"Diese Stadt darf uns nicht im Stich lassen!": Theater auf der Alten Messe soll Baumarkt weichen

Von Anke Brod

Leipzig - Der Baumarkt kommt, die Kultur geht. Bis Ende Februar 2020 muss das Leipzig-Münsteraner Straßentheater "Titanick“ nach fast 30 Jahren Mietzeit auf der Alten Messe sein Leipziger Hauptdomizil in Halle 16 zugunsten eines Bau- und Gartencenters geräumt haben. Bei alledem steht noch in den Sternen, wohin langfristig die Reise der Crew überhaupt gehen soll.

Die langjährige Heimstätte des Theaters "Titanick": Die Halle 16 auf der Alten Messe in Leipzig.
Die langjährige Heimstätte des Theaters "Titanick": Die Halle 16 auf der Alten Messe in Leipzig.  © Anke Brod

Die Theaterleute fanden in ihrer Heimatstätte Leipzig bisher einfach keine zufriedenstellenden neuen Räumlichkeiten. Dabei hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung bereits in der Ratsversammlung vom 12. April 2017 dem Theater bei der Suche nach einer Standortalternative Unterstützung zugesichert.

Doch kam hier offenbar nicht viel. Das internationale Ensemble, welches seit 1990 mit spektakulären Stadtinszenierungen und Projekten im Heimspiel oft auch ihr Publikum in der Messestadt beglückte, fühlt sich mit dem gigantischen Problem einer neuen Produktions- und Probehallenanmietung völlig auf sich gestellt.

Am heutigen Dienstag steht die Problematik nunmehr auf der Tagesordnung der städtischen Ratsversammlung. Die Vorlage mit dem Betreff "Theater Titanick bei Suche nach neuem Standort unterstützen“ hatten zum einen SPD-Fraktion und Bündnis 90/Die Grünen eingereicht. Im Beschlussvorschlag heißt es, der Oberbürgermeister werde beauftragt, das Theater Titanick bei der „Suche nach einem geeigneten Objekt in städtischem Besitz zu unterstützen, dafür auch kurzfristig einen Mietvertrag mit dem Theater abzuschließen und hierbei rechtlich zu prüfen, inwiefern Kosten, die der Mieter für die Instandsetzung des Objekts tragen wird, auf den Mietpreis angerechnet werden können.“ Auch solle langfristig ein Erbbaurechtsvertrag für das Objekt mit dem Theater abgeschlossen werden.

Die zweite Beschlussvorlage stammt vom Dezernat „Wirtschaft, Arbeit und Digitales“. Darin heißt es abweichend: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, das Theater Titanick weiterhin bei der Standortsuche auf dem privaten Immobilienmarkt zu unterstützen.“ - Aber: „Die bisherige Unterstützung des Theaters Titanick bei der Suche nach einem passenden städtischen Objekt wird eingestellt, da keine geeignete Halle im kommunalen Besitz vorhanden ist“.

"Titanick" sucht neue Bleibe: "Wir brauchen dringend die Unterstützung der Stadtverwaltung"

Der geplante Baumarkt könnte das Titanick-Theater räumlich sehr eingrenzen.
Der geplante Baumarkt könnte das Titanick-Theater räumlich sehr eingrenzen.  © Anke Brod

Den Kulturschaffenden rast inzwischen schlicht die Zeit davon.

"Wir haben jetzt erst einmal eine temporäre Rundhalle von der privaten 'Stadtbau AG' in Böhlitz-Ehrenberg angemietet“, sagte Titanick-Geschäftsführer Uwe Köhler gegenüber TAG24.

"Allerdings beträgt die Kündigungszeit nur ein halbes Jahr“, bedauert er und spricht von einem zeitlichen Damokles-Schwert.

Die ehemalige Möbelhalle in einem Gewerbegebiet umfasse zudem lediglich 1100 Quadratmeter. "Auf der Alten Messe hatten wir neben der stilvollen Arbeits- und Probenkulisse auf insgesamt 3000 Quadratmetern im Ost- und Südschiff deutlich mehr Platz“, zeigt Köhler auf.

"Wir suchen für Leipzig eine Dauerlösung“, appelliert der Theatermacher: "Dazu brauchen wir dringend die Unterstützung der Stadtverwaltung, alleine schaffen wir es nicht!“ Er erinnert daran, das Titanick in der Messestadt bereits stolze 30 Jahre lang - eben seit dem Mauerfall - weltweit aufgeführte Produktionen kreiere. "Wir haben von Beginn an den Geist der Wiedervereinigung gelebt“, fasst er zusammen und mahnt traurig: “Nun darf uns gerade diese Stadt nicht im Stich lassen!"

Ein Paradoxon ist die delikate Chose schlechthin, "spielt das Theater" um eine neue Bleibe doch ausgerechnet zum 30jährigen Jahrestag des Mauerfalls! Und immer wieder ist in Leipzig offenbar das hohe Bildungsgut Kultur in „Lebensgefahr“: Noch im Dezember vorigen Jahres hatten Mitglieder zahlreicher Kinder- und Jugendprojekte vor dem Sitzungssaal des Neuen Rathauses für mehr Haushaltsmittel protestiert. Damals standen über 50 Projekte vor dem Aus (TAG24 berichtete).

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