Warum Fernsehen mit Kindern gar keine gute Idee ist

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, wird bald ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka.

Bibi (li.) und Tina mit ihren Pferden Amadeus (hinten links) und Sabrina.
Bibi (li.) und Tina mit ihren Pferden Amadeus (hinten links) und Sabrina.  © Wiki/Bibi und Tina

Dresden - Mein Abend war deutlich länger und bierseliger als geplant. Vor wenigen Stunden fühlte sich das noch super an. Ich, die Kumpels und die immer attraktiver werdende Theken-Dame. Mit dem mühsamen Öffnen der Augen entpuppt sich das als furchtbarer Fehler. Denn heute ist Full House. Alle Jungs sind da. Alle Jungs sind in meinem Bett.

Und alle Jungs sind ausgeschlafen. Sehr sehr ausgeschlafen. Ich hingegen will einfach noch eine Stunde meine Ruhe haben, um Kräfte für den geplanten Schwimmbadbesuch zu sammeln.

Bebo bricht mit seiner Mutter zu den Großeltern auf: "Wir sehen uns dann im Erlebnisbad."

Jetzt gilt es zu vermeiden, dass die übrigen drei Kinder allzu lautstark durch die Bude und auf meinem schmerzenden Nervenkostüm herumtrampeln. Was liegt da näher, als sie ruhig zu stellen?

Albert kriegt das Tablet und bekommt (natürlich ausnahmsweise) die Erlaubnis, pädagogisch wertvoll Zombies mit allerlei vernichtende Früchte abfeuernden Pflanzen auszuschalten.

Jack und Leo dürfen sich einen Trickfilm aussuchen, und ich kann währenddessen meine Alkoholwunden pflegen. Ganz so wie früher, vor meiner Kinderzeitrechnung, als auf Absturz-Abende Tage im Bett mit Louis-de-Funès-Filmen und fettiger Hangover-Kost folgten.

An diese Tradition würde ich gern anknüpfen und die Jungs dürfen zu ihrer Freude ein bisschen mehr fernsehen. Nennt man Win-Win-Situation. Auf was fällt die Wahl der beiden Kleinen? Nicht etwa Spiderman oder Yakari. Nein, völlig genderuntypisch auf Bibi und Tina. Auf Amadeus und Sabrina. Feminist*Innen würden einen Narren an ihnen fressen. Ohne Rücksicht auf Geschlechterklischees suchen sich Leo und Jack ihren Film aus.

Tierstimmen in Trickfilmen verlangen dem erwachsenen Zuschauer sehr viel Langmut ab.
Tierstimmen in Trickfilmen verlangen dem erwachsenen Zuschauer sehr viel Langmut ab.  © 123RF

Na gut, vielleicht sind sie ja auch verliebt in die Reiterinnen, von denen eine auch noch zaubern kann. First love oder so. Oder steckt mehr dahinter? Denn sie erkennen beide während des Films den Unterschied zwischen Pink und Rosa. In ihrem Alter! Bis gerade eben wusste nicht mal ich, dass es da einen Unterschied gibt. Dachte eher, es handelt sich um Schattierungen wie Blau und Hellblau, Grau und Schwarz, Rot und Rosa.

Mir fehlt aber der Nerv, über die Auswirkungen dieses vorpubertären Verhaltens auf die späteren Geschlechtspräferenzen bei der Partnerwahl nachzudenken. Denn ein mir den letzten Überlebenswillen raubendes Geräusch dringt wieder und wieder an mein Ohr. Die Rösser von Bibi und Tina, Amadeus und Sabrina, stoßen JEDES Mal, wenn sie im Bild sind, Laute aus, die für ungeübte Ohren nach einer Nahtoderfahrung klingen.

Da sie aber aus ihren Mäulern entweichen und sie darüber hinaus recht lebendig auf der Mattscheibe herumgaloppieren, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Geräusch um Wiehern handeln muss.

Als würden die von den Produzenten augenscheinlich als verblödet eingestuften Kinder die berittenen Vierbeiner nicht als Pferde identifizieren können, wenn diese nicht permanent vor sich hin wiehern.

Dann doch lieber mit der Holzeisenbahn spielen.
Dann doch lieber mit der Holzeisenbahn spielen.  © 123RF

Ich möchte schreiend aus dem Zimmer rennen, bin aber zu faul aufzustehen. Wie zum Teufel wird man Wieherer? Kein durchtrainierter, markantgesichtiger Pferdeflüsterer, sondern Tierstimme in Trickfilmen. Sind das die Gleichen, die auch Hunde grundsätzlich bellen oder den Adler bei Yakari schreien lassen, sobald sie auf der Bildfläche erscheinen? Ist Synchron-Tierstimme ein Berufsbild?

"Machen sie was aus ihrer Stimme, ohne eine Sprache beherrschen zu müssen!" Auf jeden Fall braucht man dafür ganz ohrenscheinlich keinerlei Qualifikation. Außer der Erinnerung, wie man als Zweijähriger reagierte, wenn Mama im Bilderbuch auf das Vieh tippte und fragte: "Wie macht das HoppaHoppa?" Und dann für dieses quietschende Geräusch gelobt wurde. Es musste nur entfernt an ein Pferd erinnern. Mehr nicht.

Der mich gerade um den Verstand wiehernde Barde legt dabei soviel Talent an den Tag, wie ich beim Tanzen. Ganz im Unterschied zu meinen beiden gerade vor dem Fernseher schwingenden Jungs. Denn es dudelt die Abspannmusik und diese Gelegenheit lässt sich keiner von ihnen entgehen. Sie tanzen übrigens bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das nicht mal schlecht. Egal, ob Kinder-, Blas-, Volks- oder Houesmusik. Rhythmusgefühl, Körperbeherrschung und Hüftschwung - beiden mangelt es an nichts. Ist das schon frühförderungswürdig?

Mir bleibt keine Zeit, diesen Gedanken zu vertiefen. Die nächste Folge wiehert sich in meinem Kopf fest und sorgt für einen rapiden Verfall meines Allgemeinzustandes.

Kurz bevor ich ins Koma sinke, entscheide ich: Fernsehen ist für Kinder gar nicht gut. Ich hole die Holzschienen-Eisenbahn für die Kleinen raus, Lego (oder ein vergleichbares Steinesteckprodukt) für Albert, für mich Aspirin-Complex (oder ein vergleichbares Mittel aus englischen Online-Apotheken), dazu einen Rote-Beete Saft und mache den Fernseher aus. Wer nachts feiert, muss am Tag auch Lego-Burgen und Eisenbahnstrecken bauen können.

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