Meine Meinung zur Migranten-Gewalt: Das Schweigen macht die AfD stark

Stuttgart - "Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein": Dieser Spruch begegnete mir im Studium im Zusammenhang mit dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann.

Ein Streifenwagen vor dem Rheinbad in Düsseldorf.
Ein Streifenwagen vor dem Rheinbad in Düsseldorf.  © DPA

Jahre später, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015, hörte ich ihn leicht abgewandelt wieder: "Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!" Da war er dann aber auf die offenen Grenzen Deutschlands bezogen.

In den letzten Tagen lese ich in den sozialen Netzwerken einen neuen Spruch. Der lautet sinngemäß so: "Wer die Grenzen offen lässt, der muss die Freibäder umzäunen."

Gemeint sind etwa die Tumulte im Düsseldorfer Rheinbad. Aber auch im Kontext des schrecklichen Tötungsdelikts am Frankfurter Hauptbahnhof taucht der Satz in den Kommentarspalten in abgewandelter Form auf Facebook auf.

Es hat sich sehr viel verändert in Deutschland seit jenem Herbst 2015. Das subjektive Sicherheitsgefühl hat abgenommen. Nicht nur mein eigenes.

Ich unterhalte mich viel mit Menschen. Mit Freunden und Bekannten. Aber auch einfach mal mit der Arzthelferin. Der Friseurin. Dem Mechaniker. Dem Taxifahrer. Alle sagen das selbe: Sie fühlen sich nicht mehr so sicher wie früher. Eine Befragung des Bundeskriminalamts bestätigt dies.

Junge Kolleginnen sagten mir schon vor Jahren, dass sie abends ein mulmiges Gefühl haben. Nicht mehr alleine unterwegs sein wollen. Das war nach der schrecklichen Silvesternacht von Köln, vor dem Anschlag eines Islamisten auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Und vor den ständigen Meldungen über Migranten-Gewalt in Freibädern, die uns zuletzt erreichten.

Erst vor wenigen Tagen wurde mir berichtet, wie eine ältere Dame in einem südhessischen Freibad von einem Asylbewerber aufs Übelste beleidigt worden sein soll. Der Grund? Sie war auf einen Rollator angewiesen. Der junge Mann habe ihr Geld geboten, wollte ihn abkaufen. Als sie sich weigerte, gingen die Beschimpfungen los. Sie traue sich jetzt nicht mehr in das Freibad. Das muss man sich mal vorstellen!

Frauen werden belästigt

19. Dezember 2016: Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
19. Dezember 2016: Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.  © DPA

Eine Rentnerin, die gesundheitlich angeschlagen ist und gerne ins Freibad ging, bleibt jetzt daheim, weil sie Angst hat! Ich kann nicht mal in Worte fassen, wie unsäglich wütend mich das macht. Wütend und traurig.

Überhaupt: Die Freibäder sind mittlerweile kein Ort der Erholung mehr.

"Frauen werden von Migranten massiv belästigt. Schwimmmeisterinnen werden beschimpft. Dazu kommen eine hohe Gewaltbereitschaft und der Mangel jeglichen Respekts!", sagt Peter Harzheim gegenüber der Zeitschrift Emma. Harzheim muss es wissen. Er ist Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister.

Man darf nicht alle Migranten über einen Kamm scheren, ganz klar. Aber angesichts der täglichen Begebenheiten mit einem Teil Nicht-Belehrbarer muss ich fragen: Wo bleibt der Aufschrei des Bundespräsidenten? Wo das Protest-Konzert von Herbert Grönemeyer oder den Toten Hosen?

Oder ist es nicht so schlimm, wenn wir unsere Freiheit aufgeben? Wenn die (mühsam erkämpfte!) Gleichbehandlung von Mann und Frau von Hardlinern aus anderen Kulturkreisen missachtet wird?

Die, die sonst laut auf Missstände aufmerksam machen, sie sind still. Ihr Schweigen ist ohrenbetäubend. Und wem überlassen sie das Feld? Der AfD.

Das Schweigen nährt die AfD

Alice Weidel, Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag.
Alice Weidel, Vorsitzende der AfD-Fraktion im Bundestag.  © DPA

Die Partei, die noch vor wenigen Jahren quasi weg vom Fenster war! Sie hat sich am Thema Migranten festgebissen und nährt sich davon blendend. Weil alle anderen lieber schweigen.

Wir igeln uns ein. Wir stellen auf Dorffesten Feuerwehr-Autos und auf Stadtfesten Betonblöcke auf, um ja nicht noch einen zweiten Breitscheidplatz, ein zweites Nizza zu erleben. Wir kaufen uns "Tierabwehrspray" an der Supermarktkasse. Wir decken uns mit kleinen Waffenscheinen ein.

Wir ziehen uns aus unseren Freibädern zurück. Wir überlassen das Feld den Rechtsradikalen. Und dann wundern wir uns, wenn die das Feld fleißig beackern?! Ja, sind wir denn kollektiv verrückt geworden?

Es wäre jetzt an der Zeit, dass sich namhafte Politiker hinstellen und sagen: So geht's nicht mehr weiter - und die Probleme nicht nur klar benennen, sondern auch entschieden handeln. Im Großen wie im Kleinen muss gelten: Wer her kommt, hat sich an die Regeln zu halten. Das gilt für den Fremden in der Wohnung, das muss auch für den Fremden im Land gelten.

Wer sich nicht an die Regeln hält, der muss das auch zu spüren bekommen. Es braucht klare Kante. Der Tübinger OB Boris Palmer (47, Grüne) sprach vor Kurzem auf Facebook von zwei Wegen, "mit der kleinen Gruppe nicht integrierter und aggressiver junger Männer unter den Flüchtlingen umzugehen: Wir schränken die Freiheit für alle ein oder wir schränken die Freiheit dieser jungen Männer ein."

Palmer findet den zweiten Weg gerechter. Ich auch. Denn wenn Konsequenzen ausbleiben, wenn das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung weiter leidet, dann ist klar, was droht: Die Spaltung der Gesellschaft wächst. Der Hass wächst. Und auch die Gewalt wird wachsen. Das müssen wir unbedingt verhindern!

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