Messerattacke in Flüchtlingsheim: Augenzeugen belasten Angeklagten

Kiel - Im Prozess um eine lebensbedrohliche Messerattacke während einer Massenschlägerei in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt (Kreis Segeberg) ist der Angeklagte von einem Augenzeugen als Täter identifiziert worden.

In der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt kommt es regelmäßig zu blutigen Auseinandersetzungen. (Symbolfoto)
In der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt kommt es regelmäßig zu blutigen Auseinandersetzungen. (Symbolfoto)  © DPA

"Er hielt das Messer in der rechten Faust und stach zu", sagte der 28 Jahre alte Zeuge am Dienstag vor dem Kieler Landgericht. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen", bekräftigte er auf Nachfragen des Gerichts und des Verteidigers.

Der iranische Angeklagte sei von hinten auf das Opfer, einen 20-jährigen Afghanen, zugegangen und habe mehrfach wuchtig auf dessen Rücken eingestochen, sagte der Zeuge, der selbst afghanischer Flüchtling ist.

Auch er sei von dem 32-jährigen Iraner am Kinn mit einem Messerstich verletzt worden, als er ihn von der Seite umfasste und festhalten wollte. "Ich dachte, bevor er ihn tötet, stoppe ich ihn."

Dem Augenzeugenbericht zufolge wurde das Tatmesser kurz darauf von Einsatzkräften in der Kleidung des Angeklagten sichergestellt.

Auslöser der Auseinandersetzung vom 20. Juni 2018 waren laut Zeugen Streitigkeiten zwischen Iranern und Afghanen während einer Fernsehübertragung des WM-Fußballspiels Spanien gegen Iran.

Afghanen sollen die Iraner provoziert haben, als sie auf einen Tisch stiegen und die Sicht auf den Fernseher verdeckten.

In solchen Gebäuden wohnen die Flüchtlinge in Boostedt.
In solchen Gebäuden wohnen die Flüchtlinge in Boostedt.  © DPA

Angeblich um den Streit zu beenden, zertrümmerte das spätere Opfer den Fernseher im Gemeinschaftsraum, wie er selbst vor Gericht schilderte. Vor dem Gebäude kam es dann zur Massenschlägerei zwischen den Flüchtlingen mit angeblich bis zu 100 Beteiligten.

Der Angeklagte stach dabei nach Darstellung des Augenzeugen zu, als der 20-jährige Afghane einen Iraner zu Fall bringen wollte.

Dabei war der Angeklagte angetrunken, wie ein Landsmann und Freund von ihm dem Gericht schilderte. Eine Flasche Whisky und mehrere Biere hätten sie zu sich genommen, bevor sie zum Fußballspiel gegangen seien.

Der Angeklagte sei aber Alkohol gewöhnt. "Er war gut drauf, war guter Stimmung, sprach normal", sagte er.

Auf Fragen der Staatsanwältin konnte sich der 38-Jährige Kurde nicht mehr an Einzelheiten eines Telefonats erinnern, das der Angeklagte mit ihm während der Haftprüfung geführt haben soll.

Laut Dolmetscher soll der Angeklagte darin den Zeugen aufgefordert haben, "sich darum zu kümmern, was Zeugen aussagen", sagte die Staatsanwältin.

Der Prozess findet vor dem Kieler Landgericht statt.
Der Prozess findet vor dem Kieler Landgericht statt.  © DPA

Das Gericht will neben weiteren Zeugen und einer Rechtsmedizinerin auch den Dolmetscher laden. Der Mann soll auch berichtet haben, dass der Angeklagte im Telefonat mit seiner Mutter eine Messerattacke eingeräumt habe.

Der Angeklagte selbst schweigt vor Gericht. Er kann sich nach Angaben seines Verteidigers an nichts mehr erinnern. Das Opfer wurde bei der Tat lebensbedrohlich verletzt. Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Dafür drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Wegen des Alkohols könnte der Angeklagte zur Tatzeit aber vermindert schuldfähig gewesen sein und die Strafe deutlich milder ausfallen.

Die Unterkunft steht stark in der Kritik. Immer wieder kommt es dort zu schweren Vorfällen. Im Oktober wurde ein Mann bei einem Streit niedergestochen, kurz zuvor versuchte ein Iraner seine Frau mit mehreren Messerstichen zu töten. Staatsanwaltschaft und Polizei verschwiegen den Fall damals.

Zudem kam es bereits im April zu einer Massenschlägerei in der Landesunterkunft. Der Bürgermeister der 4600-Einwohner-Gemeinde klagt über Krawalle, rüpelhaftes Benehmen und Respektlosigkeit unter den dort untergebrachten etwa 1200 Flüchtlingen.

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