"Hells Angels"-Prozess: Verteidiger geben United Tribuns Schuld an tödlichen Schüssen

Leipzig - Im Rockerprozess um die Schießerei auf der Leipziger Eisenbahnstraße hat der Anwalt des als Todesschützen angeklagten Hells Angel Stefan S. (33) die Rachemord-Theorie der Staatsanwaltschaft am Montag zurückgewiesen.

Marcus M. (36) wird von Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Sein Verteidiger sieht keine Beweise dafür, dass er an den Gewalttaten direkt beteiligt war.
Marcus M. (36) wird von Justizbeamten in den Gerichtssaal geführt. Sein Verteidiger sieht keine Beweise dafür, dass er an den Gewalttaten direkt beteiligt war.  © Ralf Seegers

"Es war ein kopfloses Vorgehen, er hat in Angst geschossen", argumentierte Verteidiger Curt-Matthias Engel in seinem Plädoyer. Vor den Augen der anwesenden Polizeikräfte hätten die United Tribuns die an einem Imbiss stehenden Hells Angels angegriffen. Engel: "Die Polizei hatte für die Hells Angels in dem Moment keine Schutzwirkung."

Der Rocker-Anwalt machte zudem deutlich, dass die vier angeklagten Höllenengel in der Stadt zuvor nie mit Gewalttaten aufgefallen seien, ihre Kontrahenten hingegen teilweise schon beim Leipziger Disko-Krieg 2008 schwerste Straftaten begangen hätten. "Auch damals schon vor den Augen der Polizei", so Engel.

Beim Angriff auf der Eisenbahnstraße seien die Tribuns mit Zaunslatten und Messern bewaffnet gewesen, verwies der Verteidiger auf Zeugenaussagen Unbeteiligter. Für seinen Mandanten, den die Staatsanwaltschaft wegen gemeinschaftlichen Mordes lebenslang hinter Gitter sehen will, forderte der Verteidiger eine Haftstrafe von maximal sieben Jahren wegen Totschlags und versuchten Totschlags in zwei Fällen.

Zuvor hatte bereits Verteidiger Michael Stephan, der den von der Anklage als Präsidenten des einstigen Leipzig-Charters der Hells Angels geführten Marcus M. (36) vertritt, die Rache-Theorie der Staatsanwälte gekontert. Die Höllenengel hätten auf der Eisenbahnstraße nur Präsenz zeigen wollen und seien nicht auf Gewalt aus gewesen, meinte Stephan.

War Leipzigs Ex-Höllenengel-Präsident am Tatort?

Der Hauptangeklagte Stefan S. (33) – laut Verteidigung soll er aus purer Angst geschossen haben und „kopflos“ vorgegangen sein.
Der Hauptangeklagte Stefan S. (33) – laut Verteidigung soll er aus purer Angst geschossen haben und „kopflos“ vorgegangen sein.  © Ralf Seegers

Die Ankläger hatten zuvor in ihrem Plädoyer die Schüsse als Reaktion auf einen nur Stunden zuvor erfolgten Angriff eines Tribuns-Anführers auf Stefan S. gewertet (TAG24 berichtete).

Laut Stephan hätten die Hells Angels sogar gewusst, dass ihre Kontrahenten am Nachmittag jenes 25. Juni 2016 zu einem Club-Treffen nach Nürnberg unterwegs waren. Mithin wäre es gar nicht zur direkten Konfrontation gekommen. Tatsächlich geht aus den von der Polizei gesicherten Chat-Nachrichten der United Tribuns hervor, dass einer ihrer Anführer seine Männer zum Clubhaus zurück beorderte, als er erfuhr, dass die Höllenengel auf der Eisenbahnstraße ein Schaulaufen veranstalteten. "Ohne das Draufgehen der United Tribuns hätten die schicksalshaften Ereignisse einen gänzlich anderen Verlauf genommen", ist sich Anwalt Stephan sicher.

Dass Marcus M. nach den Schüssen auf das am Boden liegende Opfer eingetreten haben soll, bestreitet die Verteidigung. Weder Zeugenaussagen noch das Video der Schießerei geben laut Stephan Aufschluss darüber, wo sich M. während des Gewaltexzesses aufgehalten habe. Zu den am Tatort in flagranti Festgenommenen gehörte er jedenfalls nicht.

Auch für die Annahme der Staatsanwaltschaft, dass Marcus M. als mutmaßlicher Präsident der Hells Angels die Tat geplant und vom Mitführen einer Schusswaffe gewusst haben müsse, sah Stephan im Ergebnis des bislang 88 Tage währenden Prozesses "keinen Nachweis". Maximal wegen eines schweren Landfriedensbruchs könne sein Mandant belangt werden, meinte der Verteidiger und plädierte für eine Maximalstrafe von dreieinhalb Jahren Haft.

Am heutigen Dienstag werden die Plädoyers fortgesetzt. Das Urteil ist für den 4. Juli geplant.

Im Rockerprozess wurden die Sicherheitsbestimmungen am Montag noch einmal verschärft. Die Polizisten tragen jetzt vor und im Gerichtsgebäude Helme und Maschinenpistolen.
Im Rockerprozess wurden die Sicherheitsbestimmungen am Montag noch einmal verschärft. Die Polizisten tragen jetzt vor und im Gerichtsgebäude Helme und Maschinenpistolen.  © Alexander Bischoff
Jeder der vier angeklagten Hells Angels hat zwei Verteidiger. Seit Montag halten sie ihre Plädoyers.
Jeder der vier angeklagten Hells Angels hat zwei Verteidiger. Seit Montag halten sie ihre Plädoyers.  © Ralf Seegers

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