Mit Bushido fing alles an: Diese Schülerin kann mit ihren Händen singen

Jockgrim - Es begann mit der Frage ihres gehörlosen Vaters. "Du, was ist das eigentlich: Musik?", habe er wissen wollen, erzählt Vanessa Feller-Jung. Die Antwort fiel der jungen Frau aus der Pfalz schwer. "Ich finde immer noch, dass man Musik kaum in Worte fassen kann."

Die 17-Jährige Vanessa übersetzt überwiegend Rap-Texte in Gebärdensprache.
Die 17-Jährige Vanessa übersetzt überwiegend Rap-Texte in Gebärdensprache.  © DPA

Als ihr Vater kurz darauf heiratet, macht die heute 17-Jährige ihm ein besonderes Geschenk: Sie übersetzt "Wärst Du immer noch hier" von Bushido in Gebärdensprache. Die Gäste, darunter Gehörlose, sind begeistert. "Sie fanden es toll, dass ich ihnen zeige, wie man sich Musik vorstellen kann." Es ist der Beginn einer großen Leidenschaft.

Als Tochter gehörloser Eltern ist Vanessa Feller-Jung in Jockgrim, einer südpfälzischen Gemeinde mit etwa 7500 Einwohnern im Landkreis Germersheim, mit Gebärdensprache aufgewachsen. Gebärdensprache, sagt sie, sei für sie wie eine Muttersprache.

Und auch Musik sei ihr schon immer wichtig gewesen - genauer: Sprechgesang, also Rap. "Aber nicht so dieses Ghetto-Ding", sagt sie und lacht. "Ein Lied sollte eine gewisse Botschaft besitzen, darauf achte ich bei meinen Videos."

Um mehr Menschen mit Gebärdensprache zu erreichen, beginnt die Schülerin nach der Hochzeit ihres Vaters, selbst gedrehte Musikvideos im Internet zu verbreiten. Der Startschuss fällt in der heimischen Küche in Jockgrim: Das "übersetzte" Lied "Brot brechen" von Bushido, mit dem Smartphone gefilmt, bringt ihr 2015 mehr als 13.000 Aufrufe.

Etwa zu dieser Zeit wird der in der Schweiz lebende Musiker Siga auf die junge Frau aufmerksam. "Ich wurde von einem Fan gefragt, ob ich meine Lieder für eine hörgeschädigte Bekannte mit Untertiteln versehen könnte", erzählt der Rapper mit bürgerlichem Namen Siva Ganesu.

Die Anfrage überrascht den Familienvater zunächst. Dann macht der in Bielefeld aufgewachsene Musiker sich aber im Internet auf die Suche, wie man Gehörlosen die Musik näher bringen kann.

Umsetzung eines Songs in Gebärdensprache nimmt mindestens zwei bis drei Tage in Anspruch

Vanessa Feller-Jung zeigt in Gebärdensprache die Zeilen "Ich glaube an Wunder" und "Ich glaube an dich" aus einem Rap-Song ihres Musiker-Kollegen Siga.
Vanessa Feller-Jung zeigt in Gebärdensprache die Zeilen "Ich glaube an Wunder" und "Ich glaube an dich" aus einem Rap-Song ihres Musiker-Kollegen Siga.  © DPA

Er kommt auf die Idee, eine Gebärdendolmetscherin in seinen Videos zu platzieren, gründet das Projekt "Du" und stößt im Internet auf die damals 13-jährige Vanessa. "Ich erzählte ihr von meiner Idee, sie war gleich begeistert und wollte dabei sein", sagt er.

"Mein größter Erfolg ist, wenn ich auf der Bühne performe und keinen Unterschied zwischen Hörenden und Gehörlose sehe." Diese Barrierefreiheit sei ein schönes Gefühl. "Etwas Besseres gibt es nicht, als wenn man mit seiner Leidenschaft Menschen helfen kann", sagt der 34-Jährige.

Vanessa Feller-Jung übersetzt nicht nur die Texte des Rappers in Gebärdensprache. Sie nehmen auch gemeinsam Videos auf, stehen bei Konzerten zusammen auf der Bühne und machen Musik sicht- und fühlbar - er mit Worten, sie mit Gesten. "Man kann nicht alles wörtlich übersetzen. Mit meiner Mutter überlege ich dann, wie wir die Botschaft am besten in Gebärdensprache rüberbringen", sagt sie.

Der Musiker lässt der Pfälzerin viel Freiraum in der Interpretation seiner Lieder. "Wir verstehen uns sehr gut", sagt er. "Du" sei längst mehr als nur ein Projekt. "Es ist eine Herzenssache", betont Siga. Er wolle Vorbild sein - "mit positiver Musik und einer guter Botschaft". Bei Liedern, die sie auswendig kennt, braucht Vanessa Feller-Jung zur Umsetzung in Gebärdensprache zwei bis drei Tage. "Wird das Lied schneller, bewege ich mich schneller."

Nach ihrem Abitur will sie als Dolmetscherin mit Gebärdensprache arbeiten und so zur Integration von Gehörlosen beitragen. Das ist ihr wichtig. "Was Hörende mit der Musik verbinden, ist für Gehörlose oft schwer zu verstehen."

Titelfoto: DPA


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