Kann dieser Kasten bald Diesel-Fahrverbote verhindern?

Kiel – In der Landeshauptstadt von Schleswig Holstein sollen an einer Verkehrsader Schadstoffe von einem neuartigen Luftreinigungsgerät aus der verschmutzten Luft gefiltert werden. Ein Ansatz mit Zukunft oder ein Ausweichmanöver, weil eine Bekämpfung der Ursachen nicht erwünscht ist?

Der Prototyp eines Purevento Stadtluftreinigers könnte noch im Laufe des Jahres testweise in Kiel zum Einsatz kommen.
Der Prototyp eines Purevento Stadtluftreinigers könnte noch im Laufe des Jahres testweise in Kiel zum Einsatz kommen.  © DPA

Am Mittwoch erklärte der Chef der Entwicklungsfirma Purevento, Robert Krüger, dass ein Prototyp der Luftreinigungsmaschine bald eine Woche lang auf dem viel befahrenen Theodor-Heuss-Ring aufgestellt werde – in einer ersten Phase läuft der aber noch nicht im Reinigungsbetrieb.

Das mobile Gerät werde dann in anderen Städten vorgestellt und in etwa anderthalb Monaten nach Kiel für einen mehrwöchigen Luftreinhalte-Praxistest zurückgebracht, erklärt Krüger weiter.

Man hoffe auf das Interesse vieler Kommunen mit starker Luftverschmutzung. Direkt an dem kritischen Straßenabschnitt in Kiel liegen mehrgeschossige Wohnhäuser.

Um die Luftbelastung mit Feinstaub und Stickoxiden an dem knapp 200 Meter langen Straßenabschnitt um zehn Prozent zu reinigen, seien sechs der container-ähnlichen Geräte notwendig. Der Prototyp ist 2,50 Meter hoch und breit und 5 Meter lang.

Kiel läge nach einer kürzlich veröffentlichten Studie mit 60 Mikrogramm Stickoxidbelastung deutlich über dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Hinzu kommt auch, dass Kiel, nach Angaben des Umweltbundesamts, auf der Liste der am stärksten belasteten deutschen Städte den dritten Platz nach Stuttgart und München belegt.

Die Stadt will nun erst einmal abwarten, ob tatsächlich Luftverbesserungen mit solchen Geräten erreicht werden. Aber selbst wenn die Geräte die Luft etwas säubern, warum sich einer Symptom-Behandlung annehmen, wenn die Ursachen der verdreckten Luft nicht umfassend bekämpft werden?

Neues Luftreinigungsgerät soll Städten sauberere Luft bringen – Kiel startet Pilotprojekt

Autos und Lastwagen fahren auf dem Theodor-Heuss-Ring. An diesem Ort in Kiel ist die Luft besonders verdreckt.
Autos und Lastwagen fahren auf dem Theodor-Heuss-Ring. An diesem Ort in Kiel ist die Luft besonders verdreckt.  © DPA

Krüger versuchte seinen Prototypen anzupreisen, in dem er die Mobilität des Geräts hervorhob, das als 3,5 Tonnen Anhänger von Ort zu Ort gefahren und ohne Baugenehmigung schnell aufgestellt werden könne. Bislang neuartig sei auch, dass gleichzeitig Feinstaub und alle gasförmigen Schadstoffe wie Stickoxide aus der Luft gefiltert werden könnten.

Der Stadt Kiel gehe es um die Reduzierung der zu hohen Stickoxid-Belastung. Bei einem Umfeld von der Größe des Theodor-Heuss-Rings müssten 19.000 Kubikmeter Luft gesäubert werden. Jedes Gerät schaffe 40.000 Kubikmeter pro Stunde zu etwa 80 Prozent zu reinigen - das wären also 320.000 Kubikmeter Luft mit zehn Prozent weniger Schadstoffen.

Ob die Rechnung aufgeht? Immerhin drohen in Kiel bald Dieselfahrverbote, da Stickstoffdioxid in Städten zu einem großen Teil aus Diesel-Abgasen stammt. Ein solches Fahrverbot will die Stadt Kiel vermeiden.

Eine Messstation an der von einem Verbot für Dieselfahrzeuge möglicherweise betroffenen B76 in Kiel.
Eine Messstation an der von einem Verbot für Dieselfahrzeuge möglicherweise betroffenen B76 in Kiel.  © DPA

Die Geräte verbrauchen natürlich auch Energie, im Basisbetrieb allerdings nicht mehr Strom als ein Föhn und im Volllastbetrieb nicht mehr als zwei, sagt der Geschäftsführer.

Und das System sei simpel: Belastete Luft werde von der Straßenseite angesaugt und auf dem Bürgersteig zur Häuserseite gesäubert wieder herausgepustet. Der Geräuschpegel sei nicht lauter als der Verkehr, erklärt Krüger.

"Wir verstehen diese Geräte als einen Baustein einer Zwischenlösung, bis die Elektromobilität in den Städten stark zunimmt und die Schadstoffbelastung zurückgeht", sagte Krüger. Auf Nachfrage fügt er hinzu, dass seine Firma nicht von der Autoindustrie unterstützt werde.

Bislang hat Purevento nur den Prototyp fertig. Sollte Kiel Interesse haben, könnten innerhalb von sechs Monaten sechs notwendige Geräte für den Theodor Heuss Ring hergestellt werden.

Die Geräte sollen etwa 80.000 Euro pro Stück kosten. Das Pilotprojekt würde die Stadt also in der Testphase schon knapp eine halbe Millionen Euro kosten.

Erste kritische Stimmen zu den Luftreinigern werden jetzt schon laut

Derweil hält die Deutsche Umwelthilfe nichts von Luftreinigungsgeräten. Umwelthilfe-Geschäftsführer Jürgen Resch meint: "Einen NO2-Staubsauger auf der Straße aufzubauen, passt eher zu Schilda als zu Kiel".

Eine solche Anlage sei jedenfalls nicht in der Lage, die Luft von den in Kiel sogar um 7 Prozent gestiegenen Stickstoffdioxidkonzentrationen zu reinigen. "Wir müssen die Diesel-Abgasgifte an der Quelle herausfiltern, indem alle schmutzigen Diesel-Fahrzeuge im Rahmen eines amtlichen Rückrufs eine neue funktionierende Hardware eingebaut bekommen", forderte Resch.

Ein Sprecher der Stadt Kiel machte eine eher zögerliche Haltung von offizieller Seite deutlich und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) wirkt ebenfalls skeptisch: "Das ist ein bisschen angewandte Forschung, die sind nicht Bestandteil unseres Konzepts für eine sauberere Luft", sagt er.

Am Ende entscheide das Umweltministerium des Landes, ob die Geräte überhaupt mit in den Luftreinhalteplan kämen.

Titelfoto: DPA

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