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Leipziger Forscher überwintert in der Antarktis

Leipzig/Arktis - Brrr! Bis zu minus 40 Grad, Schneestürme und zwei Monate Dunkelheit. Das klingt wenig einladend. Dennoch forscht der Leipziger Dr. Thomas Schäfer (35) 14 Monate lang auf dem frostigen Kontinent für das Alfred-Wegener-Institut (AWI).
Angekommen! 1,5 Kilometer muss Thomas Schäfer jeden Tag zu seinem Spurenstoffobservatorium laufen. Nicht ganz ungefährlich ...
Angekommen! 1,5 Kilometer muss Thomas Schäfer jeden Tag zu seinem Spurenstoffobservatorium laufen. Nicht ganz ungefährlich ...

Von Antje Meier

Leipzig/Antarktis - Brrr! Bis zu minus 40 Grad, Schneestürme und zwei Monate Dunkelheit: Ohne entsprechende Ausrüstung könnten Menschen nicht lange in der Antarktis überleben.

Das klingt wenig einladend. Dennoch wagte der Leipziger Dr. Thomas Schäfer (35) den Schritt in die größte Eiswüste der Welt. 14 Monate lang lebt und forscht er auf dem frostigen Kontinent für das Alfred-Wegener-Institut (AWI)...

Der Kälterekord in der Antarktis liegt bei minus 93,2 Grad. Ganz so kalt wird es an der nördlichen Schelfeiskante zum Glück nicht.

„Wir haben hier gerade um die minus 25 Grad und viele Stürme. Aber irgendwann wird es noch bis minus 40 Grad“, berichtet Thomas Schäfer aus der Antarktis.

Dieser kleine Raum links ist 14 Monate lang das Zuhause von Thomas Schäfer.
Dieser kleine Raum links ist 14 Monate lang das Zuhause von Thomas Schäfer.

Gemeinsam mit acht anderen Deutschen überwintert er im ewigen Eis.

Nur per Telefon und Internet kann er Kontakt zur Außenwelt aufnehmen – und mit den Lieben daheim kommunizieren.

„Ich habe meine Freundin erst kurz vorher kennengelernt. Jetzt führen wir eine Fernbeziehung“, sagt Schäfer etwas wehmütig. „Aber es wird alles gut werden“, ist er sicher.

Seine Beweggründe, an dem Abenteuer Antarktis teilzunehmen, sind einfach, erklärt Schäfer: „Zum einen kommt man sonst nicht ohne Weiteres in die Antarktis, und zum zweiten wollte ich etwas Außergewöhnliches machen, was nicht jeder macht.“

Zuvor hatte der Leipziger nach seinem Chemiestudium an der Universität Leipzig am TROPOS Leibniz-Institut für Troposphärenforschung gearbeitet.

Dr. Thomas Schäfer (35) stellt sich dem Abenteuer Antarktis - ganze 14 Monate lang.
Dr. Thomas Schäfer (35) stellt sich dem Abenteuer Antarktis - ganze 14 Monate lang.

Bereits zum zweiten Mal hatte er sich für das AWI-Projekt beworben. Und diesmal hatte es auch geklappt.

Nach vier Monaten Vorbereitungszeit – mit Brandschutz- und Gletschertraining – traf der Luftchemiker kurz vor Weihnachten in seiner neuen eisigen Heimat auf Zeit ein.

Nun lebt er in einem 2,50 mal 6 Meter großen Zimmer, ausgestattet mit einem Bett, Schränken und einem Schreibtisch.

Doch was packt man für eine so lange Zeit im Eis eigentlich ein? „Man nimmt vor allem Sachen zur Beschäftigung mit – also Filme und Bücher“, erzählt Schäfer.

Die Kisten mit den persönlichen Sachen gingen, noch vor ihm, im September auf die Reise. Etwas vergessen? Pech gehabt!

Mit Pistenbully und Wohnanhänger geht es auch mal zu den weiter weg gelegenen seismologischen Observatorien.
Mit Pistenbully und Wohnanhänger geht es auch mal zu den weiter weg gelegenen seismologischen Observatorien.

Bis Februar 2017 wird seine „Schicht“ nun dauern. In dieser Zeit betreut er das Spurenstoffobservatorium, nimmt Luftproben.

Der tägliche Weg zu seinem Arbeitsplatz ist dabei ein Abenteuer für sich. 1,5 Kilometer muss er täglich durch den Schnee stapfen. Dauer: zirka 20 Minuten. „Man muss sich gut einpacken. Denn der Schnee kommt durch jede Ritze“, sagt Thomas Schäfer. Und wehe, ein Sturm zieht auf!

„Der Wind drückt einen durch die Gegend. Man sieht nur fünf Meter weit und der Weg verlängert sich auf 40 Minuten“, erzählt der Forscher. „Man muss sich am gespannten Handlauf entlang hangeln. Kommt man davon ab, ist ringsherum alles weiß.“

Man(n) wäre im ewigen Eis verloren.

Erforscht wird die Luft und die Dicke des Eises

Von März bis Oktober halten neun Überwinterer die Stellung auf der Neumayer III Station. Im antarktischen Sommer arbeiten bis zu 60 Personen hier.
Von März bis Oktober halten neun Überwinterer die Stellung auf der Neumayer III Station. Im antarktischen Sommer arbeiten bis zu 60 Personen hier.

