Weiße Pracht in Sachsen? Experten sehen für die Zukunft eher schwarz

Dresden - Der Winter hat mit Schnee und Eis Einzug gehalten. Die Trauer bei den Wintersportlern ist aktuell groß, weil sie nicht in die Mittelgebirge düsen und sich dort ungehindert austoben können. Doch abgesehen von den aktuellen Corona- und Reisebeschränkungen trübt eine weitere Sorge ihr Gemüt: Wie lange ist Ski-Sport in Sachsen überhaupt noch möglich angesichts des Klimawandels? Eine Studie zur Schneeklimatologie in Sachsen bestätigt freudlose Vorahnungen.

Diese Aufnahme vom Altenberger Skihang entstand im Februar 2020. Die Klimatologen sagen: Es wird weiterhin schneereiche Winter beziehungsweise Winter mit wirtschaftlichen Beschneiungsbedingungen geben, nur nimmt deren Häufigkeit im Laufe dieses Jahrhunderts ab.
Diese Aufnahme vom Altenberger Skihang entstand im Februar 2020. Die Klimatologen sagen: Es wird weiterhin schneereiche Winter beziehungsweise Winter mit wirtschaftlichen Beschneiungsbedingungen geben, nur nimmt deren Häufigkeit im Laufe dieses Jahrhunderts ab.  © Egbert Kamprath

Das Wintergeschäft ist für die Tourismusbranche in den sächsischen Höhenlagen von Erzgebirge bis Vogtland von existenzieller Bedeutung. Ohne Schnee, da viel Weh!

Das Landesumweltamt (LfULG) ermittelte nun die Auswirkungen des Klimawandels auf 28 sächsische Skigebiete in den nächsten Jahrzehnten. Die Studie zur Schneeklimatologie untersuchte, wie sich die natürliche Schneedecke und die meteorologischen Rahmenbedingungen zur Erzeugung von Kunstschnee entwickeln.

"Wir haben dafür die tatsächlichen Messwerte in den Zeiträumen von 1961 bis 2015 herangezogen und eine Klimaprojektion für 2021 bis 2050 entwickelt", erklärt LfULG-Referent Florian Kerl (34). Die Studie selbst gab das Wirtschaftsministerium in Auftrag im Rahmen der "Tourismusstrategie Sachsen".

Für jedes einzelne Skiareal liegt jetzt ein aussagefähiger Steckbrief vor. Für ganz Sachsen zeichnen sich klare Tendenzen ab.

Überraschungen aus klimatologischer Sicht gibt es keine.

Winter in Sachsen sind milder geworden

Moderne Schneekanonen können selbst bei leichten Plusgraden und geringer relativer Luftfeuchtigkeit Skihänge beschneien. (Archivbild)
Moderne Schneekanonen können selbst bei leichten Plusgraden und geringer relativer Luftfeuchtigkeit Skihänge beschneien. (Archivbild)  © Thomas Türpe

Florian Kerl: "Die Schneesicherheit hat in allen sächsischen Skigebieten abgenommen. Der Trend wird sich fortsetzen. Ursache dafür ist vor allem die Temperaturentwicklung und nicht die Niederschlagshäufigkeit."

Winter mit ausreichend Schnee für Langlauf, Abfahrtski oder Schneeschuh-Wandern werden zukünftig deutlich seltener auftreten.

Im Vergleich zur Klimareferenzperiode 1961 - 1990 sind die Winter in Sachsen oberhalb von 400 Metern um circa 1 Grad wärmer geworden. Die mittlere Anzahl von Frosttagen nahm um mehr als sieben Prozent ab.

Die Experten gehen davon aus, dass sich es bis Ende des Jahrhunderts bei gleichbleibendem Niederschlag um etwa 1,5 bis 5 Grad wärmer wird.

"Das gegenwärtige Temperaturniveau hierzulande liegt bereits bei etwa plus 1,5 Grad. Deshalb wird es im Winter künftig auch eher regnen als schneien", so Kerl.

Zur Unterstützung von Frau Holle sind Schneekanonen das Mittel der Wahl. Allerdings verschlechtern sich in Zukunft auch die Bedingungen zur Kunstschnee-Produktion. Beschneiung wird zunehmend unwirtschaftlich werden. Besonders Skigebiete unterhalb von etwa 800 Metern werden davon betroffen sein.

