu diesem Zeitpunkt noch in seinem Elternhaus wohl fühlte. Mehr hat er dazu nicht gesagt. Zur Schwangerschaft von Angelika hat er sich nicht geäußert."

Saimeh: "Wofür hat er eigentlich Angelikas Geld genommen?" Osterheider: "In meinen Gesprächen mit Wilfried hat er gesagt, dass er die Absicht nicht umgesetzt hat."

Saimeh: "Angelika hat hier ausgesagt, dass Wilfried einen sechsstelligen Betrag von Angelika für Autokauf und sonstiges ausgegeben hatte." Osterheider: "Dazu hat er sich mir gegenüber nicht geäußert."

12.30 Uhr: Binder: "Ich bitte Sie, Herr Osterheider, die Protokolle zur Verfügung zu stellen, aus denen genau die Fragen hervorgehen, die Sie an Wilfried W. gestellt haben und wie waren die Antworten?"

Osterheider: "Mehrmals hat Wilfried darauf hingewiesen, dass er am Tod der beiden Frau keine Schuld trägt. Er habe es zugelassen, hätte aber intervenieren müssen. Wilfried gab mir mehrere Schriftstücke, insgesamt wohl rund sechs bis acht Schriftstücke. Hierin schilderte er teilweise die Gesamtsituation auf dem Gehöft in Bosseborn."

Binder pocht darauf, auch die Inhalte des Briefes noch einmal zum Thema zu machen. Binder sagt, dass das der Kernpunkt dieser Verhandlung sei: Wilfried sagt, dass Angelika Anika erwürgt hat. Angelika hatte in ihren Aussagen erläutert, dass Anika in der Badewanne gestorben sei ohne ihr direktes Zutun.

Jetzt befragt die Gutachterin von Angelika W,, Nahlah Saimeh, ihren Kollegen Osterheider.

Saimeh fragt nach speziellen sexuellen Praktiken, die sich Angelika von Wilfried wünschte. Osterheider sagt, dass Wilfried die Wünsche nicht näher konkretisiert hat. Beim Spiel "Deckenalte" (hierbei wurde Angelika mit Decken und Kissen bedeckt, dass sie kaum mehr Luft bekam) sei er wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen. Auch bei anderen Frauen habe er "Deckenalte" gespielt, aber als sogenannte Sanierungsmaßnahme, wenn sie nicht gehorchten.

Bei Angelika war das "Deckenalte" nicht von sexuellen Phantasien geprägt gewesen. Nur einmal gab es eine Ausnahme.

12.10 Uhr: Detlef Binder, Strafverteidiger von Wilfried W., fragt nach zur Einlassung von Wilfried, Angelika hätte Anika mit den Händen erwürgt. "Das ist was Neues", sagt Binder. Osterheider: "Mir gegenüber hat er sich dazu nicht weiter eingelassen. Auch auf Nachfragen hat er das nicht weiter konkretisiert. Er erinnere es so. In diesem Punkt 'eierte' er etwas. Ich habe versucht, mehr von Wilfried W. zu erfahren, bekam aber keine Antworten."

Binder fragt nach, welche Fragen er genau zum Tod und zum Erwürgen durch Angelika gestellt hat. Er will genau die Fragen hören, die an Wilfried gestellt wurden. Osterheider: "Ich kann mich erinnern, dass ich den Themenkomplex angesprochen habe. Er hat das damit begründet, dass er Angst vor Angelika hatte. Es kam im Wesentlichen alleine von Angelika, der Angriff auf Anika. Weiter hat er sich darauf nicht eingelassen."

Binder: "Sie merken, dass ich unzufrieden bin, da sie mir nicht den genauen Inhalt der Fragen an Wilfried nennen können. Ich möchte gerne das Protokoll sehen, dass sie zu diesem Punkt gefertigt haben. Ich habe Zeit."

Osterheider: "Das ist ungewöhnlich. Ich muss dann erst einmal in die Akten gehen. Das war nur ein Ausschnitt aus der ganzen Untersuchung und Befragung."

