Überlebender berichtet in KZ-Prozess von der Gaskammer

Hamburg - Ein polnischer KZ-Überlebender hat am Montag im Hamburger Stutthof-Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann als Zeuge ausgesagt.

Marek Dunin-Wasowicz hat das KZ Stutthof überlebt und ist im Prozess in Hamburg Zeuge und Nebenkläger.
Marek Dunin-Wasowicz hat das KZ Stutthof überlebt und ist im Prozess in Hamburg Zeuge und Nebenkläger.  © dpa/Christian Charisius

Der 93-jährige Marek Dunin-Wasowicz erklärte, dass er zusammen mit seinem Bruder am 25. Mai 1944 in das Lager bei Danzig gebracht worden sei. Dass Menschen in der Gaskammer von Stutthof getötet wurden, sei unter den Häftlingen ein "offenes Geheimnis" gewesen.

"Ich habe die Gaskammer gesehen, aber direkt habe ich das nicht gesehen", sagte er nach den Worten einer Dolmetscherin über die Mordaktionen der SS.

"Wenn die Häftlinge von den SS-Leuten abgeholt wurden, von der Arbeit oder der Baracke, und sie nie wieder aufgetaucht sind, dann war es klar, dass sie ermordet worden sind", sagte der Zeuge.

Angeklagt ist in dem Prozess der ehemalige SS-Wachmann Bruno D. Dem heute 93-Jährigen wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen.

Als Wachmann soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben.

Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern.

Gefangene hätten gehungert und gefroren

Bruno D. (zweiter von rechts) kommt nach einer Prozesspause wieder in den Gerichtssaal.
Bruno D. (zweiter von rechts) kommt nach einer Prozesspause wieder in den Gerichtssaal.  © dpa/Christian Charisius

Während eines mehrwöchigen Aufenthaltes in einer Krankenbaracke habe er vom Fenster aus die Gaskammer und das Krematorium sehen können, erzählte der Zeuge.

Die kranken Häftlinge hätten aber nicht nach draußen schauen sollen. "Geht vom Fenster weg!", habe sie der Sanitäter aufgefordert.

"Zu einem späteren Zeitpunkt, als die Gaskammer in vollem Gange war, wurden die Fenster der Krankenstube mit Latten zugenagelt" berichtete der Überlebende, der mit fester Stimme sprach und sehr rüstig wirkte.

Wenn Neuankömmlinge nach der Funktion des Krematoriumsgebäudes gefragt hätten, sei ihnen gesagt worden, "dass der Weg zur Freiheit nur über den Schornstein führt".

Die Gefangenen in Stutthof hätten gehungert und gefroren, die Ärzte und Sanitäter hätten die Kranken ohne Medikamente und Narkosemittel behandeln müssen. Wenn ein Häftling geflüchtet war, hätten alle anderen Gefangenen so lange auf dem Appellplatz stehen müssen, bis der Flüchtling gefasst wurde. Das sei eine Tortur gewesen.

Zur Vollstreckung von Prügelstrafen oder Hinrichtungen am Galgen hätten die Häftlinge ebenfalls antreten müssen. Die SS-Leute hätten die Gefangenen zum Appell gebracht. Ob Wachleute vom Turm aus zusahen, könne er nicht sagen. "Ich habe mich nie besonders umgeschaut", sagte Dunin-Wasowicz. Auf die Frage, ob es am Appellort einen Wachturm gab, sagte der ehemalige Häftling: "Ich erinnere mich nicht daran. Ich glaube nicht."

Dunin-Wasowicz war nach eigenen Angaben wie sein älterer Bruder und seine Eltern im polnischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv. 1944 sei die ganze Familie in Warschau verhaftet worden.

Gericht steht vor schwieriger Bewertung

Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner.
Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner.  © dpa/Christian Charisius

Seinen Bruder habe die deutsche Geheimpolizei Gestapo eine Woche lang gefoltert.

Eigentlich sei er zum Tode verurteilt worden, doch eine geheime Häftlingsorganisation habe dafür gesorgt, dass er unter anderem Namen wie er selbst nach Stutthof gebracht worden sei, sagte der Zeuge.

Die Eltern seien dank des Einsatzes von Ärzten aus dem Gefängnis Pawiak entlassen worden.

Er und sein Bruder seien nach dem Krieg als Zeitzeugen sehr aktiv gewesen. Sein vor fünf Jahren gestorbener Bruder habe das erste Buch über Stutthof geschrieben. Dunin-Wasowicz arbeitete nach dem Krieg als Journalist.

Über seine heutige Tätigkeit sagte er: "Ich hatte zig Treffen mit Jugendlichen, ich habe zig Interviews gegeben, ich muss nur aufpassen, dass ich nicht übertreibe und mich nicht wiederhole."

Ein Gerichtssprecher erklärte nach der Verhandlung die Herausforderung, die eine solche Zeugenaussage für die Richter darstellt: "Eine wichtige Aufgabe des Gerichts ist es, mit dem Zeugen zusammen zu versuchen zu unterscheiden, was eigenes Erleben und eigene Erinnerung ist und was Informationen sind, die er erst im Nachhinein erfahren hat."

Der Anwalt des Zeugen und Nebenklägers, Rajmund Niwinski, sagte: "Mein Mandat erhofft sich ein Urteil und Gerechtigkeit - das, was man sich von einem Strafprozess erhofft."

Das Gericht will die Anhörung am Mittwoch fortsetzen.

Titelfoto: dpa/Christian Charisius

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