Horror-Haus: Wilfried W. wehrt sich gegen Vorwürfe seiner Ex-Frau 1.815
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Horror-Haus: Wilfried W. wehrt sich gegen Vorwürfe seiner Ex-Frau

Endlich ist es soweit: Der Angeklagte Wilfried W. wird vor Gericht aussagen. Alle Beteiligten sind auf seine Ausführungen gespannt. #Höxter
Bisher hat sich Wilfried W. nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Bisher hat sich Wilfried W. nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Paderborn - Seit fast fünf Monaten dauert der Prozess um die brutalen Quälereien in einem Haus in Höxter. Doch bislang hat nur Angelika W. umfangreich ausgesagt. Am Dienstag will nun auch ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W. (47) reden.

Der Verteidiger Detlev Binder des heute 47-Jährigen hatten seine Aussage angekündigt. Wegen der Erkrankung einer Richterin hatte die Erklärung jedoch mehrfach verschoben werden müssen.

Die mitangeklagte Angelika W. hat vor dem Landgericht Paderborn bereits umfangreich ausgesagt und dabei sich selbst und ihren Mitangeklagten schwer belastet.

Das häufige Kopfschütteln von Wilfried W. während ihrer Ausführungen, lässt erwarten, dass er ihr am Dienstag widersprechen wird.

Ab etwa 9 Uhr startet der Prozess am Landgericht Paderborn. TAG24 berichtet wieder wie immer.

UPDATE, 10.55 Uhr: Das war der Anfang der Erklärung. Binder stellt die Frage, ob man hier nicht besser eine Pause macht, um zu erörtern, wie es weitergehen könnte. Binder möchte, dass sein Mandant Wilfried W. frei redet. Er soll auf die Befragung von Richter Bernd Emminghaus frei antworten.

Das Aufgeschriebene von Wilfried W. ist relativ unergiebig. Binder schlägt vor, dass Gutachter Michael Osterheider sich erst einmal mit dem Angeklagten in einem gesonderten Raum zu unterhalten. "Es ist alles ein wenig schwierig", sagt Richter Emminghaus. Die psychiatrische Begutachtung soll nur zu den von Wilfried W. geschilderten sexuellen Übergriffen in seiner Jugend geschehen. Der Gutachter möchte unbedingt mit dem Angeklagten Wilfried W. sprechen. Es wäre das erste Mal, dass sich der Angeklagte gegenüber ihm äußern würde.

Richter Bernd Emminghaus trifft die Entscheidung, dass Wilfried W. in den nächsten Stunden zunächst einmal durch Prof. Michael Osterheider begutachtet wird. Hierbei soll es um die Vergewaltigungen und die sexuellen Übergriffe gehen, die Wilfried W. mit 13 bzw. 14 Jahren erlebte.

Damit ist die Verhandlung für heute beendet. Das kommt überraschend.

UPDATE, 10.45 Uhr: Wieder zur vorgelesenen persönlichen Erklärung von Wilfried W.: "Angelika drohte meiner Mutter Prügel an, als sie im Krankenhaus lag. Angelika hat sich nie richtig gepflegt. Sie hat sich nie richtig gewaschen, hatte schlechte Zähne. Sie hat mir in den Unterleib getreten, immer, wenn ich Annika [das erste Todesopfer, Anm. d. Red.] im Arm hatte. Sie benutzte Pfefferspray gegen mich, sie ist ein Sadist. Sie sagte immer, ich könne auf meine Messifrau Annika stolz sein. Sie war schlimm mit ihren Worten, Taten, Schlägen.

Angelika sagte, als ich mal Kuchen besorgt hatte, ich könne ihn mir sonst wo hinschieben, schmiss alles in den Mülleimer. Angelika schubste mich und Annika. Sie wollte mich immer in den Stall schicken, dass ich mich um die Tiere kümmere. Annika schickte sie immer nach oben ins Dachgeschoss des Gehöftes. Ich wollte Angelika zur Rede stellen, sie wollte das aber nicht. Ich solle mit Annika reden. Ich habe Angelika vorgeschlagen, mich von Annika zu trennen. Das wollte sie aber auch nicht.

Wir beide haben uns alles von Angelika gefallen lassen. Ich wollte abhauen mit Annika, nie konnte ich alleine mit ihr reden. Angelika lauschte immer hinter der Tür. Wir haben ein Boot in Holland gekauft, wollten gemeinsam nach England. Nur Angelika wollte immer bei uns bleiben. Wir kämen alleine nicht klar, wir wären beide Sonderschüler. Angelika hat uns immer wieder versprochen, uns in Ruhe zu lassen. Das dauerte genau zwei Tage. Dann ging es wieder los.

