Erlebnis Indoor-Spielplatz: Apocalypse Now

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Sieht harmlos aus, kann aber zum Himmelfahrtskommando werden: Indoor-Spielplatz mit Bällebad.
Sieht harmlos aus, kann aber zum Himmelfahrtskommando werden: Indoor-Spielplatz mit Bällebad.  © 123RF

Dresden - Wochenende und richtiges Sauwetter. Die Kinder wollen trotzdem beschäftigt werden. Mag ja sein, dass es kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung gibt, aber allein das regen-, kälte- und matschsichere Anziehen würde vermutlich bis zum Einbruch der nächsten Hitzewelle dauern.

Den ganzen Tag in der Wohnung bleiben, will ich weder mir noch ihnen antun. Also stopfen wir die vier Jungs ins Auto und begeben uns sehenden Auges auf ein wahres Himmelfahrtskommando: den Indoor-Spielplatz.

Diese Idee teilen wir mit all jenen Eltern, die vor und hinter uns in der Warteschlange am Einlass stehen. Uns alle verbindet das Bemühen, den Kindern zu vermitteln, dass hier weder der richtige Ort, noch die richtige Zeit ist, Fangen zu spielen, die Wände hochzuklettern oder sich an Türklinken zu hängen. Hier in unserem Land steht man schicksalsergeben an. Diese Lektion können sie nicht früh genug lernen.

Nach einer halben Stunde „Stillgestanden“ sind wir drin. Es riecht nach Pommes, Kaffee, Kinderschweiß und Fuß. Weil: In gut geführten Etablissements dieser Art müssen nicht nur die Kinder ihre Schuhe am Eingang ausziehen…

Drinnen tobt es. Hört sich nach Nahkampf an. Das in derartigen Hallen aufgebaute Kletter-Paradies erinnert auch eher an Drill-Arenen für Eliteeinheiten oder den Set für American Gladiator.

Einmal hinter den Maschen, gibt es kaum ein Entkommen.
Einmal hinter den Maschen, gibt es kaum ein Entkommen.  © 123RF

Meine Jungs wollen, dass ich sie fange. Mit Blick auf die in der Mehrzahl sich wenig geschmeidig durch die Gänge schleppenden anderen Väter, lehne ich dankend ab. Man sieht es ihnen an. Hier gelten die Regeln der freien Wildbahn. Das so einfache wie bewährte Gesetz des Stärkeren entscheidet, wer als Erster rutscht, wer an der Bällekanone steht oder wer’s bis zurück zum Ausgang schafft. Und das sind im seltensten Fall die Väter.

„Macht mal allein, ich muss mich erstmal um Bebo kümmern, der ist noch zu klein“, begründe ich meine Absage. „Ne, das mach ich, kannst gerne mit mit den dreien toben gehen“, fällt mir die Mutter in den Rücken.

Werde also zum Kinderfänger. Sie rennen in die Kletterlandschaft. Ich hinterher. Die ersten Meter sind noch ganz locker. Ich kann mich aufrecht fortbewegen und bin ihnen dicht auf den Fersen. Um den zwei Vierjährigen eine Chance zu lassen, tue ich sogar so, als würde ich stolpern.

Sie lachen sich kaputt und entschwinden aus meiner Reichweite. Denn jetzt beginnt das Labyrinth aus Gängen und Röhren, die für mich im besten Fall in der Hocke, im Regelfall auf allen Vieren, kriechend oder gar nicht passierbar sind.

Meiner ohnehin ausbaufähige Kondition (sollte mal wieder zum Museumsworkout) wird durch die Schweißpommesfussluft zusätzlich in den Schwitzkasten genommen.

So in etwa muss sich Grabenkampf in Vietnam angefühlt haben. Feindliche Kämpfer, verschwitzt, 90 bis 130 Zentimeter groß, überrennen mich, schieben ihre in Unterhemden und tief sitzenden Strumpfhosen gehüllten Körper an mir vorbei, geben mir noch einen Tritt in die Kniekehle, auf die Hand und schreien mir ins Ohr.

Hindernisparcours der spielerischen Art, aber für Väter eine echte Herausforderung.
Hindernisparcours der spielerischen Art, aber für Väter eine echte Herausforderung.  © 123RF

Von links und rechts pendeln boxsack-artige Hindernisse durch die Gegend. Sehe meine Jungs in einer Röhrenrutsche verschwinden. Gebe erstmal auf. Ohne kiloweise Melkfett passe ich da eh nie durch. Verschnaufe und schaue mich nach einer neuen Verfolgungstaktik um. Da gibt es eine offene Rutsche!

Rappel mich auf, robbe die letzten Meter, balanciere über ein Tau, schwinge mich in die Bahn und krache im Vollspeed ins … Bällebad. Der Gedanke, was dessen Inhalt schon alles durchlitten und vor allem, womit er benetzt wurde, raubt mir für einen Moment die Sinne. Keine Zeit für Weichgetue: Was uns nicht umbringt, macht uns hart. Jetzt raus hier und ich kriege meine drei Jungs noch. Doch drei Kinder mit Rotze-Kriegsbemalung blockieren den einzigen Ausgang und nehmen mich unter Beschuss. Salvenweise prasseln klebrige Geschosse auf mich ein. Ich atme kurz durch. Mein Gegenschlag wird ohne Pardon sein. Sie wollen es nicht anders: Antworte mit wuchtigem Plastikball-Artillerie-Beschuss. Mehrere Wirkungstreffer. Sie machen den Weg frei.

Jack, Leo und Albert glauben, ich habe aufgegeben und sie aus den Augen verloren. Schneide ihnen den Weg ab, gerate dabei aber ins Kreuzfeuer aus den auf dem 1. Rang installierten vier Bälle-Kanonen. Ohne Gnade feuern sie aus allen Rohren, auf alles, was sich im unter ihnen bewegt. Und das bin nunmal gerade ich. Ich finde Deckung und entkomme leicht verletzt. Durch diese hochriskante Abkürzung gelingt es mir aber, zu meinen Jungs aufzuschließen und sie aus dem Hinterhalt zu schnappen.

Das macht ihnen so viel Spaß, dass sie gleich noch mal Fangen spielen wollen. Können sie vergessen. Ich beantrage Heimaturlaub. Er wird genehmigt. Die Jungs verschwinden auf den Trampolins, ich gehe in den Mütter-Platoon.

Draußen, am Rand der Kampfhandlungen sitzen erschöpfte Frauen an Kaffeetischen oder auf formlosen Sitzsäcken. Sie genießen die Zeit hier. Es ist für sie eine Art Tag im „Off“. Sie gönnen sich was. Das Kind in sicherer Entfernung. Einfach mal da sitzen und nichts tun, außer vor sich hin starren oder auf das Smartphone.

Sie entfliehen in eine andere, kinderlose Welt, tippen und wischen auf dem Display herum. Vielleicht sogar bei Tinder, auf der Suche nach einem neuen Papa, der sie aus dem Alleinerziehendenstatus befreit. Denn nach unbestätigten Gerüchten haben viele von ihnen ihren Mann bei den Kampfhandlungen im Kletter-"Paradies" verloren.

Vaterpolka bei Facebook folgen.

Mehr zum Thema Vaterpolka:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0