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Ex-MOPO-Mann: "Wir täuschen uns über die wahre Natur des IS"

Dresden - SPIEGEL-Nahost-Korrespondent Christoph Reuter über sein Enthüllungsbuch "Die schwarze Macht", Überfremdungsangst und seine Berufsjahre bei der MOPO.
Christoph Reuter (47) vor wenigen Tagen bei der Fahrt durch das vom Krieg geschundene Aleppo im Norden Syriens.
Christoph Reuter (47) vor wenigen Tagen bei der Fahrt durch das vom Krieg geschundene Aleppo im Norden Syriens.

Von Guido Glaner

Dresden - Nahost-Experte und SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter enthüllt in seinem aktuellen Buch "Die schwarze Macht" die Rolle ehemaliger irakischer Geheimdienstler beim Aufbau des IS.

Vor etwas mehr als 20 Jahren war er noch ein Kollege von uns. Dass die Morgenpost in Sachsen in ihren Gründerjahren viele Leser fand, war mit sein Verdienst. Schon damals recherchierte er mit Vorliebe investigativ.

Heute arbeitet der studierte Islamwissenschaftler Christoph Reuter (47) als Korrespondent des SPIEGEL, Reporter, Buchautor und Experte für den Nahen Osten von Beirut aus.

Sein aktuelles Buch „Die schwarze Macht“ beschäftigt sich mit dem „,Islamischen Staat‘ und den Strategien des Terrors“.

Unter anderem enthüllt Reuter die Rolle ehemaliger irakischer Geheimdienstler beim Aufbau der Terrorgruppe.

Am 27. Mai um 19.30 Uhr stellt der Autor sein Buch im Japanischen Palais vor und diskutiert mit Matthias Rogg, Direktor des Militärhistorischen Museums (der Eintritt ist frei).

MOPO24: Herr Reuter, die Dresdner Morgenpost feiert gerade ihr 25-jähriges Jubiläum. In den frühen 90ern haben Sie die Zeitung mit aufgebaut. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Christoph Reuter: Politisch war es eine dramatische Zeit. Als jungen Journalisten interessierten mich die konkreten, spannenden, manchmal hoch skurrilen Geschichten:

Wie die PDS die Akten ihrer parteiinternen Säuberungen der 50er-Jahre im Ofen eines Pionierlagers verbrennen wollte; wie ein Treuhand-Manager sich die Friedensburg samt Weinberg für 70 000 Mark unter den Nagel reißen und für den hundertfachen Preis verkaufen wollte; wie ein Manager der Maschinenfabrik Rapido log, Dutzende Waffelbackautomaten nach Russland geliefert zu haben, wo sie verloren gegangen seien.

In Wirklichkeit hatte er sie beiseitegeschafft, und wir kannten nur den Ort: Morgenröthe-Rautenkranz.

Es war eine gute Übung in Unerschrockenheit, dort durch die Kneipen zu ziehen und die Leute zu fragen, ob ihnen zufällig unlängst zimmergroße Kisten mit Waffelbackautomaten begegnet seien - nach einem halben Tag hatten wir sie gefunden.

Maskiert, bewaffnet und zu jeder Grausamkeit bereit: Die IS-Kämpfer haben weiter des Irak und Syriens erobert und verbreiten weiterhin - propagandagerecht - Angst und Schrecken.
Maskiert, bewaffnet und zu jeder Grausamkeit bereit: Die IS-Kämpfer haben weiter des Irak und Syriens erobert und verbreiten weiterhin - propagandagerecht - Angst und Schrecken.

MOPO24: Seit vielen Jahren arbeiten Sie im Nahen Osten, erlebten den zweiten Golfkrieg, den Sturz Saddams, den Arabischen Frühling, die Kriege in Afghanistan, Syrien und im Irak, den Aufstieg al-Qaidas wie des IS, über den Sie Ihr Buch geschrieben haben. Was fasziniert Sie an diesem kriegerischen Schauplatz?

Christoph Reuter: Ich habe die wichtigsten Momente europäischer Geschichte in den letzten Jahrhunderten aus Altersgründen verpasst: Aufklärung, Revolutionen, die moralische, lebensgefährliche Grundsatzentscheidung jedes Einzelnen: Lehne ich mich auf gegen Tyrannei oder nicht?

