"Für Sama" kehrt ins Kino zurück: Erschütternde Doku zeigt die Kriegshölle von Aleppo

Deutschland - Ein Meisterwerk kehrt in die Kinos zurück! Der heftige Dokumentarfilm "Für Sama" von der syrischen Regisseurin Waad Al-Kateab und dem englischen Filmemacher Edward Watts läuft nach der Corona-Pause seit dem heutigen 18. Juni wieder in den bereits offenen Lichtspielhäusern Deutschlands. Lest hier noch einmal die ausführliche TAG24-Kritik.

Die Familie von links nach rechts: Hamza, Sama und Waad Al-Kateab.
Die Familie von links nach rechts: Hamza, Sama und Waad Al-Kateab.  © PR/copyright Filmperlen

Er zeigt erschütternde Bilder direkt aus dem Untergrund Aleppos, als dort Krieg herrschte und täglich Bomben auf die Stadt fielen.

Waad zog im Jahr 2012, im Alter von 18 Jahren, zum Studieren (Wirtschaft) nach Aleppo. Sie und ihre Kommilitonen protestierten gegen die brutale Diktatur von Bashir al-Assad, unter dem das Land in Unterdrückung und Korruption versank.

Zu dieser Zeit war die Aufbruchsstimmung einer Revolution zu spüren, die religionsunabhängig war.

Muslime und Christen demonstrierten Seite an Seite Doch damals ahnten sie noch nicht, was kommen sollte.

Denn Assad und sein Regime überließen die Stadt (natürlich) nicht einfach den Rebellen, sondern bekämpften diese auch mithilfe russischer Kampfflugzeuge, die Bomben über der Stadt abwarfen.

Jede einzelne ging Waad durch Mark und Bein. Denn sie hatte und hat mit Hamza einen Ehemann und mit Sama eine Tochter, die sie liebt. Ihr Baby kam am 1. Januar 2016 zur Welt. Waad musste in jeder Sekunde um ihr Leben und das ihrer Familie fürchten. Denn sie hatte genug Beispiele für die Grausamkeit des Krieges hautnah miterlebt.

Trailer zum Kino-Dokumentarfilm "Für Sama"

"Für Sama" ist aufgrund seiner grausamen Bilder nur für Hartgesottene zu ertragen

Ein Bild der Zerstörung: Aleppo wurde unter den Bombenangriffen nahezu komplett zerstört.
Ein Bild der Zerstörung: Aleppo wurde unter den Bombenangriffen nahezu komplett zerstört.  © PR/Copyright ITN Productions

Am 29. Januar 2013 statuierte die Regierung in Ost-Aleppo ein Exempel. Aus Vierteln, die als kritisch gegenüber Assad galten, wurden wahllos Männer verhaftet, gefoltert und mit Kopfschüssen hingerichtet. 

Es war ein Massaker an Zivilisten, das eine klare Botschaft sendete: legt ihr euch weiter mit Assad und seinen Leuten an, seid ihr tot. Wenig verwunderlich, dass daraufhin viele Menschen in nackter Angst um ihr Leben die Stadt und das Land verließen.

Waad und ihre Familie blieben allerdings. Hamza hielt als einer von 32 Ärzten die Stellung, um Verletzte zu versorgen.

In seinem Krankenhaus spielten sich mitunter furchtbare Dramen ab. Eines von vielen Beispielen: nach einem Bombenangriff brachten zwei eingestaubte Jungen weinend ihren leblosen Bruder Mohammad Ameen vorbei.

Hamza und die anderen taten alles in ihrer Macht Stehende, konnten den kleinen Jungen aber nicht mehr retten. Dessen Mutter kam ihn anschließend abholen und trug ihren Sohn wehklagend durch die zerstörten Straßen.

Nicht nur diese, sondern auch viele andere Szenen gehen dem Publikum emotional an die Nieren. Das müssen sie aber auch. Denn der Film will aufrütteln und die furchtbaren Zustände vor Ort zeigen, ein Verständnis schaffen, warum so viele Menschen ihre Heimat verlassen mussten und noch immer müssen, um zu überleben.
"Für Sama" gewann völlig zurecht 59 Filmpreise und erhielt 40 weitere Nominierungen.
"Für Sama" gewann völlig zurecht 59 Filmpreise und erhielt 40 weitere Nominierungen.  © PR/copyright Filmperlen

"Für Sama" ist ein ausbalanciertes Meisterwerk

Den Kriegsalltag durchbrechen die Menschen immer wieder mit schönen Szenen. Hier malt Waad Al-Kateab mit ihrer Tochter Sama einen Bus an.
Den Kriegsalltag durchbrechen die Menschen immer wieder mit schönen Szenen. Hier malt Waad Al-Kateab mit ihrer Tochter Sama einen Bus an.  © PR/copyright Filmperlen

Nach Ausbruch des Bürgerkriegs mussten die zurückgebliebenen Leute in Aleppo nämlich alles selbst organisieren.Es gab keine Schule, kein Krankenhaus und keine Lebensmittel mehr.