Das Alfred-Wegener-Institut betreibt seit 1981 eine durchgängig besetzte Forschungsstation in der Antarktis. Unter anderem betreibt es Observatorien zur Atmosphärenforschung und Geophysik.

Zur Atmosphärenforschung gehören das luftchemische Observatorium, das in der Obhut von Thomas Schäfer ist, und das meteorologische Observatorium.

Für die meteorologische Datenerfassung lässt man täglich Radiosonden aufsteigen. Diese messen zum Beispiel den Ozongehalt, um Veränderungen des Ozonlochs erfassen zu können. Außerdem wird einmal im Monat die Dicke des Meereises der Atkabucht bestimmt, um Informationen über das Wachstum des Meereises im Jahresverlauf zu erhalten.

Die Geophysik konzentriert sich auf seismologische Erhebungen zur Erforschung von Erdbeben und kontinuierliche Messungen des Erdmagnetfeldes. Des Weiteren überwacht die Geophysik überirdische nukleare Explosionen.

Frisches ist eher Mangelware

Aus Bremerhaven bahnt sich die Fracht mit dem Forschungseisbrecher den Weg.
Aus Bremerhaven bahnt sich die Fracht mit dem Forschungseisbrecher den Weg.

Was in der Antarktis auf dem Teller landet, entscheidet der Stationskoch schon Monate im Voraus. Die Herausforderung: Er muss einen Speiseplan für ein ganzes Jahr erstellen.

Die überlebensnotwendige Fracht kommt dabei aus Deutschland. Genauer: aus Bremerhaven. Alle Waren werden dort in Container verpackt und mit dem Forschungseisbrecher Polarstern im Dezember in den Eishafen der Atka-Bucht transportiert.

An Bord sind überwiegend tiefgefrorene und lang haltbare Lebensmittel. Bis zum Ende der Sommersaison im Februar landen zudem Flugzeuge, die frisches Obst und Gemüse liefern. Das hält jedoch nur bis April vor.

Schlägt einem Überwinterer die Antarktis-Kost mal auf den Magen, gibt’s Hilfe im stationseigenen Hospital. „Unsere Stationsleiterin ist gleichzeitig Allgemeinärztin und Chirurgin. Sie ist für alle Wehwehchen zuständig“, sagt Thomas Schäfer.

In Notfällen hält die Station eine Verbindung zum Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven. Denn gerade in den Wintermonaten sind Krankentransporte so gut wie unmöglich.

Neumayer-Station ist ständig in Bewegung

Der Querschnitt zeigt die Neumayer III Station.
Der Querschnitt zeigt die Neumayer III Station.

Das Zentrum der deutschen Antarktisforschung befindet sich auf dem Ekström-Schelfeis, nahe der Atka-Bucht im nordöstlichen Weddell-Meer der Antarktis. Am 20. Februar 2009 ging die „Neumayer III“ in Betrieb.

In 100 Containern sind Wohnräume, Küche, Messe und Hospital sowie Labore, Funkraum, Sanitärräume, Energiezentrale und Schneeschmelze untergebracht.

Eine in den Schnee gebaute Garage beherbergt zudem Werkstätten, Vorrats-, Abfall- und Tankcontainer und bietet Stellplätze für Pistenbullys und Motorschlitten.

Da sich das Schelfeis bewegt, wandert die Station pro Jahr um etwa 157 Meter Richtung Schelfeiskante. Deshalb ist die Station nur auf eine Lebensdauer von 30 Jahren angelegt.

„Sollte bis dahin die Gefahr bestehen, dass das Schelfeis zerfällt oder abbricht, wird sie rechtzeitig abgebaut“, sagt Sina Löschke vom AWI.

Damit die Station nicht vorzeitig, wie ihre Vorgänger, einschneit, wird sie mit Hilfe hydraulischer Hebevorrichtungen auf die aktuelle Schneehöhe angehoben.

Für zwei Monate wird's zappenduster

Die Polarlichter gehören zu den beeindruckensten Naturphänomenen.
Die Polarlichter gehören zu den beeindruckensten Naturphänomenen.

Am 23. Mai geht in der Antarktis die Sonne unter – für ganze zwei Monate.

Die Sonne scheint das letzte Mal für eine halbe Stunde. Dann herrscht Finsternis. Nur gegen Mittag dämmert es etwas.

„Es gibt einige Lichttherapielampen auf der Station. Aber wir werden sehen, wie es in dieser Zeit mit der persönlichen Motivation und Empfindung wird“, sagt Thomas Schäfer.

Das Pendant zur Polarnacht ist der Polartag. Von November bis Januar geht die Sonne nicht unter.

Ein atemberaubendes Lichtspektakel sind auch die bunt schimmernden Polarlichter. Sie entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen der Sonnenwinde auf Luftteilchen stoßen und diese zum Leuchten bringen.

Fotos: Alfred-Wegener-Institut/Sina Löschke, Alfred-Wegener-Institut/Stefan Christmann, Alfred-Wegener-Institut/Annemarie Sticher, Alfred-Wegener-Institut/Thomas Steuer, Alfred-Wegener-Institut/Frank Rödel, privat (3)

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