Prozessauftakt: Senior erstickte seine schwerkranke Frau mit einem Kissen

Dresden - Tragisches Ende einer langen Ehe. Nach fast 60 Jahren Zweisamkeit erstickte Siegfried M. (80) seine Frau Dagmar (†76) im August 2018 mit einem Kissen in ihrem Pflegebett. Jetzt verhandelt das Landgericht Dresden gegen den gelernten Betonbauer wegen Totschlages.

In diesem Hochhaus spielte sich im August 2018 ein Drama ab. Erst erstickte Siegfried M. seine Frau, dann wollte er sich vom Balkon stürzen.
In diesem Hochhaus spielte sich im August 2018 ein Drama ab. Erst erstickte Siegfried M. seine Frau, dann wollte er sich vom Balkon stürzen.  © Ove Landgraf

"Ich wollte meine Frau von dem unwürdigen Leben erlösen", weinte der Witwer zum Prozessauftakt. "Ich habe es nicht mehr ertragen, dass sie so leiden musste."

Im Mai erlitt Dagmar einen Schlaganfall. "Ich fragte noch 'Hase, was ist denn?'

Aber sie konnte schon nicht mehr sprechen", so der Witwer, der ab dem Moment offenbar völlig überfordert war.

Die zweifache Mutter, mehrfache Oma und Urgroßmutter wurde ein Pflegefall (Stufe 5), war halbseitig gelähmt, bettlägerig, konnte nicht mehr sprechen. "Immerhin lernte sie in der Reha das selbständig Essen wieder", so der Witwer.

"Die Ärztin riet uns zu einem Heim", so Tochter Manuela H. (57) im Gericht.

"Aber mein Bruder stand mit erhobenem Finger da und sagte 'Meine Mutter kommt nicht ins Heim, wird zu Hause gepflegt.' Meinem Vater ging es sofort schlecht. Er konnte mit dem Leid nicht umgehen. Aber er hat getan, was er konnte."

Witwer Siegfried M. (80) muss sich für den Tod seiner Ehefrau Dagmar (†76) verantworten.
Witwer Siegfried M. (80) muss sich für den Tod seiner Ehefrau Dagmar (†76) verantworten.  © Holm Helis

Anfang August war Dagmar wieder daheim in Johannstadt: "Ich war ständig ich für sie da. Zwar kam ständig der Pflegedienst und auch meine Tochter war oft da, aber ich war völlig überfordert", so der schwerhörige Siegfried M., der stets Angst hatte, das Klingeln der Helfer nicht zu hören.

"Ich schlief nicht mehr, traute mich nicht, einkaufen zu gehen. Und sie hatte immer solche Schmerzen, sie hat so oft geweint. Es wurde immer schlechter. Am Ende konnte nicht mal mehr sitzen oder selber essen."

Gut drei Wochen später suchten Tochter und Sohn (59, verweigerte im Prozess die Aussage) dann doch nach einem Heim.

"Halte durch. Wir bringen Mutti gut unter", schrieb die Tochter am Samstag an ihren Vater.

Am Sonntagmorgen ging Siegfried M. zum Bett seiner Ehefrau, fand sie in einem völlig desolaten Zustand. "Ich musste sie erlösen. Und das habe ich getan", so der Witwer. "Danach schrieb ich einen Abschiedsbrief, wollte vom Balkon springen. Aber dann verließ mich der Mut." Urteil folgt.

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