Dazu starben viele von Waads Freunden bei Luftangriffen. Doch das bestärkte die anderen nur, weiterzumachen, damit ihr Opfer nicht umsonst war.

Ohnehin finden sich in all dem Elend immer wieder lebensfrohe Momente. So machte Hamza Waad einen Heiratsantrag, den sie annahm. Mitten im Krieg gingen die beiden in kleiner Runde den Bund der Ehe ein und sangen lauter als die Bomben, die weiterhin die Umgebung zerstörten.

Der Mut und Willen der Menschen, die versuchten, aus ihrer Situation das beste zu machen, beeindruckt dabei zutiefst.

Denn wie würde man selbst damit umgehen, wenn man kleine Kinder hätte, die in einer zerstörten Stadt groß werden, die täglich unter Angriffen weiter dem Erdboden gleichgemacht wird?

Das ist weltweit keineswegs die Ausnahme. Erst vor wenigen Wochen gab die internationale Nichtregierungsorganisation "Save the Children" bekannt, dass weltweit 415 Millionen Kinder (!) in Krisen- oder Kriegsgebieten leben.

"Für Sama" sensibilisiert auch für die aktuelle Lage in und um Idlib

Ein Junge sitzt weinend nach einem Luftangriff in Ariha, nahe Idlib, im Auto. Insgesamt 800.000 Menschen sind in der Region auf der Flucht.
Ein Junge sitzt weinend nach einem Luftangriff in Ariha, nahe Idlib, im Auto. Insgesamt 800.000 Menschen sind in der Region auf der Flucht.  © dpa/Ghaith Alsayed/AP

Und im Nordosten des Landes, in der Rebellenhochburg Idlib, findet gerade die nächste humanitäre Katastrophe statt.

800.000 Menschen sind bei eisiger Kälte auf der Flucht vor den Truppen der Regierung und der russischen Luftwaffe.

Laut der UN sind 80 Prozent der Fliehenden Frauen und Kinder. Ihnen mangelt es an Unterkünften und Essen.

Wie schrecklich ihre Lage sein muss, kann man durch "Für Sama" nur zu gut verstehen. Denn Waad hat ihre ganz eigene Weise gefunden, um den täglichen Kampf ums Überleben über fünf Jahre hinweg auszuhalten: sie widmet ihren sehr persönlichen Film Sama, deren Name auf Deutsch "Himmel" bedeutet.

Mit geschliffenen, intelligenten und philosophischen Dialogen erklärt sie ihrer Tochter, warum sie und Hamza taten, was sie taten. Nur für den Fall, dass sie im Krieg umkommen würden.

Auch sonst zeigt die Humanistin die vielen Missstände gekonnt auf und erklärt ganz nebenbei auch noch die komplexen politischen und sozialen Zusammenhänge. Das macht "Für Sama" zu einem intensiven und atemlosen Meisterwerk, das die Spannung über die gesamten 95 Minuten extrem hochhält.

"Für Sama" hätte den "Oscar" als bester Dokumentarfilm bekommen müssen!

Sama hält ein Banner mit der Aufschrift: "Das ist Aleppo. Was ist Gerechtigkeit"?
Sama hält ein Banner mit der Aufschrift: "Das ist Aleppo. Was ist Gerechtigkeit"?  © PR/copyright Filmperlen

Denn neben der brutalen Geschichte stimmt auch deren Balance. Man muss daher kopfschüttelnd festhalten, dass es in diesem Jahr der größte Fehler der Academy war, "Für Sama" den hochverdienten "Oscar" vorzuenthalten und stattdessen "American Factory" (zu sehen bei Netflix) auszuzeichnen.

Denn verdient ist das nicht. Der Ausnahmefilm schlechthin ist nämlich dieser hier, der direkt aus der Hölle Aleppos kommt und den Alltag der Menschen vor Ort und im Untergrund so genial wie bewegend dokumentiert und porträtiert.

Diese Doku erklärt darüber hinaus auch, warum einige bleiben, obwohl es Bombenangriffe auf das Krankenhaus gibt und alle geliebte Menschen verlieren.

Daraus und aus seiner großen Menschlichkeit bezieht "Für Sama" Stärke und zeigt, warum man alles daran setzen sollte, um solche Schlachten zu vermeiden.

Völlig zurecht entwickelte sich diese nachhallende Doku weltweit zum Hit, bekam 59 Auszeichnungen, unter anderem den Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm, wurde außerdem auch auf dem renommierten Filmfestival in Cannes prämiert und erhielt den Publikumspreis in München.

Hinzu kommen noch weitere 40 Nominierungen. Wer den hohen Anforderungen mental und emotional standhalten kann, sollte sich diese großartige Filmperle deshalb unbedingt anschauen.

Titelfoto: PR/copyright Filmperlen

Mehr zum Thema Filmkritik:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0