So tief steckt Chemnitz in der Kita-Krise

Janine Haesler (30) nimmt Emilian (1) von Vater Heiko Lommatzsch (40) in Empfang.
Janine Haesler (30) nimmt Emilian (1) von Vater Heiko Lommatzsch (40) in Empfang.

Von Mandy Schneider

Chemnitz - Fehlende Kita-Plätze, überlastete Erzieherinnen, frustrierte Tagesmütter - jetzt macht der Stadtelternrat Druck und die Tagesmütter organisieren ein eigenes Vermittlungssystem.

„Im Jugendhilfeausschuss am 22. März wollen wir wissen, wie viele Kinder wie lange auf einen Platz warten müssen“, so Stadtelternrats-Chefin Silke Brewig-Lange (41) an. „Eltern können vier oder sechs Wochen überbrücken aber nicht fünf, sechs Monate.“

Die Anwältin kennt die Folgen: „Wer nach dem Erziehungsurlaub nicht arbeiten kann, weil er keinen Kita-Platz hat, dem droht die Kündigung. Beim Arbeitsamt dürfen sich Mütter aber erst arbeitslos melden, wenn sie einen Kita-Platz vorweisen können - ein Teufelskreis,“ so Brewig-Lange. Eltern, die auf einen Platz warten, sind zur Versammlung des Stadtelternrates eingeladen: 15. März, 18.30 Uhr, Annenschule.

Tagesmutter Janine Haesler (30) mit Lira (1), Anne (2) und Felix (2). Weil die Kitas in der Stadt voll sind, organisieren Tagesmütter und -väter in Chemnitz eine Art Vermittlungsdienst für Eltern, die einen Platz suchen.
Tagesmutter Janine Haesler (30) mit Lira (1), Anne (2) und Felix (2). Weil die Kitas in der Stadt voll sind, organisieren Tagesmütter und -väter in Chemnitz eine Art Vermittlungsdienst für Eltern, die einen Platz suchen.

Die Stadt betont, der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz werde erfüllt. „Gibt es nach sechs Monaten noch keinen Platz, haftet die Kommune“, sagt Ludwig Gramlich (65), Professor für Öffentliches Recht an der TU Chemnitz. Etwa für den Verdienstausfall berufstätiger Eltern. „Es sei denn, es liegen triftige Gründe vor.“

Die Chemnitzer Kitas sind zu 98 Prozent ausgelastet. Daher stehen bei Tagesmüttern die Telefone nicht mehr still. „Die Zahl der Anfragen explodiert. Vor einem halben Jahr war es eine pro Woche, jetzt rufen bis zu 15 Eltern täglich an, die verzweifelt eine Betreuung suchen“, so Janine Haeseler (30), die eine Arbeitsgruppe der Tagesmütter koordiniert.

Mittlerweile organisieren die 80 Chemnitzer Tagesmütter die Vermittlung der Anfragen parallel zur Stadt. Haeseler: „Uns bleibt gar nichts anderes übrig, weil wir vom Jugendamt so wenige Informationen über angemeldete Kinder erhalten.“

Tagesvater Michael Schreinert (45) rät Eltern zudem: „Wer vom Amt keinen Platz bekommt, muss sich das in Form eines Negativbescheides schriftlich geben lassen. Das ist Voraussetzung für eine Klage.“

Armuts-Zeugnis

Stadtelternrats- Chefin Silke Brewig- Lange (41) will vom Rathaus wissen, wie lange Eltern auf Kita-Plätze warten.
Stadtelternrats- Chefin Silke Brewig- Lange (41) will vom Rathaus wissen, wie lange Eltern auf Kita-Plätze warten.

Kommentar von Torsten Schilling

Selbst ist die Frau: Getreu diesem Motto organisieren Tageseltern eine Art Kindernotdienst in Chemnitz. So soll Eltern, die einen Betreuungsplatz für ihre Sprösslinge suchen, geholfen werden. Weil - so die Tagesmütter - die Informationen aus dem Jugendamt nur allzu spärlich sind.

Jahrelang hat die Stadt Chemnitz keinerlei Reserven in ihre Planungen für die Kinderbetreuung eingearbeitet und Geld an anderer Stelle ausgegeben. Diese kurzsichtige Lavieren rächt sich jetzt. Dass wieder mehr Kinder zur Welt kommen, freut die Politiker. Überfordert aber zugleich die Stadt der Moderne. Das Rathaus sieht alt aus. Mit der anstehenden Integration von Flüchtlingskindern verschärft sich zudem das Problem.

Ja, wo leben wir denn? Wie tief muss das Vertrauen junger Familien in die Verwaltung gesunken sein, wenn Tagesmütter und Eltern aktiv werden, um Kita-Plätze selbst zu organisieren? Dass die Stadt nicht müde wird zu betonen, der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz sei gesichert, ist nicht mehr als der durchsichtige Versuch, mögliche Klagen abzuwenden. Ein Armutszeugnis.

Fotos: Maik Boerner


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