Kaffeeklatsch mit dem Tod: Bestatter laden zu Kuchen ein

Stuttgart - Den meisten Menschen fällt es schwer, über den Tod zu sprechen. Mal kommt das Sterben als Tabuthema daher, mal findet sich einfach niemand, der zuhören möchte. Bei Kaffee und Kuchen scheint das leichter zu fallen. Auch deshalb sind entsprechende Angebote gefragt.

Besucher des "Cafe Tod" sitzen mit Kaffee und Kuchen an Tischen.
Besucher des "Cafe Tod" sitzen mit Kaffee und Kuchen an Tischen.  © Tom Weller/dpa

Wenn Ute Züfle und Chantal Häfner zum Kaffeeklatsch laden, dann sitzt der Tod auch ein wenig mit am Tisch.

Denn bei frischgebrühtem Kaffee und selbstgebackenem Kuchen soll sich vieles auch um das Thema drehen, das für die meisten von uns nicht wirklich zu solchen Runden passt. Ute Züfle sieht das anders - und der regelmäßige Andrang im "Café Tod" in ihrem Bestattungsinstitut zeigt, dass es Gesprächsbedarf gibt.

Mindestens 40 Menschen, vor allem Frauen und eher Ältere, sitzen an diesem Nachmittag dort zusammen, wo normalerweise der Toten gedacht wird. Sie rühren in ihren Tassen, sie beißen hin und wieder in den Marmorkuchen und erzählen dann den fremden Anderen von ihrer Trauer, von Abschied und Kindern, Vollmachten und Bestattungspflichten und ab und an auch von ihren Nachbarn.

Stuttgart: Schachmann zum zweiten Mal deutscher Straßenrad-Meister
Stuttgart Lokal Schachmann zum zweiten Mal deutscher Straßenrad-Meister

"Der Tod verbindet uns alle, denn wir müssen alle sterben", sagt Züfle, die Institut und Café-Treffen gemeinsam mit der Bestatterin Chantal Häfner organisiert. "Und dennoch gibt es nur wenige Gelegenheiten, sich darüber zu unterhalten."

Die Idee: Bei Kaffee und Kuchen über das Thema Tod sprechen

Die Bestatterin Ute Züfle spricht mit den Besuchern.
Die Bestatterin Ute Züfle spricht mit den Besuchern.  © Tom Weller/dpa

Im vergangenen Sommer haben Häfner und Züfle zum ersten Mal eingeladen - und seitdem kommen ihre Gäste alle zwei Monate zusammen.

Es gibt Stammbesucher, Neugierige und Menschen, die einen akuten Trauerfall verarbeiten müssen. "Aber uns ist wichtig, dass wir keine professionelle Trauerbegleitung ersetzen, wir sind auch keine Selbsthilfegruppe", sagte Ute Züfle.

Im "Café Tod" wird auch gelacht, es wird geweint, es werden Märchen erzählt und um die Stimmung nach der Pause etwas aufzuheitern stimmt die 41-Jährige mit dem Klavier auch mal ein Volkslied an.

18-Jährige verliert Freundinnen auf Open-Air-Party in Stuttgart und wird vergewaltigt
Stuttgart Crime 18-Jährige verliert Freundinnen auf Open-Air-Party in Stuttgart und wird vergewaltigt

Neu ist die Idee nicht, aber sie ist in Baden-Württemberg bislang auch nicht wirklich weit verbreitet. Der Schweizer Soziologe Bernard Crettaz lud 2004 zum ersten "Café mortel" ein, weitere Cafés in Wohnungen, Kirchenräumen oder Restaurants folgten. Zur Bewegung wurde die Idee, als Jon Underwood 2010 daraus ein sogenanntes soziales Franchise-Unternehmen machte. Sein "Death Café" gibt es mittlerweile in mehr als 50 Ländern.

Das gemeinsame Ziel: der Tod soll aus der dunklen Ecke geholt und ins pralle Leben integriert werden. Denn anders als früher, als Menschen zum Beispiel noch im Kreis der Familien starben und zum Abschied tagelang aufgebahrt wurden, findet der Tod heute vor allem im Verborgenen statt. Aber ein Tabuthema? Züfle schüttelt den Kopf: "Nein, das nicht, doch den Menschen fehlt eine Plattform wie das Café, um sich auszutauschen." Eigentlich sei das Gespräch über den Tod ein durchaus lebendiges.

Bei der jungen Frau aus Rottweil im Stuttgarter " Café Tod" funktioniert das gut. "Je mehr ich über den Tod spreche, umso wahrhaftiger wird das Leben für mich", sagt sie zum Abschluss der zweistündigen Veranstaltung. Auch eine andere, ältere Frau ist dankbar für das Angebot: "Ich habe mich schon immer mit dem Tod beschäftigt, aber niemand wollte mit mir darüber reden."

Der Tod schreibt viele Geschichten

Bei Kaffee und Kuchen geht es um den Tod.
Bei Kaffee und Kuchen geht es um den Tod.  © Tom Weller / DPA

Der Tod als Thema zeigt im Café, das seinen Namen trägt, alle möglichen Facetten: Da ist die Frau, die ihre Trauer verarbeitet, in dem sie die Initialen des Vaters auf das Nummernschild des Autos drucken lässt, mit dem sie nach seinem Tod weiterfährt.

Da ist die Café-Besucherin, die sich an das Lied erinnert, das sie einem Sterbenskranken im Trost gesummt hat. Und eine weitere Besucherin erzählt, wie sehr es ihr geholfen hat, an der Absturzstelle Abschied zu nehmen von ihrem Lebensgefährten, der bei einem Flugzeugunglück aus dem gemeinsamen Leben gerissen wurde.

Tanja Rommler kennt ähnliche Geschichten. Gemeinsam mit der Philosophin Marieke Abram bietet sie das "Café Totentanz" in Freiburg an. Und sie spürt, dass das Gespräch bei Kaffee und Kuchen ihre Gäste verändert: "Viele kommen scheu und schüchtern, aber sie gehen bereichert und berührt wieder nach Hause", erzählt die 46-Jährige. "Das liegt unter anderem auch daran, weil sie mit unbekannten Menschen offen und frei sprechen konnten über ein Thema, das vielen schwer fällt."

Das gilt aber auch für sie selbst: "Es ist für mich eine Annäherung an die eigene Angst", sagt sie. "Für mich hat die Auseinandersetzung mit dem Tod vor allem zu der Frage geführt, wie ich leben möchte."

Titelfoto: Tom Weller/dpa

Mehr zum Thema Stuttgart: