Leipziger Tierheim-Chef: "Erhalte regelmäßig Morddrohungen!"

Tierheim-Chef Michael Sperlich (52) mit Hundewelpe Nina auf dem Arm.
Tierheim-Chef Michael Sperlich (52) mit Hundewelpe Nina auf dem Arm.  © Ralf Seegers

Leipzig - Nicht immer sind Tierhalter einverstanden, wenn ihnen - aus welchen Gründen auch immer - das liebste Haustier abgenommen wird. Der Leipziger Tierheim-Chef, der die Tiere dann aufnimmt, kann wohl am wenigsten dafür. Dennoch nimmt die verbale Gewalt gegen ihn in solchen Fällen stark zu. Sogar Morddrohungen erhält er.

Der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür und versucht zu pfänden, was zu pfänden geht. Was er nicht zu Geld machen kann, sind Tiere. Die müssen vor allem bei Wohnungsräumungen raus aus den gewohnten vier Wänden. Letzter Weg: Der zwangsläufige Umzug ins Tierheim.

Dort werden Geschäftsführer Michael Sperlich (52) und seine Kollegen vom Tierheim Leipzig immer häufiger mit exotischen Reptilienarten konfrontiert. Denn jeder kann sich ohne jegliche Nachweise übers Internet Exoten kaufen.

Genau dort liegt das Problem. Die Tiere kommen dann nach Wohnungsräumungen ohne Papiere ins Tierheim nach Leipzig-Breitenfeld. "Das macht die Vermittlung natürlich nicht einfacher", sagte Michael Sperlich im exklusiven TAG24-Interview. Die Angestellten und Tierärzte müssen dann bestmöglich bestimmen, um welche Art es sich handelt. "Das funktioniert aber nicht immer", so Sperlich.

Michael Sperlich vor einem Terrarium: Besonders die Abgabe von Reptilien hat sich in letzter Zeit deutlich vermehrt.
Michael Sperlich vor einem Terrarium: Besonders die Abgabe von Reptilien hat sich in letzter Zeit deutlich vermehrt.  © Thomas Türpe

Der schlimmste Fall: 2015 sei eine Wohnung in der Hermann-Liebmann-Straße (Neustadt-Neuschönefeld) geräumt worden.

Der Mieter hatte sich ins Drogenkoma geschossen, so der Tierheimleiter. Was dort gefunden wurde, ist schier unglaublich: Insgesamt 106 Tiere, darunter 23 Schlangen und 49 Vogelspinnen, wurden aus der Wohnung geholt.

"Es gibt allein 400 Unterarten von Vogelspinnen", so Sperlich, "es ist fast unmöglich, die genaue Art zu bestimmen." Demzufolge könne man oftmals auch nicht sagen, ob es sich um giftige Exemplare handele oder nicht. Vor kurzer Zeit kamen auch noch ein Madagassischer Tausendfüßler und ein Einsiedlerkrebs von einem Verstorbenen dazu. Wie das Tierheim beide losbekommen will, ist unklar.

Den Grund der vermehrten Haltung von exotischen Tieren sieht der Geschäftsführer des Tierheims Leipzig an einer ganz bestimmten Stelle.

"Die Politik hat nicht begriffen, was da auf uns zurollt", mahnte Michael Sperlich. Die Gesetzeslage in Sachen Tierhaltung im Freistaat Sachsen hätte eine Überarbeitung und vor allem Erweiterung schon lange bitter nötig. Es gibt keinerlei Einschränkungen für die Haltung von Tieren. Vereinzelt wurden zwar Richtlinien erarbeitet. Aber die sind halt auch nicht in Stein gemeiselt. Dran halten muss man sich nicht. Es ist ja nur eine Empfehlung.

Zudem gibt es in der Stadt auch ganz klare soziale Grenzen. Besonders aus den Stadtteilen Neustadt-Neuschönefeld, Neu-Paunsdorf und dem gesamten Bereich der Eisenbahnstraße kommen immer häufiger Reptilien ins Tierheim. "Aus Gohlis-Nord oder Schleußig erhalten wir da eher weniger Tiere", sagte Sperlich.

Tierheim-Chef Michael Sperlich: "Ich erhalte regelmäßig Morddrohungen!"
Tierheim-Chef Michael Sperlich: "Ich erhalte regelmäßig Morddrohungen!"  © Ralf Seegers

Probleme gibt es wiederum auch häufig mit mehreren (aggressiven) Haltern, denen ihre Tiere aus verschiedensten Gründen entzogen wurden.

Die tauchen eines Tages am Tierheim auf und wollen ihre Zwei- oder Vierbeiner zurück. "Verbale oder die Androhung körperlicher Gewalt nimmt immer mehr zu", äußerte sich Michael Sperlich zu der bedenklichen Entwicklung.

"Ich erhalte auch regelmäßig Morddrohungen", offenbart der Tierheimleiter. Besonders in den sozialen Netzwerken sei die Hemmschwelle drastisch gesunken. "Wir mussten unsere Seite bei Facebook rausnehmen", sagte der 52-Jährige. Die Kommentare sollen haltlos und teilweise rufschädigend gewesen sein.

Das Tierheim Leipzig, das aktuell rund 350 Tiere beherbergt, finanziert sich zu großen Teilen auch durch Erbschaften. "Ohne die könnten wir zumachen", sagte Michael Sperlich. Die Stadt Leipzig nimmt mit rund 70 Prozent den größten Teil des Tierheims ein und trägt damit auch den Großteil der laufenden Kosten.

700.000 Euro betragen die jährlichen laufenden Kosten. Allein rund 100.000 Euro gehen jeweils für Tierärzte und Spezialfutter drauf. Über Spenden freut sich das Tierheim Leipzig - wie jedes andere auch - natürlich immer sehr. Am besten sind hier Geldspenden. "Ich hole aus jedem Spenden-Euro mehr raus, als Privatleute, die Futter im Handel kaufen", ist sich der Tierheim-Chef sicher. Durch die hohe Abnahmemengen bekomme er natürlich viel bessere Konditionen.

Im Tierheim Leipzig arbeiten übrigens nur ausgebildete Tierpfleger. Der Umgang - vor allem mit immer exotischeren Tieren - bedarf einfach einer fachmännischen Ausbildung. Das ist auch gut so: Denn die Welle mit immer verrückteren, gefährlicheren oder größeren Tierarten ebbt wohl so schnell nicht ab.


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