Gericht verurteilt Familie wegen Unterstützung ihrer Tochter bei Terror-Miliz

Hamburg - Erstmals ist eine Familie wegen Unterstützung des Islamischen Staates vom Oberlandesgericht in Hamburg verurteilt worden.

Der Prozess fand vor dem Oberlandesgericht Hamburg statt.
Der Prozess fand vor dem Oberlandesgericht Hamburg statt.  © Christian Charisius/dpa

Die türkischstämmigen Eltern (55 und 54), ein Bruder (32) und eine Schwester (30) aus Neumünster hätten gewusst, dass ihre jüngste Tochter beziehungsweise Schwester IS-Mitglied war und hätten ihr im März 2016 trotzdem mehr als 27.000 Euro über Mittelsmänner geschickt, sagte der Vorsitzende des Staatsschutzsenats, Norbert Sakuth.

Wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland sprach das Gericht Haftstrafen auf Bewährung aus. Wie aus einem Antrag der Verteidigung hervorging, lebt die 1993 geborene Tochter zurzeit in einem nordsyrischen Lager.

Die Generalstaatsanwaltschaft hatte nach Angaben der Gerichtspressestelle für die Mutter, den Sohn und die Tochter bis zu dreieinhalb Jahre Gefängnis gefordert. Allein der Vater sollte mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren Haft davonkommen.

Das Gericht blieb nun deutlich unter dieser Strafforderung und entsprach damit dem Antrag der Verteidigung. Der Vater bekam neun Monate, die Mutter und der Sohn jeweils ein Jahr und drei Monate, die Tochter ein Jahr und sechs Monate.

Die jüngste Tochter hatte bereits 2014 ihrem Mann nach Syrien folgen wollen, zusammen mit ihrem gemeinsamen, damals vier Monate alten Sohn. Doch in der Türkei erfuhr sie, dass ihr Mann bei Kämpfen getötet worden war. Sie kehrte nach Neumünster zurück und heiratete nach einem Jahr erneut einen Mann, der sich dem IS anschloss.

Im Juni 2016 reisten sie in einer Gruppe in die IS-Hauptstadt Rakka in Syrien. Während ihr Mann eine Kampfausbildung begann, machte sie in einem Blog Propaganda für die Terrormiliz.

Familie bringt über 25.000 Euro zusammen

Das Strafgesetzbuch steht auf einem Tisch. (Symbolbild)
Das Strafgesetzbuch steht auf einem Tisch. (Symbolbild)  © Oliver Berg/dpa

Auf Deutsch pries sie darin das Leben im Islamischen Staat, filmte ihren kleinen Sohn mit einer Kalaschnikow und ließ sich den Angaben zufolge einen Sprengstoffgürtel anfertigen. Sollte Rakka angegriffen werden, würde sie damit zehn bis 15 Ungläubige in den Tod reißen, erklärte sie demnach.

Im Januar 2017 drängte sie ihre Familie in Deutschland, ihr Geld zu schicken, das sie einst den Eltern und Geschwistern geliehen hatte. Damit wolle sie auch "Steuerschulden" beim IS bezahlen, gab sie an. Mühsam brachte die Familie 27.220 Euro zusammen und schickte den Betrag über das sogenannte Hawala-Banking nach Rakka.

In einem Gespräch, dessen Protokoll der Richter verlas, flehte der Vater die Tochter an, nach Deutschland zurückzukehren. Angesichts der Kämpfe in Syrien fragte der Vater mit Blick auf seinen Enkel: "Welches Recht hast du, dem Kind das anzutun?"

Der IS spiele nur die Muslime gegeneinander aus. Er bete für die Tochter und deren Familie. Beim Verlesen weinten die Angeklagten. Monate später wurde der Enkelsohn und ein weiteres inzwischen geborenes Enkelkind bei einem Luftangriff auf Rakka getötet, deren Mutter schwer verletzt.

Von dem Geld, das die Angeklagten nach Syrien schickten, waren 2000 Euro für eine andere Deutsche beim IS bestimmt, mit der die Tochter zusammen nach Rakka gereist war. Diese andere Frau (30) kehrte am vergangenen Wochenende mit Hilfe der Bundesregierung nach Deutschland zurück.

Die Verteidigung im Hamburger Prozess hatte unmittelbar vor der Urteilsverkündung noch beantragt, die Rückkehrerin eventuell als Zeugin zu befragen.

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