Oscar-Kandidat "Leave No Trace": Knallharter Überlebenskampf im Wald

Berlin - Was für ein Film! "Leave No Trace" von der US-amerikanischen Regisseurin Debra Granik (Winter's Bone) ist ein sensibles und gleichzeitig knallhartes Coming-of-Age-Drama.

Tom (Thomasin McKenzie) und Will (Ben Foster) auf der Suche nach Nahrung.
Tom (Thomasin McKenzie) und Will (Ben Foster) auf der Suche nach Nahrung.  © PR/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

In diesem spielen Will (Ben Foster), ein in sich gekehrter Ex-Soldat, und seine Tochter Tom (Thomasin McKenzie) die Hauptrollen.

Sie leben unerlaubt in Forest Park, einem riesigen Waldgebiet am Rande von Portland, Oregon, USA und haben sich dort ein Zuhause aufgebaut.

Aus ihrer Sicht sind sie deshalb nicht obdachlos. Schließlich wissen sie genau, wie sie in der Wildnis überleben können.

Doch als Tom von einem Jogger entdeckt wird, taucht kurz darauf die Polizei mit einem Hund auf.

Obwohl sich die beiden gut tarnen, können sie der Spürnase nicht entkommen und werden in Gewahrsam genommen. Denn für die Behörden sind die beiden obdachlos. Tom kommt vorläufig in ein Waisenhaus, Will wird befragt.

Später müssen Vater und Tochter als Kompromiss in ein eigenes Haus aufs Land ziehen. Wirklich glücklich sind sie dort allerdings nicht. Was sollen sie nur tun? Bleiben oder fliehen?

Dem Film gelingt es in selten gesehener Art und Weise, die Beweggründe seiner charismatischen Hauptfiguren zu porträtieren. Jede Handlung der Charaktere ist nachvollziehbar.

Deswegen reißt "Leave No Trace" über die gesamte Spielzeit mit. Man fiebert mit den Figuren mit und erlebt deshalb - wie sie - eine emotionale Achterbahnfahrt.

Tom (l., Thomasin McKenzie) und Will (r., Ben Foster) wärmen sich in einem Waldhaus am Kamin auf.
Tom (l., Thomasin McKenzie) und Will (r., Ben Foster) wärmen sich in einem Waldhaus am Kamin auf.  © PR/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Denn Filmmacherin Granik gelingt es wie vor acht Jahren beim vierfach "Oscar"-nominierten Independent-Meisterwerk "Winter's Bone", die Zuschauer mit auf die steinige Reise ihrer Protagonisten zu nehmen - diesmal in die Wildnis.

Die romantische Vorstellung, im Einklang mit der Natur zu leben, wird dabei nicht nur positiv dargestellt, sondern immer wieder auch kritisch hinterfragt.

Denn die Charaktere kommen nicht gänzlich ohne Geld und die Zivilisation aus - so sehr sie sich sträuben.

Dieser ausgewogen erzählte Widerspruch wird wie viele andere interessante Details sensibel aufbereitet. Allerdings auch mit viel Härte.

Denn Tom würde gerne auch ein normales Leben mit Freunden in ihrem Alter führen, muss aber draußen bei Minustemperaturen frieren und noch viele andere Dinge bewältigen.

Nicht nur das macht den Film zu einem großen cineastischen Erlebnis, sondern auch die von der dynamischen Kameraführung wunderschön aufgenommenen, in kontrastreiche Grüntöne getauchten Landschaften. Gedreht wurde im Wald von Clackamas County’s Eagle Fern Park - nur unweit vom echten Forest Park.

Diese realistische Farbgebung trägt ihren Teil zur bedrückenden und doch hoffnungsspendenden Atmosphäre bei. Auch die gefühlvolle Musikuntermalung, die glaubwürdigen Kostüme, die zweckdienlichen Frisuren und das erstklassige Make-up sorgen für eine faszinierende Atmosphäre.

Tom (l., Thomasin McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) sind auf der Flucht vor dem Gesetz.
Tom (l., Thomasin McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) sind auf der Flucht vor dem Gesetz.  © PR/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Der Kern des Filmes sind neben der Geschichte vor allem die Leistungen der Schauspieler.

Ben Foster (The Messenger, Todeszug nach Yuma, Hell or High Water), spielt seit Jahren in vielen guten Werken mit und hat noch nie eine enttäuschende Performance abgeliefert.

Hier zeigt er knapp vor seiner überragenden Darstellung von Lance Armstrong in "The Program - Um jeden Preis" aber seine beste Karriereleistung. Er spielt seinen gepeinigten, getriebenen Charakter so überzeugend, dass er mit der Figur verschmilzt. Sowohl seine mimische Ausdrucksstärke, als auch seine Körpersprache sind perfekt ausgearbeitet.

Die Entdeckung des Filmes ist allerdings Thomasin McKenzie. Die gerade mal 18-jährige Neuseeländerin zeigt eine Leistung, die ihrem Alter um viele Jahre voraus ist. Was dieses junge Mädchen an Details einarbeitet, verdient höchsten Respekt. Ihr gelingt es, sowohl in den ruhigen, als auch in den emotionalen Szenen angemessen zu agieren.

Sie spielt mit dem deutlich erfahreneren Foster auf Augenhöhe, dominiert ihn in den dafür vorgesehenen Sequenzen auch und zeigt eine vielschichtige, fantastische Performance, die auch viele Filmschaffende so überzeugte, dass sie bald unter anderem in "Top Gun 2: Maverick" an der Seite von Tom Cruise zu sehen sein wird.

"Leave No Trace" ist im positiven Sinne ein Film der Widersprüche. Auf der einen Seite sind die Figuren voller Hoffnung, auf der anderen Seite ist ihre Situation doch ausweglos. Was Regisseurin Granik darüber hinaus aus ihren Hauptdarstellern Foster und McKenzie herausholt, ist ganz großes "Oscar"-Kino.


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