Vieles von dem, was im Nahen Osten heute geschieht, sind Wiederauflagen unserer Geschichte.

MOPO24: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir im Westen uns über die wahre Natur des IS täuschen. Was ist unser Irrtum?

Christoph Reuter: Dass wir stets der Propaganda glauben, da seien nur verrückte Fanatiker am Werk. Die erobern aber keine Städte und halben Länder.

Das hat nur funktioniert, wie wir über lange Recherchen und den Einblick in die Pläne aus der innersten IS-Führung herausfanden, weil Saddam Husseins ehemalige Offiziere und Geheimdienstler seit Jahren die echten Drahtzieher im IS sind. Die wissen, wie man Unterwanderung, Einschüchterung, Macht organisiert.

MOPO24: Aus ihrem Buch lässt sich herauslesen, dass die Kriege im Nahen Osten, für die unter anderem der IS steht, in der Hauptsache Kriege zwischen den islamischen Glaubensgruppen der Sunniten und der Schiiten sind. Bekämpft sich der Islam - gerade in Gestalt des IS - nicht hauptsächlich selbst?

Christoph Reuter: Ja, genau das geschieht jetzt. Aber zu glauben, solch ein ins Gigantische auswachsender Krieg ließe sich folgenlos ignorieren, wäre ein fataler Fehler.

MOPO24: Attentäter wie die „Charlie Hebdo“-Mörder seien eher frustrierte Trittbrettfahrer als von islamistischen Terrorgruppen gelenkt, behaupten Sie.

Christoph Reuter: Attentäter, die einen Kredit bei ihrer lokalen Bank aufnehmen, um sich auf dem Schwarzmarkt in Brüssel Waffen zu besorgen, die fliehen ohne Fluchtplan und ihren Personalausweis im Auto liegen lassen - das war kein professioneller Anschlag, allem Grauen zum Trotz.

Außerdem gibt es keine Belege für eine Planung des Hebdo-Attentats jenseits der eigentlichen Täter.

Vertriebene sind diese frierenden Flüchtlingskinder in Baherka im Nordirak.
Vertriebene sind diese frierenden Flüchtlingskinder in Baherka im Nordirak.

MOPO24: Hat der IS ein Interesse daran, den Westen mit Terror zu überziehen? Wenn ja, welches?

Christoph Reuter: Wenn er denkt, dass es seinem Kalkül nutzt, wird er Anschläge verüben, die alles weit in den Schatten stellen, was wir in den letzten Jahren erlebt haben. Aber Terror ist für den IS kein Selbstzweck wie bei al-Qaida. Beide unterscheiden sich fundamental.

Aber davon auszugehen, nur weil es noch keine großen Anschläge gegeben hat, sei der IS dazu nicht in der Lage, wäre eine absolute Fehleinschätzung.

MOPO24: Stichwort PEGIDA, die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. In Dresden besonders ist die Angst vor einer „Flüchtlingsschwemme“ aus den Kriegsgebieten groß. Was meinen Sie: Ist die Angst vor der Islamisierung der westlichen Welt begründet oder ist man bei uns nur weltfremd?

Christoph Reuter: PEGIDA hat eine Hysterie geschürt, die unbegründet ist.

Dem Größenwahn der fusselbärtigen Deppen, die vom Kalifat in Europa schwadronieren und alle Frauen in Vollverschleierung zwingen wollen, kann man entgegentreten, ohne deshalb in Angst zu verfallen.

Was die Situation der Flüchtlinge betrifft: Gehört zu den Traditionen des Abendlands nicht auch diese, Menschen zu helfen, die ihre halbe Familie, ihre Jobs, Häuser, alles verloren haben wie in Syrien?

Im deutschen Recht gibt es den Passus der unterlassenen Hilfeleistung. Auf die Welt bezogen wäre es würdevoll, wenn man sich schon nicht für die Gründe der Flucht interessiert, den Flüchtlingen nicht auch noch mit Hass zu begegnen.

MOPO24: Das Abendland ist nicht in Gefahr?

Christoph Reuter: Nö. Jedenfalls nicht durch Islamisierung. Eher durch unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem, was eine demokratische Gesellschaft ausmacht.

