Pharma-Verschwörung aufgedeckt: Wer auspackt, wird fertiggemacht!

Wie viele Apotheken in Deutschland machen den Schwindel noch mit?
Wie viele Apotheken in Deutschland machen den Schwindel noch mit?  © Ole Spata/dpa

Köln - Zwei Whisleblower (Geheimnisverräter) haben aufgedeckt, dass die deutsche Pharmaindustrie Medikamente panscht. Die Branche rächte sich und zerstörte die Karrieren der beiden Männer.

Die ZDF-Sendung "37 Grad: Die Wahrheit und ihr Preis" hat aufgedeckt, wie Whistleblower in Deutschland fertiggemacht werden.

Während sie für Millionen Patienten Helden sind, gelten sie in der Pharmabranche als Verräter:

Mit ihren Veröffentlichungen retteten die zwei mutigen Insider wahrscheinlich etliche Menschenleben. Der Preis: ihr eigener Ruin.

Der eine Mann ist Martin Porwoll: ein promovierter Mikrobiologe, heute arbeitslos. Trotz hoher Qualifikation findet er keine Anstellung mehr. Denn er ist ein so genannter Whistleblower.

Die Missstände ans Licht zu bringen, war für ihn "kein Heldentum. Das war eine Pflicht." Aber "in Deutschland ist man ein Verräter, der das Nest beschmutzt hat", sagt er.

Mutiger Mann, doch Martin Porwoll gilt in der Branche als Verräter.
Mutiger Mann, doch Martin Porwoll gilt in der Branche als Verräter.

Als kaufmännischer Leiter arbeitete Porwoll in einer Apotheke in Bottrop. Sein Chef soll mehr als 60.000 Krebsrezepturen gepanscht haben. So steht es in der Anklage.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt. "Rechtlich betrachtet stelle jeder einzelne Fall einen besonders schweren Fall des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz dar", schreibt die "Deutsche Apothekerzeitung".

Gepanscht heißt, dass Medikamenten die vom Arzt vorgegebene Dosis eines bestimmten Wirkstoffes fehlte. Zum Teil waren sie bis zu 80 Prozent unterdosiert - und für Krebspatienten damit nutzlos.

Die Krankenkassen wussten davon nichts - und zahlten nach Rezept. Schaden: 56 Millionen Euro. Außerdem geht es in 57 Fällen um versuchte Körperverletzung.

So berichtet ein Rentner in der ZDF-Reportage unter Tränen, dass seine Frau diese unterdosierten Medikamente bekommen habe und deshalb gestorben sei. Vom behandelnden Arzt erfährt er später, dass sie mit den richtigen Medikamenten noch fünf bis 20 Jahre gelebt hätte.

Mit seinen Enthüllungen hat Porwoll aufgedeckt, dass die europäische Vertriebskette für Arzneimittel längst nicht so sicher ist, wie offiziell behauptet - auch nicht in Deutschland...

Auch Dr. Peter Jebens hat es hart getroffen..
Auch Dr. Peter Jebens hat es hart getroffen..

Der zweite "Geheimnisverräter" ist der ehemalige Pharmareferent Peter Jebens. Auch ihn hat es nach seinen Enthüllungen hart getroffen.

Haus, Vermögen, die eigene Firma, sein guter Ruf und selbst seine Ehefrau, alles weg!

Jebens hat 2007 einen der größten deutschen Pharmaskandale aufgedeckt, die Holmsland-Affäre. Er fand heraus, dass so genannte Zytostatika-Importe (Krebsmedikamente) eine zweifelhafte Wirkung haben. Denn es waren billige Mixturen, die im Ausland bestellt und verschrieben wurden.

Um Patienten zu schützen, machte er den Missstand öffentlich und damit illegale Machenschaften in Millionenhöhe sowie mangelnde Kontrolle im Arzneimittelbereich.

Staatsanwaltschaften ließen Wohnungen, Apotheken und Hightech-Labore in ganz Deutschland durchsuchen.

Die ersten Strafanzeigen gegen Apotheker wegen betrügerischen Abrechnungen wurden 2010 gestellt. Ob jemals alle Schuldigen verurteilt werden können, ist offen. Denn viele der Patienten, die möglicherweise zu Schaden kamen, sind längst gestorben. Nachweise sind somit kaum möglich.

Die zehn Jahre seit der Aufdeckung des Arzneimittel-Skandals seien für Jebens die Hölle gewesen, berichtet er. Frühere Geschäftspartner bezahlten plötzlich ihre Rechnungen nicht mehr und trieben ihn in die Pleite.

Ob er heute noch einmal einen Skandal publik machen würde? Er hat Zweifel: "Für mich persönlich ist der worst case eingetreten, dadurch, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin. Man hat den Mantel des Schweigens über alles geworfen und mich in den Ruin getrieben."

Hier die ganze ZDF-Reportage:

Titelfoto: Ole Spata/dpa, Ole Spata/dpa


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