Tourismus-Profis haben das Problem auf dem Schirm

Am Fichtelberg befindet sich Sachsens höchstgelegenes Skigebiet. Aufgrund seiner Höhenlage gehört es zu den schneesichersten Revieren für Wintersportler - vor allem in der Zukunft. (Archivbild)
Am Fichtelberg befindet sich Sachsens höchstgelegenes Skigebiet. Aufgrund seiner Höhenlage gehört es zu den schneesichersten Revieren für Wintersportler - vor allem in der Zukunft. (Archivbild)  © dpa/Jens Büttner

"Die Ergebnisse der Schneeklimatologie haben mich nicht überrascht", sagt Veronika Hiebl (50). Die Chefin von Sachsens Tourismus Marketing Gesellschaft (TMGS) hat neun Jahre lang die Destination Erzgebirge vorangebracht, bevor sie 2019 nach Dresden wechselte.

Was Winterferien ohne Schnee für eine traditionsreiche Wintersport-Region bedeuten, weiß sie daher nur zu gut. Veronika Hiebl setzt sich seit Jahren für den Ausbau von ganzjährig nutzbaren Tourismus-Angeboten ein. In ihren Augen übernimmt die Ski-Arena Eibenstock da eine Vorreiterrolle. Der Lift dort bringt im Sommer Monster-Flitzer sowie Urlauber auf den Berg, im Winter Skifahrer.

Hiebl: "Da, wo jetzt neue Liftanlagen entstehen, sollten diese mit und ohne Schnee für den Gästebetrieb genutzt werden können."Veronika Hiebl kündigt an, dass die TMGS den Fokus ihres Winter-Marketings weiten und das Augenmerk nicht mehr fast ausschließlich auf den Ski-Sport legen wird. Themen wie Winterwandern und -wellness, Schlittschuhlaufen und Kaminabende sollen in der Werbung künftig Raum bekommen.

Thomas Kirsten (66), Bürgermeister von Altenberg, geht da voll mit. Auch bei ihm im Osterzgebirge ist bereits sommers wie winters Betrieb auf dem Skihang. Kirsten räumt dem Wintersport in den nächsten zehn Jahren trotzdem gute Chancen ein. Er hofft, dass der Freistaat weiterhin die Entwicklung der Wintersportorte aktiv begleitet. Kirsten: "Wir haben jetzt als Stadt viel Wald in Ortsnähe gekauft, um dort für schneelose Tage eine glatte Bitumenbahn als Loipen-Alternative für Langläufer mit Rollski anbieten zu können."

Der Unternehmer Alexander Richter (49) lebt für und vom Skibetrieb in Holzhau. Er fürchtet, dass die Schnee-Studie heimische Skigebiete noch mehr unter Druck setzt. Richter nachdenklich: "Meine Oma Toni war fast 90 Jahre alt, als man überlegte, ob es sich noch lohnt, ihr noch einen Herzschrittmacher einzusetzen. Sie bekam einen, hatte dann noch mindestens zehn glückliche Jahre und wurde 99 Jahre alt."

Er fragt nun: "Lohnt sich das für unsere Kinder, wenn man ein Skigebiet noch zehn, 20 Jahre am Leben lässt und unterstützt?"

Klima-Prognose lässt auch andere nicht kalt

Unter der Last von Schnee und Reif können Bäume zusammenbrechen. (Archivbild)
Unter der Last von Schnee und Reif können Bäume zusammenbrechen. (Archivbild)  © Egbert Kamprath

Auf die Schnee-Modellrechnungen für Sachsen sind nicht nur die Tourismus-Macher heiß. Auch die Land-, Forst- und Wasserwirtschaft bekundeten bereits ihr Interesse an den Datensätzen.

So würde Sachsenforst gern erfahren, ob zukünftig mit einer Zu- oder Abnahme von Schneebruch an Bäumen im Winter zu rechnen ist.

Die Vertreter der Wasser-Branche beschäftigen viele Fragen rund um den Schnee. Dabei stehen sowohl die Trinkwasserversorgung als auch Hochwasser-Schutzmaßnahmen im Fokus.

Die Landwirte treibt die Angst um, dass es in der Zukunft mehr Kahlfrost geben könnte, weil der Schnee ausbleibt, der die Pflanzen schützt.

Florian Kerl vom Landesumweltamt: "Wir werden nun daran arbeiten, Antworten auf möglichst alle diese Fragen mithilfe unserer Modelle zu finden."

Titelfoto: Egbert Kamprath

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