MOPO24: Nach dem Arabischen Frühling frohlockten wir im Westen und sagten den Siegeszug der Demokratie voraus. Ein Irrtum, wie wir sehen.

Bedeutet das, dass der islamische Raum für demokratische Ideen grundsätzlich unempfänglich ist?

Christoph Reuter: Was hätte Ihnen jemand vier Jahre nach der Französischen Revolution über deren Erfolg erzählt, als Robespierre den „terreur“ erfand und die Menschen reihenweise unter der Guillotine landeten?

Es stimmt, dass in der islamischen Welt jetzt jene entscheidenden Konflikte ausgetragen werden, die in Europa Jahrhunderte früher stattfanden.

Aber diese Welt verändert sich genau so, wie es Europa getan hat. Es geht nur nicht so schnell und geradlinig, wie wir es gerne hätten.

MOPO24: Sie haben Ihren Lebensmittelpunkt in Beirut. Welchen Anteil des Jahres verbringen Sie in Deutschland?

Christoph Reuter: Ein paar Wochen in der Summe, aber meist nur einige Tage am Stück.

MOPO24: Sie und Ihre Familie, wie gefährdet sind Sie?

Christoph Reuter: Keiner weiß, wo mein Auto steht. Oder die Wohnung liegt. Drohungen gibt es gelegentlich, aber andere Dinge, wie das Entführungsrisiko in manchen Gebieten, sind weit gefährlicher

Christoph aus Niedersachsen im Araber-Gewand.
Christoph aus Niedersachsen im Araber-Gewand.

MOPO24: Haben Sie über die Zeit Heimatgefühle für den Nahen Osten entwickelt oder bleibt eine Distanz, die man nicht überwindet?

Christoph Reuter: Heimat, das sind Familie, Freunde, das sind gemeinsame Vorlieben für Sport und Neugierde, das ist der Geruch von Waldboden nach einem Sommerregen - das alles gibt es auch im Nahen Osten. Sogar den Wald.

MOPO24: Wie stehen Sie zum Islam - waren Sie je in Versuchung, überzutreten?

Christoph Reuter: Nein. Aber ich wäre auch nicht in Versuchung, zu irgendeiner anderen Religion überzutreten.

MOPO24: Welche arabischen Lebensgewohnheiten haben Sie angenommen?

Christoph Reuter: Vielleicht die Unbefangenheit gegenüber Fremden? Sich nicht nur für den eigenen Vorgarten zu interessieren? Ich weiß nicht einmal, ob das arabische Eigenheiten sind. Auf jeden Fall vermisse ich sie manchmal in Deutschland.

MOPO24: Nun kehren Sie für eine Lese und Diskussionsveranstaltung nach Dresden zurück. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Christoph Reuter: Freunde und alte Kollegen wiederzusehen. Und ein kaltes Radeberger.

Das ist Christoph Reuter

Sein Buch "Die schwarze Macht" stellt Reuter am Mittwoch im Japanischen Palais vor.
Sein Buch "Die schwarze Macht" stellt Reuter am Mittwoch im Japanischen Palais vor.

Reuter kam 1968 in Sande (Niedersachsen) zur Welt. Er machte sein Abitur in Münster, studierte Islamwissenschaft in Hamburg. Den Journalismus lernte er in der Henri-Nannen-Journalistenschule, bevor er für seine erste Anstellung als Redakteur für zwei Jahre - 1993/94 - zur Dresdner Morgenpost ging.

Zu seinen weiteren Stationen gehören die Wochenpost (1996 eingestellt) und das Magazin GEO; er war Auslandskorrespondent des Stern in Bagdad und Kabul; seit Juni 2011 ist er Auslandskorrespondent des SPIEGEL mit Sitz in Beirut.

Das Medium Magazin zeichnete ihn zweimal, 2012 und 2014, als „Reporter des Jahres“ aus. Reuter verarbeitete seine Recherchen in mehreren Büchern, darunter „Mein Leben ist eine Waffe - Selbstmordattentäter, Psychogramm eines Phänomens“ (2002), „Café Bagdad. Der ungeheure Alltag im neuen Irak“ (mit Susanne Fischer, 2004) und „Kunduz, 4. September 2009“ (mit Marcel Mettelsiefen, 2010).

Fotos: dpa, imago

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