Annika sagte immer, sie habe Angst vor Angelika. Sie sei von ihr immer wieder unsittlich angefasst worden. Angelika sagte 'Ich lebe auch hier, die Frauen sollen hören, sonst knallt es.' Wir wurden wie Kinder behandelt, Angelika hat uns immer gestört, hat das Gesicht verzogen.

UPDATE, 10.40 Uhr: Wilfried W. beginnt mit dem Vorlesen: "Ich habe sie über eine Annonce kennengelernt. Ein paar Wochen ging es gut, dann fing es schon an, dass Angelika die Wohnung zu klein war, dass sie zurück wollte zu ihrer Mutter. Sie zeigte nie großes Interesse an meinen Hobbys, Autos und Motorräder. Sie interessiert sich nur für Gartenarbeiten."

Wilfried W. hat jetzt ein Problem, das von ihm Aufgeschriebene vorzulesen. Binder liest weiter für ihn vor.

Binder: "Sie sagte immer 'Nerve mich nicht'. Angelika fing immer an zu schreien, wenn ihr was nicht passte. Sie hatte keine Lust mehr zu arbeiten in der Gärtnerei. Angelika wollte umziehen. Sie wollte dann mit mir zur Bahn mitkommen, mir helfen bei meiner Arbeit. Sie begann, über mich zu bestimmen. Sie redete stundenlang mit mir. Ich bat sie, sich neue Arbeit zu suchen. Das wollte sie nicht. Ich machte damals Putzarbeiten auf den Bahnhöfen. Ich sage immer, meine Frau ist in der Beziehung der Boss. Die Bahn wollte Angelika als Teilzeitkraft einstellen. Angelika war sehr eifersüchtig, wenn ich Leuten auf dem Bahnhof Auskünfte gab."

Das, was Strafverteidiger Detlev Binder für den Angeklagten Wilfried W. vorliest, ist vom Sinn her kaum verständlich. Es gibt keinen vollständigen Sätze, Sprünge in der Zeitfolge. Das von Wilfried W. Aufgeschriebene mutet an wie das Produkt eines Erstklässlers. Der Sinn des Vorgelesenen ist kaum oder nur mit Mühe zu verstehen. Detlev Binder und Carsten Ernst wechseln sich jetzt beim Vorlesen ab.

UPDATE, 10.25 Uhr: Wilfried W.: "Meine Mutter und mein Vater haben sich nicht nur wegen des Alkohols getrennt. Mein Vater ging auch fremd."

Der Angeklagte hält jetzt 26 Seiten handgeschrieben von ihm in der Hand. Er will die Seiten vorlesen. Die Aufzeichnungen betreffen alles, was Wilfried mit Angelika erlebt hat.

"Horst hat mich definitiv auch vergewaltigt, zwei bis dreimal in der Woche. Da war ich 13 oder 14 Jahre alt. Das hat aufgehört, als Mutter weggezogen ist. Sie hatte sich von Horst getrennt. Er sprach auch dem Alkohol zu und er ging fremd. Meine Mutter wusste nicht, dass ich von Horst missbraucht wurde. Es gab keine Situation, in der meiner Mutter die sexuellen Übergriffe auf mich miterlebt hat. Ich habe mit meiner Mutter auch nicht darüber gesprochen, weil ich mich geschämt habe. Horst war sehr kräftig, hat mich aus dem Bett gezogen und mich an den Haaren gezerrt."

Detlev Binder, Strafverteidiger von Wilfried W., erklärte zwischenzeitlich, dass die Schwester von Wilfried derzeit nicht aussagen will.

Der Angeklagte spricht weiter: "Meistens wurde ich am Sonntag, wenn meine Mutter im Krankenhaus arbeitet, vergewaltigt. Dann war ich ganz alleine mit Horst. Er hat mich ausgezogen, gezwungen, ihn zu befriedigen."

Carsten Ernst, zweiter Verteidiger von Wilfried W., gibt gekannt, dass Wilfried W. sich nun auch dem psychiatrischen Gutachter Michael Osterheider für ein Gutachten zur Verfügung stellen will.

