Freispruch! Anschlag auf Justizminister Gemkow bleibt unaufgeklärt

Leipzig - Mehr als dreieinhalb Jahre nach dem Anschlag auf das Wohnhaus von Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (40, CDU) und dessen Familie ist am Donnerstag auch der zweite Tatverdächtige freigesprochen worden.

Erst verurteilt, jetzt freigesprochen: Thomas K. (32), hier mit seinen Verteidigern Curt-Matthias Engel (l.) und Mario Thomas.
Erst verurteilt, jetzt freigesprochen: Thomas K. (32), hier mit seinen Verteidigern Curt-Matthias Engel (l.) und Mario Thomas.

Eine DNA-Spur an einer Chrtistbaumkugelverpackung, die in Tatortnähe gefunden wurde, hatte dem Amtsgericht 2017 ausgereicht, um Thomas K. (32) als Attentäter zu überführen und ihn zu 28 Monaten Gefängnis zu verurteilen. Gestern gab es die Kehrtwendung: "Eine objektive Spur reicht nicht aus, um den Angeklagten der Tat zu überführen", sagte Richter Bernd Gicklhorn, Vorsitzender der Berufungskammer am Landgericht. Die Folge: Freispruch!

Wie die DNA-Spur an die Verpackung kam, konnte die Staatsanwaltschaft im Prozess nicht darlegen. Ein Experte des LKA hatte hingegen ausgesagt, dass eine Sekundärübertragung über mehrere Strecken möglich sei, es sich folglich auch um eine sogenannte Trugspur handeln könne.

Es sei nicht möglich, nur anhand dieser Spur den Beweis der Täterschaft zu führen, stellte Landrichter Gicklhorn klar. Und gab dann zu bedenken: "Das Verfahren hat gezeigt, dass DNA-Spuren mit größter Vorsicht zu genießen sind..."

Auch die Aussagen sämtlicher Augenzeugen, die mehrere vermummte Personen nach dem Angriff auf Gemkows Wohnung wegrennen sahen, waren für den weit über zwei Meter großen und damals 176 Kilo schweren Angeklagten eher entlastend. Denn keiner der Zeugen sah eine derart auffällig große Person.

Tatmotiv bleibt ungeklärt

Nach dem Anschlag auf seine Wohnung spricht Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Tatort mit Polizisten.
Nach dem Anschlag auf seine Wohnung spricht Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) am Tatort mit Polizisten.

Letztlich konnte das Landgericht auch nicht erkennen, welches Motiv der wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung vorbestrafte Lok-Hooligan gehabt haben soll, Sachsens Justizminister anzugreifen. Die Theorie der Anklage, wonach die mit Granitsteinen und Buttersäure geführte Attacke auf Gemkows Wohnung eine Verwechslung gewesen sei und ein benachbarter linker Textilvertrieb eigentliches Ziel der Attacke war, hielt die Kammer für unschlüssig. Nicht zuletzt deshalb, weil der Vertrieb schon Jahre zuvor seinen Betrieb eingestellt hatte.

Auch hatten weder Rechtsextreme noch Hooligans bis dato in Leipzig Anschläge auf die Justiz oder deren Vertreter verübt. Wie im Prozess mehrfach zur Sprache kam, entspricht der Modus Operandi eher linken Anschlägen. In der Vergangenheit hatten Linksextremisten unter anderem das Leipziger Amtsgericht, das Haus des Jugendrechts und den in der Messestadt beheimateten 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes angegriffen - und sich im Internet auch dazu bekannt.

Umso verwunderlicher fand es das Landgericht, dass die Ermittler eine Spur ins linksextreme Milieu nicht weiter verfolgten und das Amtsgericht diese gar ignoriert hatte. "Das hat die Kammer ziemlich aufgeregt", sagte Landrichter Gicklhorn in der Urteilsbegründung.

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Immerhin hatte ein Fährtenhund der Polizei unmittelbar nach dem Anschlag eine Spur aufgenommen, die nach Connewitz führte - direkt vor das Haus eines polizeibekannten Linksextremisten. Warum Polizei und Staatsanwaltschaft damals dort keine Durchsuchung durchführten, bleibt eines der großen Rätsel dieses Falles.

Da ein Angeklagter bereits 2017 freigesprochen wurde, bleibt der prominente Kriminalfall nach dem neuerlichen Freispruch nun weitgehend unaufgeklärt. Ob die vom Landgericht regelrecht abgewatschte Staatsanwaltschaft in Revision gehen will, war am Donnerstag nicht zu erfahren.

Justizminister Sebastian Gemkow (CDU, r.) und der ehemalige Leipziger Polizeichef Bernd Merbitz (63)– warum es Merbitz‘ Ermittler unterließen, nach dem Anschlag auf Gemkow in Connewitz Durchsuchungen durchzuführen, bleibt ein großes Rätsel des Falls.
Justizminister Sebastian Gemkow (CDU, r.) und der ehemalige Leipziger Polizeichef Bernd Merbitz (63)– warum es Merbitz‘ Ermittler unterließen, nach dem Anschlag auf Gemkow in Connewitz Durchsuchungen durchzuführen, bleibt ein großes Rätsel des Falls.  © Ralf Seegers

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