Kampf ums Westwerk: Scherben-Anschlag auf neue Konsum-Filiale

Leipzig - Kurz vor der heutigen Eröffnung der neuen Konsum-Filiale im Leipziger Westwerk hat es in der Nacht einen Anschlag auf das alte Industriegebäude gegeben. Kritiker sehen in der Ansiedlung des Supermarktes einen Akt der Verdrängung.

Kann die ablehnende Haltung gegen seine Westwerk-Filiale nicht verstehen: Leipzigs Konsum-Chef Dirk Thärichen (49).
Kann die ablehnende Haltung gegen seine Westwerk-Filiale nicht verstehen: Leipzigs Konsum-Chef Dirk Thärichen (49).  © Alexander Bischoff

Die Unbekannten kamen im Schutz der Dunkelheit. Mit Steinen schmissen sie nach Polizeiangaben insgesamt 52 Scheiben der großen Fensterfront des Westwerkes ein. Zudem warfen die Täter Stink- und Farbbomben ins Innere der ehemaligen Industriehalle.

Stunden später steht der Leipziger Konsum-Chef Dirk Thärichen (49) vor dem mit roten Luftballons geschmückten Eingang seiner nunmehr 62. Filiale und schüttelt den Kopf. "Wir haben niemanden verdrängt - das war ein leerer Raum", sagt er und zeigt auf den großen Vorraum des Supermarktes. "Hier werden ja weiterhin Künstler ausstellen."

Obwohl der Anschlag mutmaßlich dem Supermarkt galt, hat er keinen Schaden davon getragen. Denn die demolierte Fensterfront gehört zu eben diesem, die Industriearchitektur besonders hervorhebenden Vorraum.

An diesem Morgen hält es dort allerdings keiner länger aus, was an der Stinkbomben-Attacke der vergangenen Nacht liegt. Ein buttersäureähnlicher Gestank schwängert die Luft.

Bierseliger Protest: Christoph (32, im Bild ganz rechts) und seine Freunde sehen in der Konsum-Ansiedlung eine Verdrängung von Künstlern und kleinen Läden.
Bierseliger Protest: Christoph (32, im Bild ganz rechts) und seine Freunde sehen in der Konsum-Ansiedlung eine Verdrängung von Künstlern und kleinen Läden.  © Alexander Bischoff

Vor dem Westwerk hat es sich eine Gruppe friedlicher Protestler gemütlich gemacht.

Christoph (32) und seine Freunde sitzen mit dem Morgenbier in der Hand auf dem Fußweg, vor ihnen ein Pappschild mit der Aufschrift "Dreckig saufen statt Dreck kaufen". Bierseliger Protest gegen den neuen Supermarkt. Die Gruppe spricht von Verdrängung.

"Hier waren vorher Künstler und kleine Firmen drin, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können", erzählt Christoph, selbst Künstler. Außerdem, so befürchten er und seine Freunde, würde der Konsum den kleinen Läden in der Straße das Geschäft abgraben.

Konsum-Chef Thärichen sieht das naturgemäß anders und spricht vom gedeihlichen Miteinander. Außerdem sei sein Unternehmen ja Ur-Plagwitzer. Vor 135 Jahren wurde die Genossenschaft ganz in der Nähe jener Amaturengießerei gegründet, deren bauliche Hülle heute als das hippe Westwerk bekannt ist.

Die alte Firmenbezeichnung "Consum-Verein zu Plagwitz und Umgebung" prangt heute als Leuchtschrift im neuen Supermarkt.

Kaputte Scheiben - insgesamt 52 Fenstergläser wurden nach Polizeiangaben eingeworfen.
Kaputte Scheiben - insgesamt 52 Fenstergläser wurden nach Polizeiangaben eingeworfen.  © Alexander Bischoff
Leerer Vorraum - die Täter ließen hier eine Stinkbombe platzen.
Leerer Vorraum - die Täter ließen hier eine Stinkbombe platzen.  © Alexander Bischoff
Die Glasfassade des Westwerks ziert jetzt Konsum-Werbung. Die Graffito-Ratte scheint interessiert.
Die Glasfassade des Westwerks ziert jetzt Konsum-Werbung. Die Graffito-Ratte scheint interessiert.  © Alexander Bischoff

Titelfoto: Alexander Bischoff

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