Binder: "Ich möchte sehen, was sie in diesem Punkt protokolliert haben. Ich bin mir sicher, dass auch das Gericht dieses Protokoll nicht hat."

Richter Emminghaus greift ein. Er kann sich daran erinnern, dass Wilfried das Erwürgen von Anika von Erzählungen Angelikas kennt. Binder beharrt auf ein Protokoll, das genau die Fragen an Wilfried darlegt.

12.02 Uhr: Rolf Weber, Nebenklage-Vertreter für die Mutter des Todesopfers Anika fragt: "Konnten Sie sich mit dem Angeklagten geordnet unterhalten?" Osterheider: "Er war immer ansprechbar und hat geantwortet. Zu den Ängsten, vor den Zuschauern auszusagen: Wilfried hatte Ängste, vor Gericht schlecht auszusehen, er wollte nicht dumm dastehen vor einer großen Gruppe von Leuten, er hätte Sprachstörungen, Schweißausbrüche, würde zittern bei einer Aussage. Als ich mich mit ihm unterhalten habe, gab es diese Anzeichen nicht.

In der JVA war er deutlich konzentrierter bei unserem Gespräch. Für ihn war die Begegnungssituation deutlich angenehmer mit mir. Er ging auch nicht auf alle Punkte ein, die ich mit ihm besprechen wollte. Die Gespräche dauerten teilweise mehrere Stunden. Es gab dabei immer wieder bei Wilfried Füllsätze und Floskeln. Wenn er in Erklärungsnot war, kamen Füllsel von Wilfried."

Peter Wüller, Strafverteidiger von Angelika, fragt: "Waren die Angaben von Wilfried bezüglich Alkohol und Drogen glaubhaft?" Osterheider: "Nein, sie waren es nicht. Wenn er eine Ausflucht brauchte, brachte er Drogen und Alkohol ins Spiel. Andere Gefangene hatten ihn wohl instruiert, Alkohol- und Drogenkonsum vorzutäuschen. Mit den Angaben sexueller Missbrauch durch Vater bzw. Lebenspartner der Mutter konnte ich nicht verifizieren. Es ist nicht auszuschließen."

Wüller: "Mehrfach hatte Wilfried von einer Erpressung durch Angelika berichtet." Osterheider: "Genau ist er nicht darauf eingegangen. Er war sich wohl sicher, dass er bei den Taten in Bosseborn durch Angelika belastet werden könnte. Weiter hat er das nicht konkretisiert. Er hat die Vorkommnisse und die Taten, für die er 1995 zu einer fast dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde, vermutlich verdrängt."

11.51 Uhr: Der Vorsitzende Richter Emminghaus fragt nach, ob er etwas zum Ekel von Wilfried gegenüber Angelika sagen könnte. Das verneint Osterheider. Es folgt eine Frage zur Verurteilung von Wilfried im Jahre 1995 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Osterheider: Ich habe nachgefragt, aber Wilfried hat keine weiteren Ausführungen zu dem Urteil gemacht. Zumindest kann ich mich nicht daran nicht erinnern.

10.50 Uhr: Ich bin froh, so Wilfried, dass ich nicht vor Gericht sprechen muss. Nachts werde ich teilweise schweißgebadet in der JVA wach. Ich habe mich vor Angelika geekelt, wollte aber nicht alleine sein. Mit der Beziehung war ich immer unzufrieden. Angelika wollte, dass ich wie eine Art Callboy von den Frauen Geld bekomme. Ich brauch keine psychiatrische Betreuung. Ich hoffe auf eine Haftstrafe zwischen fünf und zehn Jahren. Ich habe Angst, noch einmal in so ein Verfahren mit hereingezogen zu werden. Ich möchte ins Kloster gehen. Frauen brauche ich nicht mehr.

