Morde könnten bald nicht mehr aufgeklärt werden, der Grund ist ekelhaft

Köln - In einer Leiche kann viel Leben stecken. Vor allem, wenn das Herz schon länger nicht mehr schlägt. Hunderte von Insektenarten bevölkern dann den toten Körper - und liefern Experten eine Vielzahl an Spuren.

Kriminalbiologe Mark Benecke in einem Labor. In einer Leiche kann viel Leben stecken - vor allem, wenn das Herz schon länger nicht mehr schlägt.
Kriminalbiologe Mark Benecke in einem Labor. In einer Leiche kann viel Leben stecken - vor allem, wenn das Herz schon länger nicht mehr schlägt.  © Rocksau Pictures/Mark Benecke/dpa

Besonders bedeutend sind dabei die Larven von bestimmten Fliegen und Käfern. Doch mit dieser Methode könnte es bald vorbei sein, glaubt jedenfalls Dr. Mark Benecke. Der bekannte Kriminalbiologe aus Köln befürchtet, dass durch das Insektensterben wichtige Hinweise etwa bei Mordermittlungen verloren gehen. Andere Wissenschaftler seines Faches haben Zweifel an dieser These.

"Es gibt große Ausfälle von Insekten an Leichen, vor allem bei einigen Schmeißfliegen-Arten ist uns das schon vor mehr als zehn Jahren aufgefallen", sagt Benecke. "Die Schmeißfliegen waren in einem Sommer auf einmal nicht mehr da, stattdessen viele Wespen." Benecke hielt das zunächst für eine natürliche Schwankung. Insgesamt sei die Zahl der Arten auf Leichen jedoch gesunken.

Einen konkreten Grund für diesen Insektenschwund kennt Benecke nicht. Als mögliche Ursachen nennt er unter anderem den Einsatz von Neonikotinoiden und Klimaveränderungen im Allgemeinen.

Im Oktober 2017 hatten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden eine vieldiskutierte Studie vorgelegt, nach der die Zahl der Fluginsekten zumindest in Teilen Deutschlands deutlich zurückgegangen sei.

Auch Benecke verweist immer wieder auf diese Studie, die Befunde zum Insektensterben bezeichnet er als "das schlimmste, was ich in meinem Leben als Biologe bisher erlebt habe".

Maden lieben Leichenschmaus.
Maden lieben Leichenschmaus.  © 123rf.com/profile_tsekhmister

Die Forschergruppe konzentrierte sich bei ihrer Studie auf die Gesamtmasse der Insekten, nicht auf einzelne Arten. Jens Amendt kann daher bei Beneckes These nur den Kopf schütteln. "Ich verstehe nicht, wie er darauf kommt", sagt der Experte des Instituts für Rechtsmedizin in Frankfurt.

Auch er kennt besagte Studie, auch er geht davon aus, dass es insgesamt weniger Insekten gibt. Doch folgt daraus, dass Kriminalbiologen künftig eine Möglichkeit weniger zur Verfügung steht, um Straftäter aufzuspüren?

"Die Studie lässt keinen Schluss zu, dass es weniger Schmeißfliegen gibt", sagt Amendt. Die seien für die forensische Entomologie, also die Insektenkunde im Zusammenhang mit Rechtsfällen, am wichtigsten. "Schmeißfliegen kommen mit allem klar, sie haben es derzeit vielleicht etwas einfacher als andere Insektenarten", erklärt Amendt.

30 bis 40 Leichen mit Insektenbefall werden jährlich im Institut in Frankfurt untersucht. Meist falle der Fokus auf die immer gleichen Insekten. Anhand des Insektenbefalls lässt sich feststellen, wie lange Leichen schon an einem bestimmten Ort gelegen haben. Oder ob sie zuvor schon an einem anderen Ort mit anderen Merkmalen und dann auch anderen Insektenarten gewesen ist. Amendt habe dabei bisher subjektiv keinen bedeutenden Rückgang von Insekten bemerkt.

Für Senta Niederegger vom Universitätsklinikum Jena hat die Zahl der eingesammelten Tiere auf einer Leiche "gefühlt abgenommen", nicht aber die Anzahl der Arten. Sie habe den Eindruck, dass vor etwas mehr als zehn Jahren "generell mehr Maden auf den Leichen waren als jetzt."

Die gesamte Masse der Insekten in Deutschland habe sicher abgenommen. "Es fehlen aber keine der Arten, die wir für unsere Liegezeitberechnungen brauchen", betont sie. Und : "Der Insektenschwund ist ein Drama und man muss etwas dagegen tun."

Titelfoto: 123rf.com/profile_tsekhmister, Rocksau Pictures/Ma


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