Kein Erbarmen! Hier lässt die Kirche ein Biotop räumen

Traurig räumt Christian Teichmann Utensilien aus seinem Biotop, das ihm die Kirche nach 50 Jahren weggenommen hat.
Traurig räumt Christian Teichmann Utensilien aus seinem Biotop, das ihm die Kirche nach 50 Jahren weggenommen hat.

Von Alexander Bischoff

Leipzig - Sachsens evangelische Kirche kennt kein Erbarmen: Nach 50 Jahren ist mit der Zwangsräumung des sachsenweit einzigartigen Gartenbiotops des Leipziger Botanikers Christian Teichmann (72) begonnen worden.

Tränen schießen ihm in die Augen, als er am Morgen den Gerichtsvollzieher mit Lastwagen und Möbelpackern anrücken sieht. „50 Jahre war das mein Lebensinhalt, jetzt ist alles aus“, schluchzt Christian Teichmann.

Weil der Botaniker mit seinem üppig wuchernden Großstadt-Urwald der Kurzrasen-Nachbarschaft seit Jahren ein Dorn im Auge ist, hatte die Matthäuskirchgemeinde dem Rentner das mit 50.000 seltenen Pflanzen bestückte Pachtgrundstück gekündigt.

Der fassungslose Botaniker Christian Teichmann wird von Pfarrer Konrad Taut und Kirchen-Vorstand Bernd Othmer (v.l.n.r.) des Grundstücks verwiesen.
Der fassungslose Botaniker Christian Teichmann wird von Pfarrer Konrad Taut und Kirchen-Vorstand Bernd Othmer (v.l.n.r.) des Grundstücks verwiesen.

Dabei flammte im April noch einmal Hoffnung auf.

Vor laufender Kamera der MDR-Sendung „Voss [&] Team“ gaben sich Teichmann, ein Nachbar und Kirchen-Vorstand Bernd Othmer die Hand. Man wolle Teichmann noch mal eine Chance geben, erklärte Othmer, der seine Gemeinde auch noch als Rechtsanwalt vertritt, in der Sendung vom 7. April.

Doch das war offenbar nur Show. Denn während sich Teichmann erleichtert wieder seiner Pflanzenzucht widmete, ließ die Kirche den Vollstreckungsauftrag insgeheim weiter laufen.

Zwischen Teichmann und seinen Nachbarn sei kein friedvolles Zusammenleben möglich, behaupteten Gemeindevorstand Othmer und Matthäus-Pfarrer Konrad Taut gestern unisono. Und zauberten eine ominöse Befragung hervor, bei der sich angeblich 23 Nachbarn gegen einen Verbleib des Botanikers auf seiner Scholle aussprachen.

Teichmanns Rechtsanwalt Peer Hofmann (44) erinnert eine solche Befragung an Lynchjustiz. „Das hat mit christlichen Werten nichts mehr zu tun“, sagt der Jurist und schüttelt den Kopf.

Sein geliebtes Pflanzenreich darf Botaniker Teichmann jetzt nur noch in Begleitung eines Kirchenvertreters betreten. Innerhalb von vier Wochen muss alles beräumt sein.

Fotos: Alexander Bischoff


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