Haben Sie Angst vor der PEGIDA, Herr Al Saadi?

„In Dresden gibt es keine Nähe zum salafistischen Spektrum“, versichert Khaldun Al Saadi (24) der MOPO-Reporterin.
„In Dresden gibt es keine Nähe zum salafistischen Spektrum“, versichert Khaldun Al Saadi (24) der MOPO-Reporterin.

Von Antje Meier

Dresden/chemnitz - Die „Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) wollen sich am Montag zum achten Mal treffen. Ihr Feindbild: der Islamismus! Dabei verschwimmen oft die Grenzen zum nicht radikalen Islam. Wie gehen Muslime mit den Montagsdemos um?

MOPO hat bei einem nachgefragt, der es wissen muss:

Khaldun Al Saadi (24). Der gebürtige Chemnitzer mit jemenitischen Wurzeln studiert Arabistik und Kommunikationswissenschaft in Leipzig, ist der Sprecher des Islamischen Zentrums Dresden und natürlich selber Moslem.

MOPO: Herr Al Saadi, PEGIDA „trifft“ sich Montag wieder. Was sagen Sie zu so viel Islamophobie?

Khaldun Al Saadi: Es gibt immer Wellen im Diskurs um Islam/Muslime. Aber wir hatten gedacht, besonders nach dem Mord an Marwa El-Sherbini (Ägypterin, die 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal erstochen wurde, Anm. d. Red.), dass sich das Klima entspannen würde.

Dass sich jetzt eine solche Muslimfeindlichkeit in der Gesellschaft zu etablieren scheint, macht ziemlich betroffen.

MOPO: Haben Sie eine PEGIDA- Demo einmal selbst miterlebt?

Khaldun Al Saadi: Ich war auf einer der Demos, da waren sie noch knapp 1000. Was ich gesehen habe, war in meinen Augen Missbrauch von Sakralbauten, insbesondere der Frauenkirche, Missbrauch christlicher Symbolik und der Friedlichen Revolution.

Als sie ,Wir sind das Volk‘ skandiert haben, wusste ich, ich bin nicht gemeint. Inzwischen sind es bis zu 7000 PEGIDA-Anhänger...

Ich hatte vor Kurzem Videoaufnahmen gesehen. Ich selber gehe nicht mehr hin, weil mir das zu gefährlich ist. Das ist sehr erschreckend, was da für eine Dynamik entstanden ist.

MOPO: Hat man als Muslim in Dresden inzwischen Angst?

Khaldun Al Saadi: Man kann PEGIDA nicht einschätzen. Die sind auch nicht dialogorientiert. Damit steigt die Angst vor Übergriffen, besonders gegenüber Frauen, die man äußerlich durch ein Kopftuch als Muslime erkennt.

Das sind meist die ersten Opfer.

MOPO: Gab es schon Übergriffe?

Khaldun Al Saadi: Es gab und gibt immer wieder Übergriffe. Ob das die Diskriminierung am Arbeitsplatz ist oder gewalttätige Auseinandersetzungen in der Straßenbahn, wie vor einigen Wochen.

Das ist der Alltag von vielen Muslimen.

MOPO: Warum kocht die Islamfeindlichkeit ausgerechnet in Dresden hoch?

Khaldun Al Saadi: Ich denke, das hat zwei Gründe. Der Erste ist, dass Sachsen und insbesondere Dresden noch nicht so viel Erfahrung im Bereich Migrations- und Integrationspolitik hat.

Nicht umsonst heißt das Amt hier immer noch Ausländerbeauftragter und nicht wie in Berlin Integrations- und Migrationsbeauftragte.

MOPO: Und der andere Grund?

Ängste bekämpfen, statt sie zu schüren! Khaldun Al Saadi wünscht sich einen offenen Dialog.
Ängste bekämpfen, statt sie zu schüren! Khaldun Al Saadi wünscht sich einen offenen Dialog.

Khaldun Al Saadi: Weil der Kontakt zu Muslimen in Dresden so gering ist, versucht man, das einzuordnen, was man über den Islam hört. Ein wichtiges Medium dafür ist das Internet. Meiner Meinung nach nicht das geeignetste Medium.

Zumal viele gerankte Seiten salafistischer oder rechtspopulistischer Prägung sind.

MOPO: Eine Angst der Deutschen ist, dass sich ihre Frauen auch irgendwann verschleiern müssen.

Unabhängig davon, dass Studien belegen, dass immer weniger Frauen ein Kopftuch tragen, halte ich diese Sicht auf das Kopftuch für gefährlich. Das Kopftuch kann ein Teil der Identität einer muslimischen Frau sein. Die einen tragen es, weil sie es schön finden, manche aus dem religiösen Bekenntnis heraus.