Ich habe Ängste, eingesperrt zu sein. Zu den Anwälten habe ich bisher wenig Kontakt. Meine Mutter hat mir geraten, endlich vor Gericht den Mund aufzumachen. Im Augenblick treibe ich in der JVA täglich Sport. Ich fühle mich beobachtet von den Mitgefangenen. Sie wollen von mir Bilder machen, die sie dann an die Presse verkaufen wollen. Es gab schon Drohungen. Ich hätte keine eigene Meinung, sagten Mithäftlinge. Ich trinke gelegentlich selbstgemachten Alkohol. Ich brauche ihn zur Beruhigung. Angelika und ich haben beide etwas Schlimmes gemacht. Mein Anteil ist, dass ich dagegen nichts unternommen habe. Hinsichtlich der Todesfälle habe ich keine Mitschuld. Ich war zur Tatzeit nicht im Haus. Angelika hat massiv verletzt und misshandelt. Ich muss mir unterlassene Hilfeleistung vorwerfen.

Probleme mit den Frauen gab es immer erst dann, wenn sich Angelika in die Beziehung einmischte. Ich wollte nicht alleine dastehen, falls die neue Partnerschaft nicht funktioniert. Deswegen habe ich mich von Angelika auch nicht getrennt. Weitere Anmerkungen habe ich dazu nicht zu machen.

Damit endet Osterheider mit seinem Vortrag.

10.40 Uhr: Ich habe es einfach geschehen lassen, das, was in Bosseborn passiert ist. Ich habe ja auch schriftlich bestätigen lassen, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe. Ich bedauere die Vorkommnisse in Bosseborn sehr. Angelika würgte Annika bewusst zu Tode. Ich wurde immer nur erpresst von Angelika wegen meiner Vorstrafe. Deswegen habe ich auch nicht die Polizei gerufen. Ich habe mit Angelika dann abgesprochen, dass Annika nach Holland verzogen ist. Ich hatte Angst, bei der Gerichtsverhandlung damals frei zu sprechen.

Zu einem weiteren Gespräch zwischen Osterheider und Wilfried W.: Ich, Wilfried, bin verunsichert in der JVA Detmold, da ich seit längerer Zeit keinen Besuch mehr von meinen Anwälten bekommen habe. Ich habe gemeinsam mit Angelika eine Frau für eine längere Partnerschaft gesucht über Anzeigen. Angelika wollte immer Kontrolle über meine Bekanntschaften haben. Deswegen hat sie die Anzeigen auch aufgegeben. Christel war auch bei uns im Haus. Es war die ersten Wochen sehr harmonisch. Dann stellte Angelika Regeln auf, wie sich Christel zu verhalten hat.

Dann gab es die ersten Übergriffe. Christel verletzte mich mal mit einem Schraubenzieher, daraufhin habe ich eine Schaufel genommen, bin ausgerutscht, dabei ist die Schaufel zufällig im Gesicht von Christel gelandet. Ich habe auch mit Angelika Sex gehabt. Sie forderte harten Sex. Den Wünschen bin ich nachgekommen. Irgendwann ist Christel gegangen. Ich war froh, dass sie gegangen ist. Späteren Einladungen von ihr bin ich nicht nachgekommen. Ich habe Susanne F., das zweite Opfer, ins Krankenhaus bringen wollen. Da hatte Angelika aber was dagegen. Meine Vorstrafen haben mich veranlasst, nicht die Polizei zu rufen.

10.30 Uhr: Professor Osterheider berichtet von einem weiteren Treffen mit Wilfried W.

Wilfried berichtete von den regelmäßigen Besuchen seiner Mutter in der JVA. Wilfried: Ich bin sehr zurückhaltend hier in der JVA, dass haben auch die Angestellten in der JVA ihm bescheinigt. Ich habe keine psychischen Beschwerden gehabt. Ich musste mal blaue Pillen einnehmen, damit ich ruhiger wurde. 2006 habe ich einen Nervenarzt in Lemgo aufgesucht. Immer traten wieder Ängste auf, gerade bei Streitigkeiten mit Angelika.

Ich habe mir immer gerne von Leuten helfen lassen, wenn es um das Schreiben von Dokumenten ging. Ich nahm die Hilfe immer gerne an. Ich habe nie regelmäßig Alkohol oder Drogen genommen. Als Jugendlicher habe ich überwiegend Bier getrunken. Als ich älter war, habe ich nur Alkohol bei besonderen Feiern zu mir genommen. Heute bin ich alkoholabhängig.

