Sie können sich Gesichter oder Stimmen nicht merken: Hier wird geforscht

Erforscht Leistungsschwächen des Gehirns: Doktorandin Claudia Roswandowitz 
(30).
Erforscht Leistungsschwächen des Gehirns: Doktorandin Claudia Roswandowitz (30).  © Steffen Füssel

Dresden - Sie leben wie unter Fremden, können sich keine Gesichter merken oder erkennen Menschen nicht an ihrer Stimme: Rund drei Prozent der Bevölkerung sind von Geburt an gesichts- oder stimmblind.

Freunde und Kollegen beschreiben Betroffene häufig als launisch und unhöflich, weil sie an ihnen vorbeigehen, als würden sie sie nicht kennen.

Doch dahinter steckt kein böser Wille, sondern eine unheilbare Hirnstörung. In Leipzig werden die seltenen Hirnschwächen wissenschaftlich erforscht - mit ersten erstaunlichen Erkenntnissen.

Wesentlich weniger erforscht ist die "Stimmblindheit" (Phonagnosie). Betroffene können Stimmen keiner Person zuordnen.

"Wir haben einen Online-Hörtest entwickelt, bei dem unbekannte Stimmen in Verbindung mit einem Namen gelernt und später wiedererkannt werden sollten", sagt Claudia Roswandowitz.

Hier werden Betroffene untersucht: Max-Planck-Institut für Kognitions- und 
Neurowissenschaften in Leipzig.
Hier werden Betroffene untersucht: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Über 1000 Interessierte klickten sich durch den Hörtest. Zwei Probanden waren besonders auffällig, wurden vom Institut mit der Bitte um nähere Untersuchungen eingeladen, wollen aber anonym bleiben.

"Wir nennen die Frau aus Köln A.S. und den Mann aus Leipzig S.P. Sie sind die einzigen von erst weltweit vier untersuchten Phonagnosikern."

A.S. erzählte, dass sie die Stimme ihrer sechsjährigen Tochter beim Spielen im Nebenzimmer nicht von den Stimmen ihrer Freundinnen unterscheiden kann.

S.P. hatte Probleme, den "Simpsons" zu folgen, weil Synchronsprecher ausgetauscht worden waren.

Das Gehirn der beiden Freiwilligen wurde sogar bei einer MRT-Untersuchung durchleuchtet. Dabei ist Roswandowitz der Ursache des Handicaps auf die Spur gekommen:

"Bei den Betroffenen liegt eine Störung des Schläfenlappens im rechten Hirnbereich vor, der für die Stimmerkennung zuständig ist. Er ist entweder weniger aktiv oder weniger mit anderen Hirnarealen verbunden."

Stimmblindheit kann angeboren sein und vererbt werden. Bis zu drei Prozent der Bevölkerung leidet an dem neurologischen Defizit.

Auch Stimmblinde behelfen sich mit Tricks: Sie schauen zum Beispiel vor Anrufannahme aufs Handydisplay, um zu wissen, wer sich gleich meldet.

"Ein Betroffener war Vertreter, musste den Beruf aufgeben, weil er seine Kunden am Telefon nicht unterscheiden konnte."

Titelfoto: Steffen Füssel


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