Heftige Ermittlungspannen erschweren Rocker-Prozess

Panne: Der jetzt als Todesschütze angeklagte Stefan S. konnte sich vor der Spurensicherung an Händen und Armen nochmal ausgiebig waschen.
Panne: Der jetzt als Todesschütze angeklagte Stefan S. konnte sich vor der Spurensicherung an Händen und Armen nochmal ausgiebig waschen.

Leipzig - Der Prozess um die tödliche Rocker-Schießerei auf der Leipziger Eisenbahnstraße wird zur juristischen Schlacht. Die Verteidiger der Hells Angels klopfen jeden Zeugen, jedes Dokument auf Widersprüche und Ermittlungspannen ab. Und davon gibt es offenbar einige.

Als der mutmaßliche Todesschütze Stefan S. (31) unmittelbar nach der Bluttat in den Polizeigewahrsam gebracht wurde, klebten Kriminalisten seine Arme und Hände zeitnah mit Spurenfolie ab.

Doch bei deren Auswertung wurden keinerlei schusswaffentypische Schmauchspuren festgestellt. Und das, obwohl ein Polizeibeamter den Mann doch als Schützen identifiziert und festgenommen hatte (TAG24 berichtete).

Nach internen Ermittlungen kam eine heftige Panne zum Vorschein. Unmittelbar vor der Spurennahme hatte das Wachpersonal den eigentlich in einem „Trockenraum“ gesicherten Rocker auf eine normale Toilette gelassen. Dort wusch sich der mutmaßliche Todesschütze erst einmal seelenruhig Arme und Hände ab. Spuren erfolgreich beseitigt!

Eine zweite Ermittlungspanne betrifft den früheren Chef der Leipziger Hells Angels, Marcus M. (35). Er ist des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt, weil er dem angeschossenen United-Tribuns-Anwärter Veysel A. (†27) gegen den Kopf getreten haben soll. Anders als seine Mitangeklagten soll es M. gelungen sein, vom Tatort zu flüchten.

Doch auf die sofortige Durchsuchung von M.s Wohnung, Büros und des Clubhauses der Hells Angels verzichtete der Bereitschaftsstaatsanwalt damals. Die erste „Razzia“ fand erst zwei Tage später statt. Die Folge: An den erst viel zu spät gesicherten Schuhen des Hells-Angels-Bosses fanden sich weder Blut- noch andere tatrelevante Spuren.

So stützt sich die Anklage gegen Marcus M. einzig auf das verwackelte Video eines Augenzeugen, von dem die Behörden bisher nur eine qualitativ schlechte Kopie besitzen. Obwohl der Videofilmer ausfindig gemacht wurde, blieb das Original verschwunden.

Die Verteidigung hat für das Video ein Beweisverwertungsverbot beantragt.

Nach der Schießerei wurden von allen festgenommenen Rockern die Schuhe sichergestellt und nach Blutspuren untersucht.
Nach der Schießerei wurden von allen festgenommenen Rockern die Schuhe sichergestellt und nach Blutspuren untersucht.  © DPA
Erst zwei Tage nach der Schießerei wurde das Clubhaus der Hells Angels durchsucht. Die Türen standen offen, die Rocker grüßten freundlich.
Erst zwei Tage nach der Schießerei wurde das Clubhaus der Hells Angels durchsucht. Die Türen standen offen, die Rocker grüßten freundlich.  © Alexander Bischoff

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