10.20 Uhr: Aus einem weiteren Gespräch mit Wilfried W., er erschien freundlich, höflich und kooperationsbereit.

Wilfried: In der JVA Detmold läuft es sehr positiv. Mein Vater war Bundesbahnsekretär. Wir sind zusammen zum Fußball gegangen, haben in Italien Urlaub gemacht. Beim Abendessen wurde ich gemaßregelt, weil ich nicht gerade saß. Er stieß mir eine Gabel in die Hand. Ich hatte danach Angst vor meinem Vater. Ich war 6 Jahre alt. Mein Vater hat vermutlich auch meine Schwester vergewaltigt. Sie waren Kampfhähne und haben sich gegenseitig provoziert. Ich bekam mit, dass mein Vater meine Mutter schlug.

Der neue Lebensgefährte meiner Mutter, nachdem sie geschieden war, war zuerst nett. Als ich 14 Jahre alt war, kam es zu ersten sexuellen Übergriffen an mir durch den neuen Lebensgefährten. Ich hatte Angst dabei. Ich hatte bis dahin keinerlei sexuellen Kontakte. Horst drohte mir, wenn ich mich nicht gefügig zeige, Ärger zu machen. Insgesamt wurde ich sechsmal missbraucht. Immer war meine Mutter nicht im Haus. Mir wurden Geschenke als Gegenleistung vom Lebensgefährten meiner Mutter angeboten. Meine Mutter trennte sich, als ich 16 Jahre alt war, von dem Mann. 1996 wurde ich während meiner Haft von einem Mitgefangenen sexuell bedrängt. Ich löste Alarm in der Zelle aus. Danach wurde ich unter Druck gesetzt.

10.12 Uhr: Angelika war immer sehr dominant und bestimmend. Sie war nicht mein Ideal, ich wollte aber nicht alleine sein. Es war Angelikas Wunsch, schnell zu heiraten. Ich habe aber zugestimmt. Nach 6 Wochen haben wir bereits geheiratet. Angelika schlug vor, weiter zu inserieren, Angelika wollte eine Dreiecksbeziehung. Angelika war massiv eifersüchtig. Es musste alles nach ihr gehen. Ich war nie aggressiv. Ich habe einmal geschubst, oder geohrfeigt. Angelika hat mich mit meiner Vorstrafe, den knapp drei Jahren Gefängnis, erpresst.

Wir sind beide einvernehmlich nach Bosseborn gezogen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Situation dort derart ausartet. Ich habe viel Alkohol dort konsumiert. Ich habe Angelika angefleht, das Haus zu verlassen. Ich habe mich aber nicht durchsetzen können. Angelika empfand es als Unrecht, dass ich Sex mit anderen Frauen hatte. Ich wollte nach Holland ziehen, konnte mich aber auch hier nicht durchsetzen. Den Arm verbrühte sich Angelika selber. Ich will zum katholischen Glauben wechseln und ich denke nach der Haft an einen Ort in einem Kloster. Ich trage eine Mitschuld, da ich die Gewalttätigkeiten von Angelika zugelassen habe.

10.06 Uhr: Osterheider trägt vor, was Wilfried ihm erzählt hat: Es war eine schwere Geburt, mit sechs Jahren fing ich an zu lispeln, quatschte in der Schule immer dazwischen, wuchs in Bochum auf, Beziehungen zu anderen Kindern war damals problematisch, die Schulleistungen waren unzureichend. Ich verstand mich gut mit der Lehrerin, war sehr schlank, konnte mich nicht wehren, war faul in der Schule, ließ mich hängen. Mein Vater kam gut bei Frauen an, ich habe mich nie akzeptiert gefühlt vom Vater, meine Mutter reichte die Scheidung ein, 1982 hatte sie einen neuen Partner, alle waren froh. Zunächst war es eine schöne Zeit, ich bekam viel Liebe, es gab viele Aktivitäten, Motorradausstellungen besucht. Ich war verklemmt, deswegen habe ich später auch nur Anzeigen aufgegeben, um Frauen kennenzulernen. Ich war immer ein Einzelgänger, ersten sexuellen Kontakt gab es mit 18 Jahren, ich hatte aber kein Interesse an der Frau.

