"Entscheidend wird sein, die Lehrer auch hier zu halten"

Grundschullehrer brauchen weitaus mehr als nur eine reine Fachausbildung.
Grundschullehrer brauchen weitaus mehr als nur eine reine Fachausbildung.  © dpa/Julian Stratenschulte

Dresden - Gute Pisa-Ergebnisse, ein wertiges Abitur, viele Schulneubauten - auf den ersten Blick ist Sachsen eine Bildungsoase.

Doch auf den zweiten sieht es anders aus. Vor allem Grundschullehrer wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Nicht mal genug „echte“ Kollegen sind da: Im Schuljahr 2016/17 hatten 45 Prozent der neu eingestellten Kräfte kein Lehramtsstudium, sind daher Seiteneinsteiger.

Nun legt sich der Freistaat ins Zeug, um sowohl die Qualifikation der Neulinge als den Beruf selbst aufzuwerten, sagt Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (60, SPD). Sie ist für die Universitäten zuständig.

TAG24: Wie steht es um die Qualifizierung der dringend benötigten Seiteneinsteiger?

Stange: Für die vom Kultusministerium ausgewählten Anwärter von Seiteneinsteigern an den Grundschulen bieten aktuell alle drei Universitäten mit Lehramtsausbildung eine Qualifikation an. Für Seiteneinsteiger an Oberschulen beginnen die Unis damit im Herbst.

TAG24: Das alles ersetzt noch keine „richtige“ Lehrerausbildung.

Stange: Das ist momentan nicht der Fall, sicher. Zwar ist die Zahl der Studienanfänger bereits im Jahr 2012 verdoppelt worden. 2017 wurde noch einmal von 1700 auf aktuell 2375 erweitert. Das jedoch ist das Äußerste, was die Unis und Musikhochschulen leisten können. Aber die zusätzlichen Immatrikulationen seit 2012 werden sich in den nächsten Jahren deutlich positiv bemerkbar machen.

Torsten Hilscher (49) im Gespräch mit Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (60, SPD).
Torsten Hilscher (49) im Gespräch mit Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (60, SPD).  © Petra Hornig

TAG24: Wenn sie bei uns bleiben ...

Stange: Das wird das Entscheidende sein: dass wir sie hier halten können. Dafür haben wir Pakete geschnürt. Zum Beispiel im Referendariat vergleichbar so viel zu zahlen wie in Bayern oder in Niedersachsen, wo die jungen Leute verbeamtet werden. Wir haben Voraussetzungen für den Gang in den ländlichen Raum geschaffen - auch mit Geld. Und dass die Oberschullehrer endlich so bezahlt werden wie die Gymnasiallehrer. Denn wir erleben an den Unis, dass sich deutlich mehr für das Gymnasial- als für das Oberschullehramt einschreiben.

TAG24: Wie wollen Sie Lehrer locken?

Stange: Über unsere Werbekampagne. Zudem wird es jetzt wieder gemeinsam mit dem Kultusministerium einen Brief an die Abiturienten geben. Das größte Problem ist, dass wir viele Lehrkräfte in den vergangenen Jahren verloren haben, die wir ausgebildet haben.

TAG24: Würde Verbeamtung helfen?

Stange: Wir hatten nie eine Lehrerverbeamtung in Sachsen. Und ich bin auch dagegen. Es werden nur die Schulleiter verbeamtet. Auch im Sinne der Freizügigkeit der Berufswahl in Europa ist es nicht erforderlich und eher hinderlich.

TAG24: Andere in Deutschland tun es.

Stange: Das ist die politische Entscheidung in den Ländern. Der eigentliche Hintergrund war ja: dass ein Lehrer Zeugnisse vergibt, Prüfungen abnimmt und damit in die Grundrechtsfreiheit der freien Berufswahl eingreift. Inzwischen dürfen das selbstverständlich auch Angestellte.

An der TU Chemnitz werden aktuelle nur Lehrer für die Grundschule ausgebildet.
An der TU Chemnitz werden aktuelle nur Lehrer für die Grundschule ausgebildet.  © TU Chemnitz/Dirk Hanus

TAG24: Nochmals zur Grundschule. Ihre Parteigenossen Barbara Ludwig als Chemnitzer OB und Martin Dulig als Vize-MP haben Wünsche: Ludwig für „ihre“ Uni Lehrerausbildung über die Grundschule hinaus, wie in Leipzig und Dresden; Vize MP Martin Dulig für Grundschullehrer ein fünfjähriges Studium …

Stange: Alle drei Standorte der Lehramtsausbildung sollen gestärkt werden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Grundschullehrer-Ausbildung in Chemnitz erhalten bleibt. Das ist sinnvoll. Und ja, wir sind der Ansicht, dass die Grundschullehr-Ausbildung wieder auf 5 Jahre verlängert werden sollte. Aber in dieser Koalition wird das nicht möglich sein, die CDU ist da anderer Meinung. Daher wird das in dieser Legislatur nichts mehr.

TAG24: Und nun?

Stange: Grundsätzlich stehe ich dazu UND zu einer Aufwertung der Bezahlung. Sie sollten so bezahlt werden wie Gymnasial- und Oberschullehrer. Sie sollten auch eine vertiefte Ausbildung im Bereich der Bildungswissenschaften, der Psychologie, der Grundschul-Didaktik erhalten.

TAG24: Warum genau?

Stange: Die wichtigsten Jahre im Leben eines Kindes sind die ersten zwölf. Darum müssen Pädagogen für diese Jahre so gut es nur irgend geht ausgebildet sein! Die Ausbildung von Grundschullehrern muss anders, aber gleichwertig gegenüber den anderen Lehramtsausbildungen sein - dieser Konsens herrscht inzwischen in vielen Ländern. Das bedeutet: Wir brauchen die Fachwissenschaften wie Mathe usw. nicht weiter ausdehnen, sondern wir brauchen dort mehr Kompetenzen zum unterschiedlichen Entwicklungsstand von Kindern. Wenn Kinder in die 1. Klasse kommen haben sie einen Entwicklungsunterschied von bis zu vier Jahren. Die Spanne reicht von Komplett-lesen-und-schreiben-können bis hin zu Noch-nicht-einmal-einen-Stift-halten-können.

Ein Grundschullehrer nun hat die Aufgabe, sie binnen vier Jahren so fit zu machen, dass sie den nächsten Schritt schaffen.


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