Wilfried W. soll mit einem Gutachter sprechen, bevor es mit dem Prozess weitergeht.
Wilfried W. soll mit einem Gutachter sprechen, bevor es mit dem Prozess weitergeht.

UPDATE, 10.15 Uhr: In der kleinen Verhandlungspause wird darüber diskutiert, ob Wilfried W. hier vor Gericht schauspielert. In Videos, die zeigen, wie Frauen auf dem Gehöft gequält werden, soll er einen ganz anderen Ton angeschlagen haben, herrisch, von oben herab, bestimmend.

Angelika W. hört sich die Aussagen von Wilfried W. mit Interesse an. Ihrem Verteidiger Peter Wüller gegenüber hat sie gesagt, dass Wilfried W. vor Gericht Mitleid erzeugen will und deswegen weinerlich und teilweise mit gebrochener Stimme aussagt.

UPDATE, 10 Uhr: Wilfried W.: "Ich wurde in der Schule nur von Jungens gehänselt, nie von Mädchen. Ich hatte schon Angst vor den Jungens, die meistens vier oder fünf waren. Sie wollten mich mit einem Baseballschläger schlagen. Ich wurde auch mit der Faust geschlagen, mit dem Gürtel und hatte oft blaue Flecken. Jede Woche wurde ich zwei- oder dreimal von meinem Vater misshandelt. Ich habe oft versucht, mich schlafend zu stellen. Das hat ab und zu geholfen. Meistens war mein Vater betrunken. Es gab nie einen Polizeieinsatz.

Der Schuldirektor hat meine Mutter mal darauf angesprochen, trotzdem wurden aber keine Ermittlungen eingeleitet. Wenn wir am Boden lagen und heulten, hörte der Vater mit seinen Misshandlungen auf. Meine Mutter hat, im Gegensatz zu mir, Kontakt zu meiner Schwester. Der war allerdings eher sporadisch. Als sich die Mutter von meinem Vater getrennt hatte, wurde es in der Familie wesentlich harmonischer. Das blieb immer so. Meine Mutter hatte dann einen neuen Lebensgefährten. Beide zogen zusammen. Er war dann wie ein Vater für mich. Er war auch im Hundeverein, interessierte sich für Motorräder. Es war ein liebevolles Verhältnis.

Meine Mutter arbeitete damals im Krankenhaus, meistens am Wochenende. Horst, so hieß der neue Freund meiner Mutter, schickte mich morgens immer mit dem Hund einige Runden drehen. Irgendwann hat mich Horst dann sexuell belästigt, hat mich überall angefasst und wollte mich irgendwann vergewaltigen. Ich habe mit keinem darüber gesprochen. Meine Mutter hat mir auch erzählt, dass Horst eine Beziehung mit meiner Schwester hatte und sie von ihm auch vergewaltigt wurde.

Wilfried W. verliert jetzt die Fassung, kann nicht mehr weiterreden. Es gibt eine Pause. Emminghaus lockt aus ihm noch heraus, dass er 13 oder 14 Jahre alt war, als das passierte.

UPDATE, 9.50 Uhr: Wilfried W.: "Mein Verhältnis zu meiner Mutter war sehr gut, zu meinem Vater nicht. Er hat mich oft geschlagen, die Mutter und meine Schwester geschlagen, viel Alkohol getrunken. Er kam nach Hause, war aggressiv, der Alkohol spielte immer eine Rolle. Ich konnte mich dagegen nicht wehren. Die schönste Erinnerung an meine Kindheit waren die Tiere. Zuhause gab es einen Schäferhund und einen Pudel. Ich habe sie gefüttert. Natürlich habe ich sie auch mal geärgert, mit einem Stock. Ich war auch in einem Hundeverein. Ich mochte auch meine Lehrer, die mich immer wieder aufgebaut haben. Ich hatte keine Freunde. Ich bin aber auch so zurecht gekommen. Ich erinnere mich immer nur an die Misshandlungen.

Meine Mutter wollte meinen Vater anzeigen, ihn verlassen, sie hat versucht, mich und meine Schwester zu schützen. Ich habe meine Mutter immer wieder gebeten, sich von Vater zu trennen. Auf der Sonderschule wurde ich, wie schon auf der Grundschule, weiter gehänselt. Ich wurde dort getreten, im Hallenbad versuchte man mich zu ertränken. Meinem Vater habe ich das nicht erzählt, der hätte mir nur den Vorwurf gemacht, dass ich mich nicht gewehrt hätte. Ich kam mit 13 Jahren in die Pubertät. In der Schule wurde ich aufgeklärt, meine Mutter klärte mich auf, mein Vater nie. Über Sexualität habe ich mich immer nur mit meiner Mutter ausgetauscht.