Einmal habe ich eine Medizinstudentin angesprochen, der Umgang mit mir wurde von der Eltern der Frau verboten. Das Aussehen der Frauen war mir nicht wichtig, Treue, Zusammenhalt war mich wichtiger. Bei der nächsten Partnerschaft wurde die Frau ungewollt schwanger, ich habe einen Vaterschaftstest eingefordert. Nach vier Wochen haben wir uns getrennt. Über Kontaktanzeigen habe ich Angelika kennengelernt. In Detmold habe ich mich zum ersten Mal mit Angelika getroffen. Gleich beim ersten Treffen sind wir ins Bett gegangen miteinander.

9.56 Uhr: Weiter aus den Notizen des Gutachters, Michael Osterheider: Bei Wilfried W. Unruhe, starkes Augenzucken, Hyperaktivität, keine regelmäßige Einnahme von Alkohol, ab 2014 Cannabisgebrauch.

Jetzt gibt es im Gerichtssaal erst einmal eine große Diskussion, ob der Gutachter hier als Zeuge aus freien Stücken berichten kann, oder ob er sich fest an dem vom ihm erstellten Gutachten entlanghangeln muss.

9.42 Uhr: Weiter aus dem Gutachten: Zahlreiche Misshandlungen von Wilfried durch den Vater, Hänseleien durch Mitschüler, keine Schwierigkeiten im Kindergarten, in Bochum Empfehlung für weiterführende Sonderschule, Übergriffe des Vaters. Sechste und siebte Klasse musste er wiederholen, in der 9. Klasse abgegangen, Probleme mit Lesen und Schreiben, einjährige Ausbildung zum Hundeführer bei der britischen Armee, ab 1999 Vollzeitstelle bei der Bahn als Reinigungskraft, dann gekündigt, weil die Anfahrtswege zu weit waren. Mutter reichte Scheidung ein, weil ihr Mann sexuell gewalttätig wurde.

Wilfried hatte Angst vor seinem Vater. Missbrauch dann durch den neuen Lebensgefährten der Mutter, sexuelle Übergriffe.

Prof. Michael Osterheider bereitet sich auf seine Aussage vor.
Prof. Michael Osterheider bereitet sich auf seine Aussage vor.

9.37 Uhr: Michael Osterheider hatte bereits ein Gutachten zu Wilfried W. gefertigt, allerdings nur nach Aktenlage. Inzwischen konnte er sich aber ausführlich mit dem Angeklagten Wilfried W. unterhalten und stellt sein neues Gutachten vor.

Osterheider: "Insgesamt habe ich mich 16 Stunden mit Wilfried W. unterhalten. Am 20. Juni habe ich mich mit dem Angeklagten in der JVA Detmold unterhalten. Wilfried W. gab vor, keine sexuellen Abneigungen zu haben. Er wurde von Angelika W. geführt."

Aussage von Wilfried: 'Ich hatte keine sexuellen Phantasien. Angelika war schon nach zwei Wochen Partnerschaft unzufrieden. Gewalt gab es ab 2010. Angelika wurde massiv gewalttätig. Härtere Gewalt ging nicht von mir aus. Angelika wurde gegenüber anderen Frauen, die auf dem Gehöft waren, handgreiflich. Angelika wollte Geld von den Opfern. Ich habe nichts getan, höchstens mal ein Bein gestellt. Ich war eine Art Callboy. Angelika kassierte die Frauen ab. Angelika hat Annika bewusst erwürgt. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht im Haus. Ich habe keine Mitschuld am Tod der beiden Frauen.'

Angelika W. sitzt neben ihrem Verteidiger Peter Wüller.
Angelika W. sitzt neben ihrem Verteidiger Peter Wüller.
Detlev Binder (r.) und Kollege Carsten Ernst (l.) verteidigen Wilfried W. im Prozess.
Detlev Binder (r.) und Kollege Carsten Ernst (l.) verteidigen Wilfried W. im Prozess.

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