Interview mit Leipziger Klimaforscher: Hat das Unwetter mit dem Klimawandel zu tun?

Dresden - Überflutete Ortschaften, geborstene Häuser und Tausende Menschen, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen: Tief "Bernd" hinterließ in West-Deutschland Bild der Zerstörung. Auch Sachsen kämpft mit Unwettern.

Dr. Andreas Marx sprach mit TAG24 über die aktuelle Unwetter-Lage.
Dr. Andreas Marx sprach mit TAG24 über die aktuelle Unwetter-Lage.  © Sebastian Wiedling/ PR

Klimaexperten wie Dr. Andreas Marx (45), Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, sind sich sicher: Dieses Extremwetter, damals wie heute, hängt mit dem Klimawandel zusammen. Wir haben den Klimaforscher zum Interview getroffen.

TAG24: Dr. Marx, wie konnte eine solche Extremwetterlage entstehen?

Dr. Andreas Marx: Gewittersituationen in Deutschland gibt es im Sommer immer. Die spezielle Situation war jetzt, dass sich ein Tiefdruckgebiet über uns eingekringelt hat, mit dem Kern nördlich der Alpen.

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Klimapolitik Freie Wähler wollen Klimaschutzgesetz ausbremsen: Einige Passagen seien "nicht praxistauglich"

Dieser hat sich nur sehr langsam bewegt. Das führte dazu, dass es innerhalb eines begrenzten Gebiets, mit einem Durchmesser von etwa 200 Kilometern, sehr lange sehr heftig geregnet hat. Das ist also vollkommen anders als die Hochwassersituation, die wir an der Elbe 2002 und 2013 hatten.

Das war eine Vb-Wetterlage mit einem Tiefdruckgebiet südlich der Alpen, die viel Wasser aus dem Mittelmeerraum zu uns geführt hat.

TAG24: Gab es eine ähnliche Situation auch schon in Sachsen?

Marx: Im Mai 2018 lag auch so eine Gewitterlinie überm Vogtland und auch da haben wir große Überschwemmungen gesehen.

"Es wäre verrückt zu sagen, das habe nichts mit Klimawandel zu tun"

Im erzgebirgischen Steinbach wurde diese Woche ein Mann von einer Sturzflut mitgerissen. Die Suche nach ihm hielt auch am Sonntag an.
Im erzgebirgischen Steinbach wurde diese Woche ein Mann von einer Sturzflut mitgerissen. Die Suche nach ihm hielt auch am Sonntag an.  © Bernd März

TAG24: Ist die Hochwasserkatastrophe ein Resultat des Klimawandels?

Marx: Ein einzelnes Ereignis ist schwer dem Klimawandel zuzuschreiben. Auf der anderen Seite muss man mittlerweile verrückt sein, wenn man sagt, es hat nichts mit dem Klimawandel zu tun. Denn umso wärmer die Luft ist, umso mehr Wasser kann sie aufnehmen.

Bei einem Grad Erwärmung kann die Luft etwa 3-4 Prozent mehr Wasser aufnehmen und dann fällt in so einer Situation eben mehr Wasser vom Himmel. In Kombination mit der Verlangsamung der Wettergebiete, die wir seit gut einer Dekade über der ganzen Nordhalbkugel beobachten, führt das zu dieser heftigen Ausprägung des Wetters.

TAG24: Wodurch entsteht diese Verlangsamung?

Marx: Normalerweise bläst der Jetstream von West nach Ost. Das ist ein Höhenwind in 10.500 Metern, der unser Wetter beeinflusst.

Das Problem ist, dass der Klimawandel dazu geführt hat, dass die Erde sich nicht gleichmäßig erwärmt. Die Erwärmung geht am Nordpol schneller voran als am Äquator. Dadurch hat sich der Druckunterschied verringert und der Jetstream schlägt jetzt in Wellen stärker nach Norden und Süden aus.

Das führt dazu, dass das Wetter langsamer über Europa zieht. Das heißt, die Wetterphasen dauern heute länger an als noch vor 50 Jahren.

Auch Dürre ist ein Problem

Kühe auf einer trockenen Weide: Dürreperioden sind die andere Facette des Klimawandels.
Kühe auf einer trockenen Weide: Dürreperioden sind die andere Facette des Klimawandels.  © Monika Skolimowska/ZB/dpa

TAG24: Hat das noch andere Folgen für uns?

Marx: Im Moment ist es der lokale Starkniederschlag, aber letztlich hat die stabile nasse Witterung 2013 zu den Hochwasserereignissen bei uns geführt und die stabile trockene Witterung 2018 und in den Folgejahren zu großen Dürreproblemen.

Dürre im tiefen Boden ist im Osten Deutschlands noch immer ein großes Thema, obwohl es an der Oberfläche gerade nicht danach aussieht, weil der oberste Meter überall ziemlich nass ist.

Aber darunter ist es häufig noch knochentrocken. Gerade für Wälder und Bäume im nordsächsischen Bereich ist immer noch zu wenig Wasser im Boden.

TAG24: Müssen wir mit solchen Starkregenereignissen auch in Sachsen rechnen?

Marx: Bei solchen Ereignissen ist nicht vorhersehbar, wo sie auftreten. Eine aktuelle Auswertung von Radardaten der letzten 20 Jahre hat kürzlich gezeigt, dass es keinen Gewitterschwerpunkt in Deutschland gibt. Es kann quasi überall in Deutschland auftreten.

