"Hunters": 70er-Avengers-Abklatsch rächt sich an Nazi-Verbrechern

Deutschland - Seit wenigen Tagen ist auf Amazon Prime Video die fiktive Serie "Hunters" verfügbar - und erntet bereits kräftig Kritik.

Eine Truppe von Nazi-Jägern sucht in den 70ern nach Vergeltung für grausame Kriegsverbrechen.
Eine Truppe von Nazi-Jägern sucht in den 70ern nach Vergeltung für grausame Kriegsverbrechen.  © Amazon.com Inc.

Dabei kann sich die Besetzung durchaus sehen lassen.

Für die Charaktere des Amazon Originals geben sich Al Pacino ("Scarface", "Im Auftrag des Teufels"), Logan Lerman ("Percy Jackson"), Josh Radnor ("How I Met Your Mother"), Jerrika Hinton ("Grey's Anatomy") oder Carol Kane ("Die Geister, die ich rief") die Ehre.

Auch der Grundtenor der Serie ist schnell umschrieben: Eine Gruppe Rächer geht im Amerika der 70er auf die Jagd nach untergetauchten hochrangigen Ex-Nazis. Coole Musik, lockere Sprüche und derbe Kampfszenen inklusive.

Protagonist der Serie ist der Teenager Jonah Heidelbaum (Logan Lerman), der - nach dem Mord an seiner Großmutter - ohne Familie da steht und zufällig auf die Truppe aufmerksam wird.

Die Serie vermischt Fiktion und Realität, springt in den Zeiten hin und her und man bekommt immer wieder grausame Szenen aus den Konzentrationslagern zu Gesicht. Besonders skurril sind dabei - ohne zu spoilern - jene Szenen, wie die mit dem Schachspiel oder dem Gesangswettbewerb. Ihr werdet wissen, was gemeint ist, wenn ihr es seht - ganz sicher.

Hier wird die Grausamkeit in den KZ zum Entertainment umgemünzt. Völlig zu Recht kann man sich darüber echauffieren. Allerdings ist die Idee, die Geschehnisse der NS-Zeit für ein TV-Publikum neu zu interpretieren - jetzt auch nicht gerade neu, wenn man die ein oder andere Comic-Verfilmung gesehen hat. Oder Quentin-Tarantino-Filme mag.

Dennoch darf und muss ein solcher Umgang durchaus mit der notwendigen Distanz kritisch hinterfragt werden.

Bekannte Schauspieler zeigen bekannte Film-Elemente

Vorzeige-Killer Travis Leich (Greg Austin) arbeitet daran, das 4. Reich mitzugründen.
Vorzeige-Killer Travis Leich (Greg Austin) arbeitet daran, das 4. Reich mitzugründen.  © Amazon.com Inc.

Nimmt man nun den geschichtlichen Hintergrund (auch den, dass es tatsächlich Nazi-Jäger gab) sowie die instrumentalisierte Überzeichnung mancher Sequenzen als gegeben hin, dann bleibt eine Revenge-Serie, die stark an eine Comicverfilmung erinnert.

Die zehn Episoden, die jeweils etwa eine Stunde lang dauern (der Pilot hat klassischerweise Spielfilmlänge), wurden von verschiedenen Künstlern in Szene gesetzt.

So nahmen unter anderem Alfonso Gomez-Rejon ("American Horror Story"), Wayne Yip ("Preacher", "Dr. Who"), Nelson McCormick ("24", "Daredevil") und Michael Uppendahl ("Fargo", "American Horror Story") auf dem Regiestuhl Platz.

Obwohl man der Serie einen gewissen Unterhaltungsgrad nicht absprechen darf und man - wie es bei dem Genre absolut üblich ist - das "Auge um Auge"-Prinzip moralisch unbedenklich zelebriert, hakt die Serie vom Entertainment-Level her vor allem an einer Sache: Sie liefert dem Zuschauer nichts Neues.

Die Elemente haben wir tausendmal gesehen - was nicht schlimm ist, wäre es nicht teilweise so vorhersehbar. Wir haben einen Teenager, der nach einem dramatischen Verlust seine dramaturgische Heldenreise beginnt. An seiner Seite taucht in der dunkelsten Stunde eine Vaterfigur auf, die ihm eine neue Aufgabe im Leben gibt und ihn darauf vorbereitet.

Zufällig ist der unbekannte Ziehvater, der den Jungen - Überraschung - nicht zufällig bei sich aufnahm, auch der Kopf einer abtrünnigen aber unfassbar coolen Truppe, in die der Teenager nun aufgenommen werden soll.

Tausendmal gesehen - und dennoch leidet man mit

Meyer Offerman (Al Pacino, l.) und Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) verbindet mehr, als man anfangs denkt.
Meyer Offerman (Al Pacino, l.) und Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) verbindet mehr, als man anfangs denkt.  © Amazon.com Inc.

Natürlich braucht die Gruppe, in der jeder eine besondere Fähigkeit hat, auch ein paar organisierte Bösewichte, die es in sich haben. Und deren Vorzeige-Killer Travis Leich (Greg Austin, "Class") unbesiegbar scheint.

Er weiß immer, wann er verfolgt wird, ist den jüdischen Avengers - allesamt mit einer traumatischen Hintergrundgeschichte - immer einen Schritt voraus, immer etwas schlauer und tödlicher und will am Ende doch nur zur Herrenrasse gehören - obwohl er kein Deutscher ist.

Also tut er alles, um seinem Herren, der eine Herrin ist, zu gefallen. Der Vergleich mit den "Avengers" ist tatsächlich gar nicht so falsch, bekommt doch eine Person zum Ende der Staffel plötzlich ein sehr interessantes Angebot für zukünftige Unternehmungen angeboten.

Nebenbei bastelt diese Herrin zusammen mit einer Handvoll unfassbar genialer Wissenschaftler an einer Superwaffe. So riesig und zugleich geheim, dass selbst James-Bond-Bösewichte einen Termin beim Arbeitsamt für Unausweichlich betrachten würden. Am Ende kommen dann noch zwei, drei heftige Plot-Twists, also unvorhersehbare Drehungen in der Handlung, die man jedoch schon teils erahnt.

Als Fazit kann man sagen: Ja, es nervt, dass die Originalität quasi nicht existent ist. Auch bricht die Serie mit keinerlei Erwartungen oder überrascht den Zuschauer. Dennoch leidet man mit den Figuren, wenn sie einer grausamen Übermacht hilflos ausgeliefert sind. Und man wünscht ihnen, ihre Rache zu bekommen. Und ja, die niedersten Instinkte jubeln, wenn dieser Moment dann gekommen ist.

Man muss sich jedoch klar darüber sein, dass hier stark überzeichnet wird. In einem Tagtraum von Jonah wird sogar ganz bewusst damit gespielt, dass Personen und Handlungen übertrieben werden. Jedoch versucht die Serie nebenbei doch wieder realistischer zu sein, als sie ist - und da ist der Wurm drin.

Empfehlung daher: Wenn man sich den Piloten und vielleicht noch ein, zwei Folgen ansieht, dann wird man schnell merken, ob man Zugang zu dieser Art Serie findet. Schlecht ist sie nicht - aber eben auch nicht herausragend.

Titelfoto: Amazon.com Inc.

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