Wie kriminell sind Sachsens Flüchtlinge wirklich?

Die Polizei stellt regelmäßig am Wiener Platz in Dresden ausländische Diebes- und Drogenbanden.
Die Polizei stellt regelmäßig am Wiener Platz in Dresden ausländische Diebes- und Drogenbanden.

Von Juliane Morgenroth und Torsten Hilscher

Dresden - Steigende Flüchtlingszahlen bedeuten auch mehr Kriminalität in Sachsen. Rein rechnerisch wurde fast jeder zehnte Zuwanderer in den ersten neun Monaten dieses Jahres kriminell.

Das zeigt eine Sonderauswertung des Innenministeriums. Von Januar bis September wurden 4695 tatverdächtige Zuwanderer erfasst, die mindestens eine von insgesamt 10.397 Straftaten begingen. Aber: Fast die Hälfte aller Straftaten wurde von einigen wenigen begangen.

Insgesamt gab es in diesem Zeitraum 45.212 Zuwanderer in Sachsen.

Meist ging es um Bagatelldelikte. Und zwar vor allem Diebstähle (40 Prozent, mehrheitlich Ladendiebstahl). Dahinter folgen Schwarzfahren (18 Prozent), Körperverletzung (11 Prozent) und Drogendelikte (5 Prozent).

Martin Dulig (rechts) muss nun mit Markus Ulbig die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen ziehen.
Martin Dulig (rechts) muss nun mit Markus Ulbig die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen ziehen.

Innenminister Markus Ulbig (51, CDU) prüft nun mit Verkehrsminister Martin Dulig (41, SPD) die Einführung eines personalisierten ÖPNV-Tickets für Flüchtlinge - als Sachleistung, die von deren Taschengeld abgezogen wird.

"Damit könnte jede fünfte Straftat durch Zuwanderer wegfallen", hofft Ulbig. Nämlich das Schwarzfahren.

Mord beziehungsweise Totschlag machen der Statistik zufolge einen Anteil von 0,2 Prozent an den Straftaten aus: drei der 17 registrierten Fälle zwischen Januar und September waren echte Morde. Mehrheitlich passierten die Taten in Asylunterkünften.

Der Anteil von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung liegt bei 0,05 Prozent (5 Fälle, davon 4 vollendet). "Sie stellen mithin keine Schwerpunkte dar", so Ulbig.

Große Probleme machen vor allem die Tunesier: Obwohl ihr Anteil an allen Zuwanderern nach Sachsen nur vier Prozent beträgt, machen sie fast ein Viertel aller tatverdächtigen Zuwanderer aus. Ähnlich sieht es bei Algeriern aus. Genau umgekehrt ist es bei Syrern.

Besonders viele Tunesier gibt es auch unter den Mehrfach-/Intensivtätern (MITA): Über ein Drittel von insgesamt 596 registrierten MITA. Diese Gruppe beging in den ersten neun Monaten dieses Jahres fast die Hälfte aller durch Zuwanderer insgesamt begangenen Straftaten.

Bis zum September 2015 gab es bereits 66 politisch motivierte Straftaten.
Bis zum September 2015 gab es bereits 66 politisch motivierte Straftaten.

"Der Anteil der MITA an allen Zuwanderern liegt demgegenüber bei 1,3 Prozent", so das Innenministerium. Laut Ulbig werden Strafverfahren von MITA inzwischen beschleunigt bearbeitet. Probleme bereitet aber die Abschiebung gerade nach Tunesien.

Im Fazit sagt Innenminister Ulbig: "Die überwiegende Mehrheit der Zuwanderer in Sachsen verhält sich rechtskonform."

Den mehr als 10.000 Zuwanderer-Straftaten zwischen Januar und September stehen noch keine absoluten Kriminalitätszahlen gegenüber. Dafür aber die Statistik für 2014: Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 320.000 Delikte im Freistaat, davon rund 7000 Straftaten von Asylbewerbern.

Thema "Angriffe auf Asylunterkünfte":

Von Januar bis September 2015 wurden 66 politisch motivierte Straftaten gegen Asylunterkünfte registriert. 57 davon waren rechtsradikal motiviert und fünf Brandanschläge. Im gleichen Zeitraum 2014 waren es insgesamt nur 15 Fälle.

Thema "Straftaten gegen Politiker":

Insgesamt 43 Straftaten gegen Abgeordnete, Bürgermeister o.ä. wurden verzeichnet - in Zusammenhang mit dem Thema Asyl. Dabei handelte es sich vor allem um Bedrohungen. Es gab aber auch fünf Gewaltdelikte.

Vorurteile widerlegt

Kommentar von Juliane Morgenroth

Was werden bei Facebook nicht alles für Gerüchte weiterverbreitet: Demnach vergewaltigen und morden Flüchtlinge am laufendem Band. Ein einziges Schreckensszenario.

Dass das Quatsch ist, belegt nun eine Statistik des Innenministeriums: Ja, auch Zuwanderer sind kriminell. Doch Mord, Totschlag und Vergewaltigung - wie von Rechtsextremen immer wieder behauptet - begehen sie äußerst selten. Es sind vor allem Bagatelldelikte.

Auch der Behauptung „alle Flüchtlinge sind kriminell“ wird der Wind aus den Segeln genommen. Eine Gruppe von 1,3 Prozent der Zuwanderer ist für nahezu die Hälfte der Straftaten verantwortlich. Diese Intensivtäter sind tatsächlich ein Problem, nicht aber die Masse der Asylbewerber. Nur zur Einordnung: Die Zahl der Straftaten gegen Zuwanderer stieg deutlich schneller als Straftaten durch Zuwanderer selbst.

Es ist wichtig, dass diese Zahlen angesichts oft hysterischer Stimmungsmache endlich auf dem Tisch liegen. Die Statistik entkräftet so manches Vorurteil gegenüber Flüchtlingen, zeigt aber auch deutlich, dass es durchaus Probleme gibt.

Das Innenministerium sollte diese Zahlen künftig regelmäßig veröffentlichen. Um den ständigen Spekulationen den Boden zu entziehen. Damit wäre allen geholfen.

Fotos: dpa/Sebastian Kahnert (1), dpa/Matthias Hiekel (1), Roland Halkasch (1)


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