SS-Wachmann Bruno D. will von Auschwitz nichts gewusst haben

Hamburg - Im KZ Stutthof wurden nach den Schilderungen eines Historikers Schwache, Kranke und Arbeitsunfähige getötet, indem sie - unversorgt - ihrem Schicksal überlassen wurden. Was hat Bruno D. von deren Sterben mitbekommen?

Ein Justizbeamter schiebt Bruno D. in den Gerichtssaal.
Ein Justizbeamter schiebt Bruno D. in den Gerichtssaal.  © Markus Scholz/dpa

Der angeklagte frühere SS-Wachmann des KZ Stutthof hat nach eigener Aussage nichts vom Vernichtungslager Auschwitz der Nazis gewusst.

Über die Massentransporte von Stutthof nahe Danzig nach Auschwitz sei unter den Wachleuten nicht gesprochen worden.

"Ich weiß nichts von Kameraden, die abkommandiert wurden", sagte der Angeklagte am Mittwoch im Prozess vor dem Hamburger Landgericht.

Durch den Göttinger Wissenschaftler Stefan Hördler ist in dem Verfahren deutlich gemacht geworden, dass Stutthof-Wachleute auch Juden-Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz begleiteten. Er selbst sei aber nicht in Auschwitz gewesen, betonte der 93 Jahre alte Angeklagte vor Gericht.

Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Durch seinen Wachdienst von August 1944 bis April 1945 soll er "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolten und die Befreiung von Gefangenen zu verhindern.

Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im von Deutschland besetzten Polen gilt weltweit als Symbol für den Holocaust.

Dem Rassenwahn der Nazis fielen nach Erkenntnissen von Forschern rund sechs Millionen Juden zum Opfer. Allein in Auschwitz-Birkenau gab es nach Schätzungen mehr als eine Million Tote, die meisten Juden.

KZ Stutthof war völlig überfüllt

Der Historiker Stefan Hördler hat im Prozess gegen Bruno D. ausgesagt. (Archivbild)
Der Historiker Stefan Hördler hat im Prozess gegen Bruno D. ausgesagt. (Archivbild)  © Georg Wendt/dpa

Der Historiker berichtete am Mittwoch von einem Vernichtungstransport von Stutthof nach Auschwitz am 10. September 1944 mit mehr als 570 jüdischen Häftlingen sowie mehrere Schwangeren und Müttern mit Kindern nicht-jüdischer Herkunft.

"Das war eine Zäsur im KZ-System", berichtete Hördler.

Es sei nicht mehr primär um die Ermordung von Jüdinnen und Juden gegangen, sondern auch um die Tötung von arbeitsunfähigen und für das NS-Regime unbrauchbaren Menschen.

Stutthof sei ein zentrales Rädchen in den Vernichtungstransporten des KZ-Systems gewesen.

Am 1. Januar 1945 waren nach Angaben des Historikers 18.648 Männer und 33.315 Frauen in Stutthof registriert, das Lager sei überfüllt gewesen.

Arbeitsfähige Männer wurden den Angaben zufolge großteils direkt an andere KZ mit angeschlossener Rüstungsproduktion weitergeleitet, arbeitsfähige Frauen unter widrigsten Bedingungen zu schweren Erdarbeiten nahe Stutthof herangezogen.

Kranke jüdische Frauen wurden ihrem Schicksal überlassen

Der mit Kreide gezeichnete Plan des Konzentrationslagers Stutthof aus dem Jahr 1955 stammt aus Prozess gegen den ehemaligen Lagerkommandanten. (Archivbild)
Der mit Kreide gezeichnete Plan des Konzentrationslagers Stutthof aus dem Jahr 1955 stammt aus Prozess gegen den ehemaligen Lagerkommandanten. (Archivbild)  © DPA

Wer zu schwach war oder krank wurde, blieb im Hauptlager, aber: "In Sterbezonen wurden die Menschen sich selbst überlassen. Sie wurden durch gezieltes Unterlassen ermordet", sagte der Historiker.

Wegen der Überfüllung weiteten sich die "Quarantänezonen" - nach Angaben des Historikers von den Nazis euphemistisch als Sanitäts-, Kranken- oder Jugendlager bezeichnet - innerhalb des Lagers aus.

Vor allem kranke jüdische Frauen seien dort ihrem Schicksal überlassen worden - ohne jegliche Versorgung.

Nachdem das Fleckfieber um sich gegriffen habe, sei das Lager im Januar 1945 vorübergehend abgeriegelt gewesen und habe keine Transporte mehr aufgenommen, berichtete Hördler.

Von 28.541 Frauen seien am 23. Januar 1945 binnen dieses Tages 182 gestorben, am Folgetag nochmals 203. Stutthof habe eine der höchsten Sterberaten des KZ-Systems gehabt.

In dieser Phase seien die Toten namentlich nicht mehr zuzuordnen gewesen, stattdessen wurden sie summarisch als "Abgänge" erwähnt, erläuterte der Wissenschaftler. "Die Lagerstatistik musste stimmen."

Titelfoto: Markus Scholz/dpa

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