Außerhalb des Gebetes ist das Kopftuch nicht mal ein religiöses Symbol. Man muss eher fragen, warum die Gesellschaft das Kopftuch so problematisiert, wenn die Frauen selbst damit kein Problem haben.

MOPO: Ein weiteres Vorurteil: Muslime bleiben unter sich, haben kein Interesse, sich zu integrieren. Besonders die Älteren können kaum Deutsch. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Khaldun Al Saadi: Die Muslime gehören zum Volk – und das nicht erst seit gestern. Wenn wir uns zum Beispiel die Gastarbeiter in den 1960er-Jahren anschauen - die sollten ja gar nicht hier bleiben und integriert werden.

Die kamen zum Arbeiten her. Doch seitdem haben wir einen veränderten Migrations- und Integrationsprozess. Viele Muslime sind Staatsbürger und könnten sogar förderlich für den weiteren Integrationsprozess sein.

MOPO: Thema Terror: Wie gefährlich ist der Islamische Staat?

Khaldun Al Saadi: Der IS ist besonders für den Nahen Osten gefährlich. Die eigenständige kulturelle Vielfalt dort wird aufgelöst und durch ein faschistisches, vermeintlich islamisches Staatsprojekt ersetzt. Alle Menschen, die da leben, sind Opfer.

Für Deutschland sind hingegen die Rekrutierungen von meist Jugendlichen ein Problem. Jugendliche, die sich radikalisieren, suchen nach Männlichkeitsidealen oder Lösungen für Familienprobleme. Die finden sie leider im Dschihadismus.

MOPO: Erst Al-Kaida, jetzt IS: Wieso ist der Islam scheinbar so anfällig für Terrorgruppierungen?

Khaldun Al Saadi: Der Islam hat auch kein größeres Potenzial dafür wie andere Religionen. Das Problem bei Religion ist, dass man durch Jenseitsvorstellungen gewisse Ängste aufbauen kann - quasi: Wenn du das nicht tust, kommst du in die Hölle.

Die Dschihadisten spielen das aus. Der Islam spricht aber vom umfassend barmherzigen Gott.

MOPO: Der Koran enthält aber auch kritische Stellen, an denen z.B. vermeintlich zum Töten von Ungläubigen aufgerufen wird ...

Die Pegida-Demonstration am Terassenufer.
Die Pegida-Demonstration am Terassenufer.

Das größte Problem ist, dass wir 1400 Jahre Geistesgeschichte innerhalb des Islam völlig ausblenden bzw. in Deutschland keinen Zugang dazu haben.

Andersgläubige gehen davon aus, dass Muslime lediglich literalistischen Zugang zum Text haben, ihn, wie die Salafisten, ohne einen spezifischen Kontext interpretieren. Letztendlich ist Religion aber etwas, das gelebt wird. Man muss sich mit den Menschen auseinander setzen.

MOPO: Planen Salafisten bei uns Glaubenskriege?

Khaldun Al Saadi: Auch wenn Salafisten in meinen Augen einen schwierigen Umgang mit den Quellen haben, sind sie nicht unbedingt gewaltbereit.

Es gibt viele, die gegen IS predigen. Es gibt aber innerhalb des Salafismus auch den Dschihadismus, der gewaltbereit ist. Allerdings gehören nur 0,015 Prozent der Muslime in Deutschland dem salafistischen Spektrum an.

Die Mehrheit der Muslime verurteilt den Extremismus.

MOPO: Was wünschen Sie sich, was sich in der muslimischen Gemeinde ändern müsste?

Khaldun Al Saadi: Als Minderheit neigt man dazu, nach außen immer eine besondere Stärke zeigen zu wollen, gegen die Diskriminierung.

Man muss sich aber auch mal einen Moment gönnen und eingestehen, dass das langsam doch ein bisschen viel wird.

Man muss sich Räume schaffen, um der Traurigkeit Platz zu geben.

Denn die Situation gerade ist wirklich traurig.

MOPO: Sollten Muslime gegen PEGIDA mit auf die Straße gehen?

Khaldun Al Saadi: Im Grunde genommen demonstrieren sie ja schon seit über zehn Jahren. Weil sie im Alltag permanent mit diesem Diskurs konfrontiert werden.

Aber PEGIDA sieht in einem Muslim immer nur eine politische Ideologie.

Was sie sich nicht vorstellen können, ist, dass Muslime in Deutschland einfach arbeiten, eine Familie haben und ihre religiösen Rituale pflegen wollen.

Dieses Bild vom einfachen Menschen funktioniert in ihrer Verschwörungstheorie nicht.

MOPO: Welchen Appell haben Sie an PEGIDA-Anhänger?

Khaldun Al Saadi: Wenn sie montags Plätzchen backen würden und am Dienstag damit zu den Flüchtlingsheimen gehen, dann hätten sie etwas für ihr Land getan und für die Leute, die in diesem Land leben.

Fotos: Eric Münsch, Lutz Hentschel


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