"Sachsen ist als Ganzes betroffen"

Mit mobilen Fluttoren versucht die Stadt Dresden ihre Altstadt zu schützen.
Mit mobilen Fluttoren versucht die Stadt Dresden ihre Altstadt zu schützen.  © Matthias Hiekel/dpa

TAG24: Welche Regionen in Sachsen wären am stärksten betroffen?

Marx: In den Gebirgslagen hat es schlimmere Auswirkungen. Im Flachland hat man nicht den starken Effekt, dass es über große Flächen zusammenläuft und sich an Bachläufen konzentriert. In Gebirgen ist das anders. Desto steiler das Gelände ist, umso schneller läuft es zusammen und überflutet die Ortschaften in Tallagen.

TAG24: Wird der Klimawandel Sachsen unterschiedlich stark treffen?

Marx: Sachsen ist als Ganzes betroffen. Die direkten Veränderungen, also wie Niederschlag, Temperaturen und Hitzewellen, sind ziemlich gleich verteilt.

Nur die Folgen sind andere. Die sind davon abhängig, wie regional die Oberflächen aussehen, ob man im Gebirge oder im Flachland ist, in der Stadt oder auf dem Land lebt.

TAG24: Und wie würden die Folgen aussehen?

Marx: Es wird überall wärmer. Aber wenn sie eine Großstadt haben, die relativ niedrig liegt, wie zum Beispiel Leipzig, hat das größere Auswirkungen als zum Beispiel in Oberwiesenthal, das sehr hoch liegt.

Dort werden die 30 Grad nur selten erreicht. Gleichzeitig können hier aber Starkregen- und Gewitterereignisse eben schlimmer ausfallen. Beim Thema Dürre und Trockenheit hat man bei sandigen Böden schneller ein Trockenheitsproblem als bei tonreichem Boden.

"Gegen die lokalen Gewitterhochwasser kann man sich kaum schützen"

Im August 2002 wurde Weesenstein verheerend überschwemmt.
Im August 2002 wurde Weesenstein verheerend überschwemmt.  © Daniel Förster

TAG24: Ein Schlagwort der Zukunft wird Klimaanpassung sein. Wie weit sind wir da?

Marx: Es braucht immer erst die Extremereignisse, um vor Augen zu führen, wie schlimm die Situation eigentlich schon ist und zukünftig noch werden kann. Die führen dazu, dass das, was man über Anpassung in vielen Sektoren schon weiß, auch umgesetzt wird. Dann ist es einfacher zu rechtfertigen, dass man viel Geld in die Hand nimmt.

TAG24: Wie kann man sich schützen?

Marx: Gegen die lokalen Gewitterhochwasser kann man sich kaum schützen. Unsere Kanalisation kann so viel Wasser nicht auffangen. Lösungen könnten aber zum Beispiel Versicherungen sein, um das Risiko auf viele Schultern zu verteilen.

TAG24: Bringen Renaturierungsmaßnahmen etwas?

Marx: Bis zu einem gewissen Maß können sie das Wasser bremsen und dafür sorgen, dass es nicht so schnell abläuft und so mehr in den Boden einsickern kann.

TAG24: Gibt es Möglichkeiten, Dürren abzumildern?

Marx: Es gibt verschiedene Verfahren in der Landwirtschaft, um dem Wasser mehr Zeit zu geben einzusickern, indem man Ernterückstände mulcht und auf der Fläche lässt zum Beispiel. Auch weniger Tiefpflügen gibt weniger Wasser frei. Gefordert wird von der Landwirtschaft auch, eine Bewässerungsinfrastruktur zu installieren.

Aber das bringt natürlich Konflikte mit sich. Denn in Trockenzeiten muss das Wasser ja irgendwo herkommen. Daher muss im Rahmen der Deutschen Wasserstrategie geregelt werden, wer in einer Dürrephase wie viel Wasser woher nutzen darf.

Kann man den Klimawandel stoppen?

Eine überflutete Straße in Oberlungwitz. Heftige Unwetter suchen Sachsen heim.
Eine überflutete Straße in Oberlungwitz. Heftige Unwetter suchen Sachsen heim.  © Andre März/dpa

TAG24: Um den Klimawandel abzufedern, wollen wir bis 2050 klimaneutral leben. Ist das zu schaffen?

Marx: Klimaneutral bedeutet nicht, dass es keine Emissionen mehr gibt, sondern dass es Restemissionen gibt und man die gleiche Menge aus der Atmosphäre rauszieht. Es gibt mittlerweile technische Verfahren, bei denen Luft angesaugt und das CO2 rausgefiltert wird.

Es gibt zum Beispiel Wege, das mit technischen Anlagen oder über Biomasse zu machen. Was wir bisher nicht haben, sind marktreife Technologien, mit denen man das zu einem vernünftigen Preis machen kann.

Wenn man es also bis 2050 schaffen will, muss es in den nächsten zehn Jahren die ersten marktreifen Technologien geben, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

TAG24: Wird Ihnen da bange, dass wir das schaffen?

Marx: Wenn ich mich allein auf die Politik verlassen müsste, wäre meine Hoffnung nicht sehr groß. Aber vor allem die global agierenden Unternehmen wissen, dass sie vom Klimawandel massiv betroffen sein werden.

Deshalb steuern sie gegen, um ihre Geschäftsmodelle langfristig erhalten zu können. Das stimmt mich optimistisch.

Titelfoto: Bildmontage: Sebastian Wiedling/ PR, Andre März/dpa

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