Forscher Hans von Storch über Gefahren der Klima-Debatte und was wirklich hilft

Stuttgart - Draußen ist es vorweihnachtlich-kühl, derweil wird die Debatte um die Erderwärmung scheinbar immer hitziger geführt.

Der Klimawandel ist real, für Hans von Storch ist aber etwa Plastik im Meer nicht Teil der Klimadebatte.
Der Klimawandel ist real, für Hans von Storch ist aber etwa Plastik im Meer nicht Teil der Klimadebatte.  © J. Xu

Wir haben mit Klimaforscher Hans von Storch (70) über den Klimawandel gesprochen und darüber, was nun getan werden müsste.

TAG24: In der Klimadebatte hat man mitunter den Eindruck, es gäbe oft nur noch zwei Pole: Weltuntergangsstimmung auf der einen Seite, Verharmlosung auf der anderen. Wie sollte man das Thema aus Ihrer Sicht behandeln?

Hans von Storch: Die bundesdeutsche Debatte ist in der Tat daneben. Der Klimawandel als Folge anhaltender Freisetzung von Treibhausgasen in die Atmosphäre ist real und hat nennenswerte Folgen. Wer das abstreitet, spielt in der öffentlichen Debatte zu Recht keine Rolle.

Auf der anderen Seite gibt es aber eine breite Bewegung, die unter dem Schlagwort "Klima" alles Schlechte zusammenfasst. Sei es Plastik im Meer, Luftqualität oder auffällige Wetterereignisse - etwa starke Stürme. Das ist weder vernünftig noch richtig.

TAG24: Jetzt haben Sie gesagt, was keine Folgen des Klimawandels sind. Was sind aber nun tatsächliche Folgen des Wandels?

Hans von Storch: Die Folgen sind zunächst einmal weniger spektakulär. Das ist erstmal die Tatsache, dass es wärmer wird. Wenn ich das mal mathematisch sagen darf: Die Wahrscheinlichkeitsverteilung bewegt sich hin zu höheren Temperaturen.

Es gibt immer noch niedrigere Temperaturen - aber seltener. Es gibt öfter hohe Temperaturen, aber es ist nicht so, dass wir die immer haben. Jedes Jahr ist also nicht wärmer als das vorige, aber es gibt eine Neigung.

Zweitens wäre da der Anstieg des Meeresspiegels. Besonders an der Küste ist das gravierend. Und dann sehen wir auch, dass es weniger Meereis gibt, dass Gletscher schmelzen.

"Fridays for Future" und "Extinction Rebellion"

Stockholm im Mai 2019: Aktivistin Greta Thunberg (links) auf einer "Fridays for Future"-Demo.
Stockholm im Mai 2019: Aktivistin Greta Thunberg (links) auf einer "Fridays for Future"-Demo.  © Janerik Henriksson/TT News Agency/AP/dpa

TAG24: Gerade die jüngere Generation engagiert sich stark, etwa bei "Fridays for Future" oder "Extinction Rebellion". Wie bewerten Sie das?

Hans von Storch: Da gibt es zwei Seiten, die man bewerten kann. Das eine ist die Tatsache, dass es ein politisches Engagement für die Gesellschaft gibt. Das ist grundsätzlich positiv.

Dass bei dieser Gelegenheit aber eine dramatische Verkürzung der Thematik erfolgt, dass man so tut, als gäbe es nur den Klimawandel, und alles sei darauf zurück zu führen und es gäbe eine ganz einfache Lösung, ist natürlich für die politische Debatte fürchterlich.

Weil dadurch alles Abwägen und der Gedanke an die Notwendigkeit des Ausgleichs von Interessen entfällt - und damit die wichtigste Aufgabe von Politik überhaupt, nämlich sozialen Frieden zu schaffen. Das wird im Eifer des Gefechts übersehen.

Und wenn "Extinction Rebellion" sagt, alles sei so schlimm, dass man sich an keine Regeln mehr halten müsse, dann ist das nicht akzeptabel. Unsere Rechtsordnung gilt natürlich auch in schwierigen Zeiten.