Ich habe gerne Sport gemacht: Leichtathletik, Springen, Laufen. Ich habe mit 14 Jahren mal Kontakt mit Alkohol gehabt. Ich war immer nur der Mitläufer, auch in der Justizvollzugsanstalt. Ich war nie der Bestimmer. Tiere habe ich nie gequält. Mein Verhältnis zu meiner Schwester war in meiner Kindheit sehr gut. Ich habe ihr immer geholfen. Ich war für meine Mutter aber immer das Lieblingskind. Meine Schwester war deswegen eifersüchtig.

UPDATE, 9.30 Uhr: Wilfried W.: "Aufgrund meiner Vorverurteilung [1995 wurde Wilfried W. zu einer mehrjährigen Haftstrafe, u.a. wegen Misshandlungen von Frauen verurteilt, Anm. d. Red.] mag ich im schlechten Licht stehen. Trotzdem wird es Zeit, subjektiv darüber zu berichten, was sich wirklich auf dem Gehöft in Bosseborn zugetragen hat.

Ich habe zwei leibliche Kinder, 17 und 21 Jahre, beide aus früheren Beziehungen. Ich habe leider keinen Kontakt zu den Kindern, die Ex-Frau wollte das nicht. Sie leben in Detmold und Paderborn. Ich habe die Grundschule besucht, ich wurde dort gehänselt, weil ich gelispelt habe. Ich habe dann die Sonderschule besucht bis zur 9.Klasse. Das war noch in Bochum. Ich habe ein Praktikum gemacht als KFZ-Mechaniker, habe es dann aber abgebrochen. Es lief eigentlich ganz gut. Anschließend machte ich eine Ausbildung zum Hundeführer bei der Britischen Rheinarmee. Ich hatte immer schon ein Faible für Hunde. Ich habe dort einen Abschluss gemacht. Ich habe wegen einer Frau dort aufgehört. Sie beklagte sich, dass ich nie zu Hause sei.

Ich habe dann als Hilfsarbeiter gearbeitet im Tiefbau. Da war ich etwa 21 Jahre alt. Dann kam die Haftstrafe. [Emminghaus will dies erst einmal ausklammern, Anm. d. Red.] Ich habe die Haft in Detmold und Bochum abgesessen. Ich habe während der Haft eine Qualifikation als Gärtner erlangt. Sie wollte mich gerne dort behalten. Aber die Beziehung zur Mutter lockte mich wieder nach Bad Lippspringe. Wir hatten dort einen großen Bauernhof. Ich habe dort oft mitgeholfen. Ich habe von Teilzeitjobs gelebt. Auf Dauer war das aber nichts.

UPDATE, 9.22 Uhr: Die Sitzung ist eröffnet. Detlev Binder, Strafverteidiger von Wilfried W., will berichten, warum Wilfried W. heute doch aussagen will.

Binder liest eine Erklärung vor: "Ich, Wilfried W., habe gehört, wie Angelika die Dinge aus ihrer Sicht geschildert hat. Sie hat über immer neue Gräueltaten berichtet. Sie hat über immer neue Straftaten berichtet, die ich begangen haben soll. Sie hat ausgesagt, dass ich ihr befohlen habe, Frauen festzubinden und zu fesseln. Sie schildert auch Misshandlungen, die sie mir zuschiebt, die sie aber selber begangen hat.

Erstmals im Prozess habe ich von diesen Misshandlungen gehört. Ich habe große Sorge, dass das Gericht geneigt sein mag, den Aussagen von Angelika W. Glauben zu schenken. Ich möchte die Realität nun ein wenig mehr beschreiben. Angelika hat es vorgezogen, im Haus in Bosseborn zu bleiben, obwohl ich mit Annika verheiratet war. Sie wiederholte immer wieder, mich mit einer Frau verbändeln zu wollen. Sie wiederholte immer wieder an den Verhandlungstagen Beschuldigungen in Richtung meiner Person. Ich will jetzt erzählen, wie sich die Sache für mich subjektiv darstellt."

Detlev Binder (re.) ist der Verteidiger von Wilfried W..
Detlev Binder (re.) ist der Verteidiger von Wilfried W..

Fotos: DPA

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