TAG24: Nun gibt es das Pariser Abkommen mit der Begrenzung der menschengemachten Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad. Was wäre denn nötig, um das tatsächlich zu erreichen?

Hans von Storch: Wenn wir das Ziel erreichen wollen, dann müssen wir wissen: Wir können noch rund 400 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft blasen. Und wir geben jährlich - Tendenz steigend - weltweit 40 Milliarden Tonnen ab. Das müssen wir weltweit bis 2050 auf null herunterfahren.

Deutschland produziert rund 1,5 Gigatonnen, Europa insgesamt etwa 6. Selbst wenn wir das alles auf null fahren, dann blieben noch über 30 Gigatonnen übrig. Und darüber wird in Deutschland nicht gesprochen. Man tut so, alles wäre alles fein, wenn wir das machen - denn dann machten uns alle anderen das nach. Machen sie nicht.

Was wir also tun können: Wir müssen mehr und mehr Tätigkeiten ohne den Einsatz von fossilen Brennstoffen bewerkstelligen, insbesondere Kühlen und Heizen. Wir müssen dazu kommen, dass der Transport auf Straße, Schiene, Wasser und in der Luft ohne die Verbrennung von Treibhausgasen möglich ist.

Wir müssen weiterhin Technologien entwickeln, die dann weltweit auf Interesse stoßen und angewendet werden können - um die verbliebenen über 30 Gigatonnen CO2 zu verringern.

Klima-Soli für Deutschland?

Die Entwicklung der energiesparenden LED-Birnen forderte Geduld. (Symbolbild)
Die Entwicklung der energiesparenden LED-Birnen forderte Geduld. (Symbolbild)  © Patrick Pleul/ZB/dpa

TAG24: Deutschland vermittelt auf der Weltbühne in Klimafragen den Eindruck des Klassenprimus. Überspitzt gefragt: Kann die BRD denn die Welt vor dem Klimawandel retten?

Hans von Storch: Deutschland alleine nicht. Aber wir können sicherlich etwas beitragen, wie gesagt. Wir brauchen Technologien, die erstens wirtschaftlich attraktiv sind und deshalb von anderen Menschen, etwa in Indien oder Afrika übernommen werden, so dass sie darauf hin ein besseres Leben haben. Und zweitens müssen die Technologien klimaneutral sein.

Helfen können wir Deutschen dabei auf zwei Weisen. Zum einen, indem wir die Entwicklung finanzieren - etwa durch einen Klima-Soli. Und zweitens, indem wir uns bereit erklären quasi Versuchskaninchen für diese neuen Technologien zu sein.

Denken Sie an die LED-Birnen: Mit den ersten war es ja noch eine elendige Quälerei. Die funzelten am Anfang und es dauerte, bis die mal richtig hell wurden. Das haben wir ertragen, so konnte eine wirklich fortschrittliche Technologie auf den Markt kommen.

Und drittens könnten wir diese ewigen Prozesse gegen Modernisierung angehen. Wo immer etwas neu entstehen soll - etwa Bahn- oder Stromtrassen - kommt jemand und klagt dagegen. Das muss aufhören.

TAG24: Bis 2050 will Deutschland treibhausgasneutral werden. Wie realistisch ist das?

Hans von Storch: Richtig überzeugt bin ich nicht. Insbesondere, weil in Deutschland nur Symbolpolitik gemacht wird. Der Kern grüner Politik ist es, Symbolaktivitäten zu machen. So sieht jeder: Wir sind fortschrittlich, wir schützen das Klima - aber in Wirklichkeit tun wir das nicht in einer effizienten Weise.

Die Frage ist nie: Wie wirksam ist das? Sondern: Wie offensichtlich sieht mein Nachbar das?

Wir müssen die Frage nach der Wirksamkeit stellen. Wenn ich etwa sage, ich spare zwei Tonnen CO2 ein, dann ist das viel, wenn ich das Gewicht die Treppe hochschleppen muss. Aber es geht nicht um zwei Tonnen, es geht um 40 Gigatonnen.

Hans von Storch war von 1996 bis 2015 Direktor am Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht sowie Professor am Meteorologischen Institut der Hamburger Universität.


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